Der Nachbar

Die Zeit, bevor es im Treppenhaus stetig nach Senf, Piroggen, Döner und Kohl roch, war schier endlos und trist. In dem dreigeschossigen Altbau, in dem ich wohnte, herrschte Stille und absolute Anonymität. Ich kannte keinen meiner Nachbarn beim Vornamen, konnte nur wenige der Gesichter, denen ich am Briefkasten oder im Hausflur begegnete, einer Wohnung zuordnen. Vor jeder Wohnungstür stand dasselbe kleine Schuhschränkchen, halb vor sich hingammelnd. Die weißgraue Lackfarbe der Bodenleisten platzte im Laufe der Jahre nach und nach ab und verschwand im Kehricht der alten Frau aus dem Erdgeschoss, die als einzige den Ordnungsplan für die Hausreinigung ernst nahm. Eigentlich sah man sie in ihrer Bauernschürze nur fegen, wischen, Bettlaken in die Waschkammer im Keller tragen oder ihren fettleibigen Kurzhaardackel anschreien, der wieder einmal im Hof neben die gelbe Mülltonne für Plastikabfall gekackt hatte.

Im Sommer roch es im Eingangsbereich des Hauses fast immer nach Müll, seitdem sich die Tür zum Hinterhof nicht mehr zusperren ließ. Ab dem ersten Obergeschoss umwehte einen dann eine Prise Käsefuß, der aus den verschwitzten Mauken der Hausbelegschaft strömte. Auf keinem der Fußabtreter war eine Willkommensnachricht, eine Begrüßung oder Home Sweet Home gestickt. Grau und schmutzig ergaben sie sich ihrem Schicksal. Man fühlte sich in diesem Haus fremd und abgewiesen; ich brauchte immer eine ganze Weile, wenn ich abends aus dem Büro nach Hause kam, meine Tür aufschloss und die Wohnung betrat, ehe ich mich wohler fühlte. Irgendwo zwischen dem Jackenhalter in meinem Flur und dem Wohnzimmer verflüchtigte sich dieses sonderbare Gefühl, verschwand wie Nebel und blieb den Rest des Tages fern.

Das Kopfende meines Bettes schloss ziemlich genau mit der Heizung ab, und so lauschte ich abends oft dem alten Witwer, der alte Schallplatten unter mir auflegte. Ich stellte mir vor, wie er einsam in seinem alten Ohrensessel mit Brokatmuster brüchig gewordene Fotoalben durchblätterte, schwarz-weiße Fotografien betrachtete, die seit dem Tod seiner Frau vor wenigen Jahren, mehr und mehr erblindeten und ausblichen wie ein alter Spiegel. Sofern die Plattennadel auf dem eiernden Vinyl hängenblieb, dauerte es eine Weile bis er sich erhob und in seinen Pantoffeln zum Plattenteller schlurfte und mit altersbedingtem Händezittern die Nadel sanft anhob und ein kleines Stück weiter wieder aufsetzte. Das war der letzte Rest intimer Routine, die ihm blieb. Melodien, die ihm etwas bedeuteten; bei denen er Bilder in seinem Gedächtnis ordnen und betrauern konnte. Dass sich seine Erinnerung auf so banale Art im Kreislauf des Hauses in den Heizungsrohren verbreitete, war die eigentliche Tragödie. Ich schämte mich dafür, dass ich auf diese voyeuristische Art und Weise Zeuge seines stillgestandenen Lebens wurde; aber es beruhigte mich auch irgendwie, machte die Kopfschmerzen erträglicher und der Herzverschluss klemmte nicht mehr so sehr.

Es muss ein Donnerstag gewesen sein, als mein neuer Nachbar gegenüber einzog, denn mein Abteilungsleiter trug donnerstags immer seine lachsfarbene Krawatte mit doppeltem Windsorknoten. Ich hasste diesen Tag. Auf dem Heimweg prasselte der Regen wie aus Gießkannen auf die aufgeheizten Bürgersteige hinab; ich hatte meinen Regenschirm zu Hause liegen lassen. Pitschnass öffnete ich den Briefkasten; zwischen den vielen Werbeprospekten blitzte eine Postkarte hervor, auf der die Altstadt von Dubrovnik aus einer schrägen Vogelperspektive abgebildet war. Die Adria glänzte unter der Sonne einladend wie eine verchromte Radkappe in der Wüste, und so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht erkennen, wo das Meer in den Himmel überging; wie hypnotisiert folgte mein Blick der Komposition weiter über die kroatischen Dächer, bestehend aus roten Dachziegeln. Unsicher erwachte ich aus diesem Tagtraum und lief meinem – wie sich herausstellte – neuen Nachbarn direkt in die Arme, der gerade damit beschäftigt war seine letzten Umzugskartons nach oben zu schaffen.

Ich erschrak, ein merkwürdiger Quietschlaut verließ mich.

»Nimm es mir nicht übel, aber das muss jetzt sein«, sagte er und streckte seinen Kopf nach vorne um an mir zu schnuppern. Die Sekunden rasten in einem Affentempo durch den Raum.

