Der Nachbar

Die Zeit, bevor es im Treppenhaus stetig nach Senf, Piroggen, Döner und Kohl roch, war schier endlos und trist. In dem dreigeschossigen Altbau, in dem ich wohnte, herrschte Stille und absolute Anonymität. Ich kannte keinen meiner Nachbarn beim Vornamen, konnte nur wenige der Gesichter, denen ich am Briefkasten oder im Hausflur begegnete, einer Wohnung zuordnen. Vor jeder Wohnungstür stand dasselbe kleine Schuhschränkchen, halb vor sich hingammelnd. Die weißgraue Lackfarbe der Bodenleisten platzte im Laufe der Jahre nach und nach ab und verschwand im Kehricht der alten Frau aus dem Erdgeschoss, die als einzige den Ordnungsplan für die Hausreinigung ernst nahm. Eigentlich sah man sie in ihrer Bauernschürze nur fegen, wischen, Bettlaken in die Waschkammer im Keller tragen oder ihren fettleibigen Kurzhaardackel anschreien, der wieder einmal im Hof neben die gelbe Mülltonne für Plastikabfall gekackt hatte. „Der Nachbar“ weiterlesen

Die Schwarz-Weiß-Impfung

Sie zerreiben sich an Erwartungen. An ihren eigenen und an denen des Anderen. Sie tun das maßlos und ohne jede Spur von Rücksichtnahme. Weder sich selbst, noch dem Anderen gegenüber. Und sie lernen nichts daraus, außer dass sie verletzlich sind. Sie beginnen sich zu beschützen, ebenfalls maßlos und ohne jede Rücksicht. Ohne infrage zu stellen, ob überhaupt eine Gefahr besteht. Und ob die Liebe ohne die Gefahr verletzt zu werden, eine Illusion ist. Das alles ist ein in sich geschlossenes System, in dem es einen Anfang und ein Ende gibt. Und eine Wiederholung mit anderen Menschen. Denselben Gefühlen. Denselben Fehlern. Denselben Erwartungen. Bis man schlussendlich für immer stehen bleibt. Dann auch im wahrsten Sinne des Wortes. „Die Schwarz-Weiß-Impfung“ weiterlesen

Run

Der Abend fängt schon beschissen an. Einer der Flugbegleiter trägt Vokuhila und hat gezupfte Augenbrauen. Ich schätze ihn auf Ende Zwanzig, etwas jünger als mich. Für die lächerliche Aufmachung, die ihm sein Arbeitgeber aufzwingt, kann er nichts. Das ist mir bewusst. Aber der Vokuhila. Er grinst bei der Aufnahme der Getränkewünsche. Seine Zähne sind gerade und weiß. Ich mache kurz Frieden mit seinem Gesicht, aber dann bleibt seine Oberlippe kurz an seinen Schneidezähnen kleben, weil das Grinsen seinen Mund ausgetrocknet hat. Es dauert viel zu lange, bis er das korrigiert, seine Lippen benetzt und das zerstört alles. Ich bestelle ein Bier und er teilt mir grinsend mit, dass sie heute kein Bier an Bord hätten. „Run“ weiterlesen

Inzeption

Endi ließ sich und seine verbeulte Waschmaschine von einem deutschen Reisenden an den Serpentinen kurz vor Thethi, einem kleinen Dorf in der Komuna Shala in den Albanischen Alpen, per Anhalter mitnehmen. Der Deutsche war viel zu schnell auf den steinigen, unbefestigten Pfaden gefahren, sodass er voll auf die Bremse gehen musste. Während der Jeep über die scharfkantigen Steine schlidderte, platzte der rechte Hinterreifen mit einem lauten Knall, der eine längst vergessene und zutiefst absurde Geschichte erstmalig in die Gegenwart zurückkatapultierte. So hatten sie sich also kennen gelernt. Endi brachte seine Fähigkeiten im Reifenwechseln ein, was angesichts der albanischen Straßen – sofern man die Trampelpfade in diesem Teil des Landes überhaupt als Straßen bezeichnen konnte – ein notwendiges Handwerk war, das die meisten seiner Landsleute aus dieser Gegend aus dem Effeff beherrschten. Im Gegenzug wuchteten sie zu zweit die Waschmaschine auf das verrostete Dach des Jeeps und befestigten diese mit ein paar öligen Seilen, welche lose im Kofferraum unter dem Reiserucksack des Deutschen und einem Benzinkanister herumlagen. „Inzeption“ weiterlesen

Lost

In der Nacht zum Valentinstag im Februar 1945 fielen Feuerengel vom Himmel über Dresden. Mein Großvater war elf Jahre alt und hatte sich nach der ersten Bomberwelle mit seinen Brüdern und anderen Kindern bei einem Nachbarn im Keller versteckt. Als sie zum Großen Garten aufbrachen, flutete die zweite Bomberwelle über sie hinweg. Der Nachbarsmann scheuchte die Kinder zu einer Gruppe zusammen und sagte ihnen, dass sie singen und den Knallkörpern ausweichen sollen.

»Und bleibt hinter mir; und geht nicht zu nah an die Häuserwände; und passt auf das Feuer auf; und verbrennt euch nicht; und atmet nicht zu tief ein.«

Es tanzte ein knappes Dutzend Kinder durch die