Ich erstarrte vor dieser bizarren Geste zu einem Eisblock. Automatisch zog ich den Kopf ein Stück zurück, so dass mein Gesicht und Hals eine gerade Linie bildeten.

»Calvin Klein«, sagte er, »find ich gut.«

»Nein. Bastian Held«, sagte ich. Keiner von uns beiden lachte, was daran lag, dass dieser Witz im Stile eines verzweifelten Autoverkäufers aus und in der Provinz war.

Er trat einen Schritt zurück, stemmte seine Hände in die Hüfte und beugte sich mit einem lauten Knacklaut nach hinten. Ich blieb versteinert auf der Stelle stehen, schwieg irritiert vor mich hin und glotzte ihn dümmlich an. Seine Augen waren wimpernlos und hellblau. Kalt lief es mir den Rücken hinunter.

»Wohnst du hier?«, fragte er mich und wischte sich mit seinem Unterarm den Schweiß von der Stirn.

»Das kann man so sagen.«

»Ich bin gerade eingezogen. Dritte Etage.«

»Schön für dich«, entgegnete ich ihm. Die Schrecksekunde hielt mich noch immer fest im Würgegriff. Zwischen meinen Schuhen sammelte sich etwas Regenwasser.

»Ich bin quasi gleich fertig, da sind die letzten beiden Kisten vom Umzug«, sagte er und deutete mit einem Kopfnicken auf zwei traurig dahinsiechende Pappkartons, die am Boden den Sud aus Schmutz und Regenwasser aufsaugten. Ein sorgfältig zusammengelegtes, beigefarbenes Plumeau verdeckte die beiden Kisten zur Hälfte.

»Soll ich dir helfen?«, schlug ich ihm vor. Ich sagte das ganz automatisch um der Falle des peinlich betretenen Schweigens zu entwischen. Kommunikationsfehler dieser Art hatte ich schon immer bewundert und erfolglos zu enträtseln versucht.

»Das wäre großartig.«

Er lächelte. Wahrscheinlich tat er dies auch, als ich meinen Blick von ihm abwendete um die beiden übriggebliebenen Kisten zu begutachten. Ich ging einen Schritt auf ihn zu und reichte ihm meine Hand. Mit vorgehaltener und entsicherter Pistole zwang ich ein Lächeln auf mein Gesicht.

»Boris«, entgegnete er mir blinzelnd (und lächelnd), nahm meine Hand in die seine und legte die andere zur Krönung darauf, »Boris Nikischin.«

»Boris Nikischin?«, fragte ich ein wenig belustigt, »Das klingt, als wärst du eine Cartoon-Figur.«

»Es ist ein russischer Nachname. Du musst wissen, ich bin Russe. Also in der ehemaligen Sowjetunion geboren, weißt du?«

Mit einer achtlosen Bewegung strich er sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und wischte sich die Hand an seinem löchrigen weißen Shirt ab, das hier und da durch geschwungene Dreckstriemen verziert war. Er tastete seine Taschen ab, als sei er auf der Suche nach etwas, was sich dann in einem fließenden Übergang zu einer Geste transformierte, die grell-rot blickend »Erwischt, hier entlang, bitte« schrie. Ich mochte ihn auf Anhieb.

»Hast du vielleicht eine Fluppe für mich? Müssen wohl schon oben liegen.«

Ich kramte in meiner Jackentasche und zog eine halbleere Zigarettenschachtel heraus. Die Klarsichtfolie der Packung hatte was vom Regen abbekommen. Mit einem eleganten Fingerschnipser schubste ich weltmännisch eine Zigarette zutage und reichte sie Boris.

»Russe also«, sagte ich frech, »so so…«

Auch ich zündete mir eine Zigarette an. Gierig zog er den ersten Zug in seiner Lungen, schmatzte genüsslich und ließ den Rauch aus seinen Nasenlöchern strömen.

»Über euch hört man ja nur Gutes«, fuhr ich fort, und blinzelte ihn mit einem Anflug ungewollter Peinlichkeit an.

»Tam horosho, gde nas net«, nuschelte er mit halb geschlossenen Lippen, welche die glühende Zigarette fest im Mundwinkel umklammerten.

Er schlug mir freundschaftlich auf die Schulter, bückte sich und warf sich das Plumeau über die Schulter. Ich blickte ihn hohl und fragend an.

»Das hält man außerhalb von Russland für ein Sprichwort und bedeutet so viel wie Es ist dort gut, wo es uns nicht gibt‹.«

Er bückte sich erneut und hob eine der Kisten hoch. Seine Hände und Oberarme krampften unter der Anstrengung; ein Stückchen Asche krümelte in seinen V-Ausschnitt.

Ich griff nach der anderen Kiste, die scheinbar schwerer als seine war; ein krächzender Ächzlaut verließ mich. Wir schleppten die Kisten schweigend und schwitzend ohne einmal abzusetzen in die dritte Etage. Der Zigarettenqualm stieg mir ohne Unterlass ins rechte Auge, das tränte und brannte. Boris hustete ab dem zweiten Obergeschoss.

Als er bereits mit einem Bein in seiner Wohnung stand, schloss ich meine Wohnungstür auf. Zögernd blieb ich davor stehen.

»Danke, Mann«, drang in mein Ohr.

Ich drehte mich halb um.

»Boris«, entfuhr es mir.

»Ja?«

»Wo genau bist du in Russland geboren?«

»In einem kleinen Nest namens Tschaikowski.«

Ich schwieg und blickte ihn wartend an.

»Das liegt an der Grenze zu Udmurtien an der Kama; so gut wie im Nirgendwo. Wenn man da geboren wird, dann kommt man meistens höchstens nach Perm.«

»Oder nach Berlin«, begegnete ich ihm.

»Fun Fact: Im Zeitalter Perm hat sich der Superkontinent Pangäa gebildet.«

»Der dann wieder auseinander gebrochen ist.«

»So läuft’s doch immer.«

Er lächelte wieder; nun sah ich die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen.

»Danke nochmal für die Hilfe. Wir sehen uns«, sagte er, hob vertraut grüßend seine Hand und schloss langsam die Tür. Der metallische Laut, der den Abschied mit dem Einrasten der Tür ins Schloss begleitete, gefiel mir.

Ich blieb noch ein paar Sekunden stehen und betrachtete das kleine Schuhschränkchen unter seiner Wohnungsklingel.

»Ja, man sieht sich«, sprach ich leise vor mich hin.

Auf seinem verdreckten Schuhabtreter war blass das Wort Willkommen kursiv und verschnörkelt eingearbeitet.

Der Abend brachte noch mehr Regen. Wie ein zurückgelassener Teppich ruhte die dunkle Wolkenmasse auf dieser Stadt, begrub das Licht der Laternen unter sich wie ein kalte Lawine, kesselte Millionen Schicksale unbemerkt ein und flutete diese Nacht mit kühler Melancholie. Das Prasseln auf dem Fensterbrett klang ziemlich schüchtern, und doch anwesend.

Gegen ein Uhr morgens begann ich schließlich, die Blitze zu beobachten. Das Zeitfenster zwischen gleißend hellen Krämpfen am Himmel und trägem Donner wurde spürbar kleiner und beruhigte mich auf eine Weise, die mir aus Kindestagen in Erinnerung geblieben war. Dinge, für die man verstaubte Gefühle aufrechterhielt und die sich nur mit wenigen, nicht angemessenen Worten oder Gesten erklären ließen. Als fremdgewordene Überbleibsel blieben sie so auf ewig weit weg von allem, was Platz in dieser Welt fand.

Ich schlief seit einigen Tagen sehr schlecht. Meine Gedanken drehten sich oft im Kreis und die Phasen, in denen ich mir selber ein Rätsel war, kamen öfter und blieben länger; wie ungebetene Gäste.

Was ich auch tat, es fühlte sich unvollständig an, und so quälte ich mich im Bett von einer Seite zur anderen, klemmte die Decke mal zwischen die Beine oder wickelte mich komplett in sie ein. Ohne sich zu verabschieden, verließ mich irgendwann das Zeitgefühl, und ich schwöre bei Gott, zwischen meinen Wänden pochten die Stunden, die in dieser Nacht noch übrig geblieben waren; trieben wie Staub unsichtbar durch den Raum. Wie Sand rieselten sie durch meine Hände, blieben griff- und konturlos.

Irgendwann stand ich dann auf und folgte meinen Schritten ins Badezimmer um mir warmes Wasser über die Hände laufen zu lassen. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass mich das beruhigte. Meine Augen verfolgten das Wasser wie kleine aufmerksame Jäger; sahen zu, wie es im Abfluss verschwand.

Mir blieb ein pfeffriges Gefühl im Kopf, das mich wachhielt und die Idee der Taubheit wie einen leichten Schleier über mir ausbreitete.

Die Schwarz-Weiß-Impfung

Sie zerreiben sich an Erwartungen. An ihren eigenen und an denen des Anderen. Sie tun das maßlos und ohne jede Spur von Rücksichtnahme. Weder sich selbst, noch dem Anderen gegenüber. Und sie lernen nichts daraus, außer dass sie verletzlich sind. Sie beginnen sich zu beschützen, ebenfalls maßlos und ohne jede Rücksicht. Ohne infrage zu stellen, ob überhaupt eine Gefahr besteht. Und ob die Liebe ohne die Gefahr verletzt zu werden, eine Illusion ist. Das alles ist ein in sich geschlossenes System, in dem es einen Anfang und ein Ende gibt. Und eine Wiederholung mit anderen Menschen. Denselben Gefühlen. Denselben Fehlern. Denselben Erwartungen. Bis man schlussendlich für immer stehen bleibt. Dann auch im wahrsten Sinne des Wortes.

Liebe bedeutet, verletzbar zu sein und zu bleiben. Sie bedeutet nicht, diese Gefahr gegen Sicherheit und Gewohnheit auszutauschen. Aber die meisten Menschen verbinden den Umgang dieser Gefahr mit Drama, das sich keine Pausen einräumt. Die Schwarz-Weiß-Impfung. Entweder es ist alles cool oder nicht. So wird bewertet. Selbst, wenn das Pendel schon lange auf einer Graustufe dazwischen zum Stehen gekommen ist. Darüber zu reden, bedeutet, etwas infrage zu stellen. Was infrage gestellt wird, ist dysfunktional. Was dysfunktional ist, ist tot. Was tot ist, wird beerdigt. Und dann geht es von vorne los.

Das Bedürfnis nach Harmonie und die Gewohnheit walzen blind über ein Bild, das man von sich und der Liebe hat. Man ist in einer Beziehung und die Regel lautet: Verletze deinen Partner nicht. Also tu gewisse Dinge nicht und alles wird gut. Die Schwarz-Weiß-Impfung. Eine Erfolgsgeschichte ohne Grautöne.

Viele Paare sind stolz, dass sie nicht streiten. Kein Streit, keine Zweifel, keine Krisen. Eine einfache Rechnung. Eine einfache Antwort auf eine falsche Frage. Deine Sehnsucht und alles, was du zum Glück benötigst, muss dein Partner erfüllen.

Also habt ihr beschlossen, dass ihr euch liebt. Auch nach vielen Jahren. Die Gewohnheiten, der gemeinsame Alltag werden zu Requisiten einer Vorstellung von Liebe. Natürlich drehst du durch, wenn einer in Zweifel gerät. Und wenn er dazu einen Fehler begeht, dann ist alles negiert, mit 0 multipliziert. Also ist das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen. Dein Partner interessiert sich für den Geist und den Körper eines anderen Menschen. Die Gefahr ist real geworden. Deine Erwartungen wurden enttäuscht. Du erstickst an deiner Eifersucht.

Ist der Eindringling schöner, interessanter, besser? Werde ich verglichen und schneide schlechter ab? Bin ich wertlos? Reiche ich nicht? Was habe ich falsch gemacht? Wieso bin ich nicht schöner, interessanter, besser? Wieso stellt mich mein Partner so infrage? Was habe ich getan?

Die ganzen Details, wenn dein Partner sich auf einen anderen Menschen nicht nur geistig, sondern auch körperlich einlässt, über die spricht man in seinem Rückzugsgefecht nicht mal. Aber alles donnert mit der Wucht einer Dampframme durch dein Gehirn. Ein Erdbeben der höchsten Stufe. Festhalten ist sinnlos. Die Liebe entpuppt sich in diesem Moment als Feind. Denn wenn jemand etwas Neues entdeckt, dann ist dieses Neue spannender als das Bekannte. Der Rest ist der Standard-Showdown. Man trennt sich, man erniedrigt sich oder man legt seinen Partner für seine Zweifel und seine Fehler in Ketten. Wen interessiert da schon, ob ein Fehler wirklich ein Fehler ist oder einfach nur eine ungerechte Erwartungshaltung, die man viel zu unfair und hoch an die Mauern der Beziehung geschraubt hat. Mauern in einer Beziehung sind immer eine gute Idee, wenn das eigene Selbstwertgefühl nur eine zerbrochene Minus-Version von einem selbst ist.

Verletzt zu sein, ist kein Fehler. Das etwas infrage gestellt wird, ist auch kein Fehler. Etwas und jemanden infrage zu stellen, fühlt sich oft unfair an. Aber es ist das Aufrichtigste, das man tun kann. Denn Stillstand ist sowohl das Ende von etwas, als auch der Beginn einer Wiederholung. Einem Kreislauf. Eine Kopie der Vorstellung von wahrer Liebe. Solange kopiert bis nichts mehr übrig geblieben ist als Mauern und einer unerfüllbaren Sehnsucht. Entweder schwarz oder weiß. Dein Partner hat so zu sein, solange es dich nicht verletzt. Es ist so einfach, nicht wahr?

Aber. Warst du immer neugierig, was deinen Partner tief bewegt? Sind Geheimnisse voreinander bis zu einem Punkt sogar notwendig, sodass man ein Mensch voller Sehnsucht bleiben kann? Ist Sehnsucht eine Sollbruchstelle in der Liebe? Geht es darum, dass du glücklich bist oder dein Partner? Kann man selbst nur glücklich sein, wenn man zusammen zweifelsfrei glücklich ist? Sind Veränderungen etwas Schlechtes oder ermöglichen sie Chancen? Wie führt man Veränderungen herbei? Gehören Schmerzen zwangsläufig zu Veränderungen? Hast du selber schon mal gezweifelt? Hast du Sehnsüchte, die dein Partner nicht erfüllen kann? Wieso ist es schlimm, verglichen zu werden? Warum muss man immer der Beste in allem sein, damit man geliebt werden kann?

Das gilt für Körper und Geist. Kein Entweder-oder. Nur eine Illusion, auf der man geblendet durch ein ganzes Leben reiten will. Auch das stellt man nicht infrage.

Auch der Schwarz-Weiß-Film ist eigentlich nur ein Zusammenspiel von sehr vielen Grautönen. Man spricht über schwarz und weiß. Kein Wort über die Nuancen dazwischen, über die Grautöne. Die Schwarz-Weiß-Impfung klingt einfach. Und über einfache Dinge muss man nicht so viel sprechen. Koste es, was es wolle.

Run

Der Abend fängt schon beschissen an. Einer der Flugbegleiter trägt Vokuhila und hat gezupfte Augenbrauen. Ich schätze ihn auf Ende Zwanzig, etwas jünger als mich. Für die lächerliche Aufmachung, die ihm sein Arbeitgeber aufzwingt, kann er nichts. Das ist mir bewusst. Aber der Vokuhila. Er grinst bei der Aufnahme der Getränkewünsche. Seine Zähne sind gerade und weiß. Ich mache kurz Frieden mit seinem Gesicht, aber dann bleibt seine Oberlippe kurz an seinen Schneidezähnen kleben, weil das Grinsen seinen Mund ausgetrocknet hat. Es dauert viel zu lange, bis er das korrigiert, seine Lippen benetzt und das zerstört alles. Ich bestelle ein Bier und er teilt mir grinsend mit, dass sie heute kein Bier an Bord hätten.

»Fein. Dann hätte ich gerne ein Glas Whisky«, sage ich.

»Leider, leider haben wir heute generell keinen Alkohol an Bord. Kann ich Ihnen mit etwas anderem eine Freude machen?«, entgegnet mir das Vokuhila-Gesicht.

Mir fällt jetzt aus der Nähe auf, wie leer seine Augen sind. Auf seinem rechten Eckzahn ist klar und deutlich ein Essensrest hängen geblieben. Fassungslos frage ich mich, warum er diesen nicht spürt oder warum ihm das keiner seiner Kollegen mitteilt. Irgendwie halte ich mich innerlich zu lange mit dieser Frage auf, sodass eine unangenehme Stille entstanden sein muss.

»Zum Beispiel einen leckeren Tomatensaft«, sagt er zögernd.

»Oh, so einen möchte ich trinken«, sagt mein Sitznachbar plötzlich und lacht unsicher. Und sein Sitznachbar am Gang schließt sich lachend an, um die Stimmung noch weiter aufzulockern. Auch das Vokuhila-Gesicht lacht nun unsicher und beginnt mit dem Ausschank des Tomatensaftes in zwei Plastikbecher. Da sitze ich nun, umgeben von lachendem Abschaum und sehe alles in Zeitlupe. Drei Männer, die einen Konsens mit Tomatensaft tausende Meter über dem Boden erringen. Ich drehe mich wieder zum Fenster, ohne seine Frage beantwortet zu haben. Er fragt auch nicht noch mal nach und schiebt seinen Getränkewagen in die nächste Reihe. Neben mir rühren sie Salz und Pfeffer in ihre Tomatensäfte. Ich beruhige mich allmählich, nur der Essensrest im Gebiss des Vokuhila-Gesichtes zwickt mich noch etwas. Es ist ein Freitagabend und kurz vor Weihnachten.

Ich gebe zu, diese Woche hat sich wie Arbeitslager angefühlt. Nicht mehr lange und dann besorgen sie sich ihre Weihnachtstannen, die sie dann mit IKEA-Baumschmuck besinnlich umgestalten. Sie packen die letzten ideenlosen Geschenke vom Fließband ein und verlassen dann tagelang nicht mehr ihre überteuerten Eigentumswohnungen und Häuser. Sie verstopfen ihre Därme mit den kulinarischen Raffinessen nach Familientraditionen, gucken Monty Python, streamen Pornos, heulen und schlafen dann bei laufender Glotze vor Mitternacht mit offenen Mündern in ihren Sesseln ein. Über den ganzen Glühwein, den sie die Wochen davor literweise in sich gekippt haben, sollte man gar nicht nachdenken. Bald halten alle ihr Maul und darüber freue ich mich dann doch mehr, als ich erwartet habe. Wieso zum Teufel wurde mir keine 1. Klasse und Priority-Boarding gebucht?

Die Landung ist hart. Zwei Kleinkinder beginnen zu schreien. Ich überlege, in welche Stadt man mich geschickt hat, weil ich zum Jahresende hin immer den Überblick verliere. Bei fast allen Landeanflügen bei Dunkelheit beobachte ich die beleuchteten Straßen und die Lichter der Autos, die sich wie Blutkörper zielgerichtet durch die Aterien der Städte drücken. Für alles andere habe ich beim Landen den Blick verloren. Könnte Frankfurt am Main sein. Meine beiden Assistenten geben mir nur noch die notwendigsten Informationen wie Termine, Namen von Bossen, Deadlines, Flugnummern, Abfahrts- oder Ankunftszeiten, Hotelnamen, damit ich sie nicht anschreie oder erniedrige. Jeder Idiot sieht, dass das schon genügend Informationen sind, um alles erledigen zu können. Wozu brauche ich Adressen und Städtenamen? Sinnloser Gedankenbalast. Ich habe es meiner einen Assistentin solange erklärt, bis sie angefangen hat zu heulen. Das war vor einem Jahr auf der Weihnachtsfeier. Mein anderer Assistent hat sie dann getröstet. Als ich dann später pissen war, haben diese beiden Kreaturen im Zwischengang rumgemacht. Eine Geschichte, die schon eine Million Mal passiert ist, sterbenslangweilig.

Es ist Frankfurt. Der Flugbegleiter mit dem Vokuhila sagt es in seinen kleinen Hörer an der Cockpittür. Herr im Himmel, wieso ausgerechnet Frankfurt? Das Aussteigen gestaltet sich ähnlich mongoloid wie das Einsteigen und ich bleibe lange sitzen und denke erfreut an das Weed, das ich mir zwischen Schwanz und Eier geklebt habe. Da ich fest damit gerechnet habe, dass ich Alkohol während des Fluges trinken kann, habe ich Idiot wieder mal auf die Reservierung eines Mietwagens verzichtet. Nun steht mir eine nüchterne Taxifahrt bevor, weil ich das Weed später noch brauchen werde.

Die meisten Menschen stehen an Flughäfen sinnlos im Weg herum oder sie rennen. Viele kombinieren diese beiden nutzlosen Eigenschaften. Sie rennen, bleiben im Weg stehen und wischen über ihre Displays und rennen dann plötzlich weiter. Es ist kaum möglich, dass in einem Normaltempo zu ertragen. Man wird gezwungen, sich für eines von beiden zu entscheiden und exakt das ist es, was mich an Flughäfen so nervt. Es gibt hier nur schwarz und weiß. Da ich dieses Verhalten in den letzten zwölf Jahren akribisch studiert habe, fällt es mir nicht schwer, mich schnell zum Ausgang zu manövrieren. Mittlerweile habe ich mir angewöhnt, Menschen auch nicht mehr anzurempeln, sondern sie mit meinem Rollkoffer beim Vorbeihasten zu rammen. Meine Bewegung ist dabei so flüssig und perfekt inszeniert, dass die Betroffenen lediglich den Inbegriff wichtiger Eile sehen. Wie bei einem Arzt, der sich in einem Kaufhaus seinen Weg zwischen den beschissenen Schaulustigen freibahnt, um dem dahinscheidenden Opa den allerletzten Versuch einer Herz-Lungen-Wiederbelebung zu gönnen. Niemand kann dem Arzt böse sein. Er ist wichtig. So bewege ich mich.

Ich bin gerade so gut im Flow auf dem Weg zu den Taxen, biege um eine Ecke und stolpere über die Beine von einer Person, die mit ausgestreckten Füßen an der Wand gelehnt sitzt. Wieder ist die Landung hart. Beim Aufprall auf den Boden ramme ich mir meine eigene Faust in den Magen. Ich sehe kurz Sterne. Als ich mich umdrehe, sehe ich mir diesen Bastard genauer an. Kreisrunder Haarausfall, Schnauzbart, trägt dieselbe teure Krawatte wie ich. Er redet laut mit sich selbst und scheint schon ein paar Mal an diesem Abend geweint zu haben. Seine Augen sind rot. Er beachtet mich gar nicht, obwohl ich seine Beine zu einem recht ordentlichen Spagat auseinander gestolpert habe. Seine Anzugshose ist im Schritt aufgeplatzt. Seine in Feinripp eingequetschten, kleinen Genitalien starren mich entsetzt an. Für einen Fettsack erstaunlich. Ich hätte ihn auch nicht beachtet. Niemand beachtet uns, nicht mal der Sicherheitsdienst, der hier doch irgendwo in der Nähe prokrastinieren muss. Ich stehe auf und überprüfe, ob ich okay bin und mein Anzug den Sturz schmutzfrei überstanden hat. Alles gut. Ich gehe einen Schritt näher an ihn heran. Sein Gesicht glänzt fettig und er blickt ins Leere an mir vorbei. Ein Arm ruht auf seinem zerschrammelten Lederkoffer, der andere auf seinem Oberschenkel.

»Du liegst im Weg, Spast«, sage ich ihm.

»Wie spät soll’s denn noch werden…«, sagt er, aber er redet nicht mit mir.

»Hallo? Kommst du klar?«, sage ich entnervt.

»Is’ zu spät. Es is’ eigentlich zu spät…«, murmelt der Fettsack und macht keine Anstalten, seine Spagatbeine wieder zu schließen. Er scheint ziemlich fertig zu sein. Ich bin mir sicher, dass ich ihn irgendwo schon mal gesehen oder sogar mit ihm gesprochen habe. Auf einer Konferenz? Saßen wir vielleicht mal zusammen in einem Meetingraum oder sehen alle Geschäftsmänner ab 50 so aus? Werde ich so mit 50 aussehen? Der Anblick deprimiert mich. Der Gedanke deprimiert mich. Meine Hand tut noch vom Sturz weh.

»Is’ spät geworden…«, blubbert er weiter.

Ich sehe ihn mir noch ein paar Sekunden lang an, dann reicht es mir. Ich hebe meinen Rollkoffer auf, renne weiter und korrigiere meine Laufbahn, als ich ein quengelndes Kind erblicke, das ich mit der Hartschale rammen möchte. Ich liege trotz dieser Verzögerung ganz gut in der Zeit, denke ich. Hoffentlich habe ich das kleine Plastiktütchen mit dem Weed gut verschlossen, denn mir ist warm von der Rennerei und ich schwitze stark im Schritt.

Inzeption

Endi ließ sich und seine verbeulte Waschmaschine von einem deutschen Reisenden an den Serpentinen kurz vor Thethi, einem kleinen Dorf in der Komuna Shala in den Albanischen Alpen, per Anhalter mitnehmen. Der Deutsche war viel zu schnell auf den steinigen, unbefestigten Pfaden gefahren, sodass er voll auf die Bremse gehen musste. Während der Jeep über die scharfkantigen Steine schlidderte, platzte der rechte Hinterreifen mit einem lauten Knall, der eine längst vergessene und zutiefst absurde Geschichte erstmalig in die Gegenwart zurückkatapultierte. So hatten sie sich also kennen gelernt. Endi brachte seine Fähigkeiten im Reifenwechseln ein, was angesichts der albanischen Straßen – sofern man die Trampelpfade in diesem Teil des Landes überhaupt als Straßen bezeichnen konnte – ein notwendiges Handwerk war, das die meisten seiner Landsleute aus dieser Gegend aus dem Effeff beherrschten. Im Gegenzug wuchteten sie zu zweit die Waschmaschine auf das verrostete Dach des Jeeps und befestigten diese mit ein paar öligen Seilen, welche lose im Kofferraum unter dem Reiserucksack des Deutschen und einem Benzinkanister herumlagen.

»Me gojë i afron, me gojë i largon shokët«, dachte sich Endi, als die Reifen des Jeeps nach vielen Stunden endlich wieder Asphalt berührten und er auf dem Beifahrersitz seine Augen schloss. Das albanische Sprichwort, das frei übersetzt soviel wie Mit Worten nähern sich, mit Worten entfernen sich Freunde bedeutet, hatte er von seiner Großmutter gelernt, die ihn und seine vier Brüder alleine in einem Vorort östlich von Shkodaër aufzog. Möglicherweise hatte das Schicksal seine Hand im Spiel, aber dieses kleine Nickerchen auf dem Beifahrersitz, das wärmende Sonnenlicht auf dem Schoß und die raue Stimme von Tom Waits, die sich aus den verdreckten Lautsprechern einen Weg durch den Zigarettenqualm in seine Ohren tastete, fühlte sich für Endi wie ein ewiges Schlafen an, das er zuletzt im Sommer 1982 spürte. Während Endi langsam in den Schlaf abglitt, wühlten sich verdrängte Erinnerungen aus seiner Seele empor und wabberten pochend durch seinen Körper:

Im Winter 1981 lag er kurz vorm Jahreswechsel in Tirana zitternd auf einem Feldbett, das er sich im Keller eines Bekannten aufgebaut hatte. Seine Augen pendelten zwischen seinem kondensierendem Atem und dem Schimmel an der Decke, in dessen Muster er Ablenkung suchte. Er war dazu gezwungen, den Mann, den er einige Stunden zuvor in den Hinterhof eines Hauses in der Nähe des Qemal-Stafa-Stadions gezerrt und dort mit einem Stahlseil zu Tode stranguliert hatte, direkt neben seinem Schlafplatz über einer löchrigen Plastikplane in Einzelteile zu zersägen. Er hatte sich mehrfach bei diesem Vorgang, der Stunden in Anspruch nahm, übergeben müssen und spürte nichts als Heiserkeit und Leere in sich. Nachdem sein Kontaktmann der Sigurimi die Überreste aus seinem Versteck abgeholt und ihn angewiesen hatte, seinen Aufenthaltsort aufgrund der Brisanz, die das Verschwinden seines Opfers mit sich brachte, zu verschleiern und unterzutauchen, setzte er sich nach einigen Minuten hysterischer Blindheit auf sein Bett und begann bitterlich zu weinen.

Das letzte Mal, dass er sich so schlecht gefühlt hatte, war Ende 1975 oder Anfang 1976 – so sicher war er sich diesbezüglich nicht mehr gewesen. Er hatte lediglich die schmerzhaften Bilder von Schnee und Blut vor Augen gehabt und das furchtbare Gefühl unendlich andauernder Übelkeit. Es war sein erster Mord für die Sigurimi gewesen. In den folgenden Jahren hatte er sich während der Säuberungswellen zu einem tüchtigem Mitarbeiter der Ersten Direktion gemausert, was bis zum Winter 1981 exakt 41 Menschen das Leben kosten sollte. Viermal wäre Endi bei seinen Aufträgen beinahe selbst getötet worden. Sein Nervenkostüm war auf eine unvorstellbar kleine Größe zusammen geschrumpft und zu Stein erstarrt. Nach seinem ersten Mord waren also fast sechs Jahre vergangen, in denen er nie weinen, aber permanent gegen seine Übelkeit ankämpfen musste. Die Wechsel der Jahreszeiten hatte Endi in diesen Jahren kaum bewusst miterlebt. Er wusste jedoch noch sehr genau, welche toten Körper von seinen Opfern er durch Schnee oder buntes Laub geschliffen, ob er stark dabei geschwitzt oder gefroren hatte. Das waren allerdings auch alle zeitlichen Anhaltspunkte in seinen Gedanken. Andere Erinnerungen hatte er keine an diese Zeit.

Endi schluchzte noch immer auf seinem Feldbett und das Zittern konzentrierte sich nun auf seine blutverschmierten Hände, die er betrachtete. Ihm wurde bewusst, dass er das getrocknete Blut unter seinen Fingernägeln nicht so leicht wegwaschen konnte wie den Rest. Vor fast zwei Wochen hatte er vom Tod des Ministerpräsidenten Mehmet Shehu erfahren und vermutete, dass dies gefährliche Konsequenzen nach sich ziehen würde, die auch vor seiner Abteilung nicht Halt gemacht hätten. Es kam ihm sonderbar vor, dass er ein seltsam beunruhigendes Gefühl hatte, als der Parteichef Enver Hoxha Ministerpräsident Shehu zuvor stark kritisiert hatte. Hoxha warf Shehu unter anderem vor, der Verlobung seines Sohnes mit einer jungen Frau zugestimmt zu haben, deren Familie zur Nazizeit mit der deutschen Besatzung kollaboriert und nicht auf kommunistischer Seite gestanden hatte. Man fand Shehu mit einem Kopfschuss in seinem Bett, seine abgefeuerte Waffe direkt zu seinen Füßen. Sein Tod wurde öffentlich als Selbstmord deklariert. Der albanische Diktator sollte später voller Spott den Tod Shehus mit den Worten »Dieser Agent und Söldner der Ausländer hat sich den Schädel an der Einheit der Partei und des Volkes eingerannt« in seinen Tagebüchern kommentieren.

Endi hatte Angst, sich durch falsche Fragen die Finger an dieser Sache zu verbrennen. Nervosität und Übelkeit arbeiteten jetzt also in Zweier-Schichten in ihm. Der Gedanke an Flucht ereilte ihn zum allerersten Mal sehr plötzlich. Seine Tage waren die Vorhölle, auf die er sich all die Jahre im Bewusstsein seiner Taten nicht vorbereiten wollte. Ja, es wurde wirklich Zeit für immer abzuhauen, das wurde ihm auf seinem Feldbett sitzend nun endgültig klar. Der Zeitpunkt wird nie wieder so eindeutig vorteilhaft für ihn aussehen. Er war am Ende und war es im Prinzip sein gesamtes Leben schon gewesen. Er war fast 30 Jahre alt. Die Anweisung seines Kontaktmannes, unterzutauchen – obwohl er bereits in einem feuchten, kalten Keller im Blut eines ihm unbekannten Mannes stand – brachte ihm einen zeitlichen Vorsprung. Endi konnte diese Anweisung, die zugegebener Maßen wirklich nicht eindeutig war und wahrscheinlich nur achtlos in Hektik zwischen Tür und Angel ausgesprochen wurde, dazu nutzen, den zeitlichen Vorsprung bei seiner Flucht aus Albanien auszuspielen. Es musste also sehr schnell gehen, viel Zeit zum Zögern blieb ihm nicht. Ihm war klar, wie schnell er seine Opfer fand, die zu lange gezögert hatten – zumindest dann, wenn es ihnen bewusst war. Die Sigurimi fürchtete er mehr als die Blutrache, denn die Erste Direktion war effizient, das wusste er nur zu gut. Und die Führung unterschied auch nicht zwischen Verrat und Zweifeln. Noch während er darüber nachdachte, stand er auf, zog seine Jacke, Mütze, Hand- und Winterschuhe an, nahm sich sein gesamtes Erspartes aus der Emailledose, die er hinter einem losen Stein in den Kellermauern sorgfältig versteckt hatte und verschwand im Schneegestöber von Tirana.

Lost

In der Nacht zum Valentinstag im Februar 1945 fielen Feuerengel vom Himmel über Dresden. Mein Großvater war elf Jahre alt und hatte sich nach der ersten Bomberwelle mit seinen Brüdern und anderen Kindern bei einem Nachbarn im Keller versteckt. Als sie zum Großen Garten aufbrachen, flutete die zweite Bomberwelle über sie hinweg. Der Nachbarsmann scheuchte die Kinder zu einer Gruppe zusammen und sagte ihnen, dass sie singen und den Knallkörpern ausweichen sollen.

»Und bleibt hinter mir; und geht nicht zu nah an die Häuserwände; und passt auf das Feuer auf; und verbrennt euch nicht; und atmet nicht zu tief ein.«

Es tanzte ein knappes Dutzend Kinder durch die Straßen, singend, durcheinander singend. Allesamt hintereinander weg, ein heißes Spiel spielend. Mein Opa erinnerte sich daran, dass einer seiner Brüder seinen Schuh verlor und der Boden glühend heiß war, als würde man zur Mittagszeit durch die Wüste gehen. Er hat die kochenden Nächte überlebt und sagte mal zu mir:

»Ich war damals alt genug, zu verstehen, dass Angst zu haben völlig in Ordnung ist, aber dass sie nicht das Ende bedeutet, wenn man versucht sich Mühe zu geben. Bei den richtigen Menschen musst du nicht tapfer sein.«

Darüber hat er gelacht und ich verstand es nicht.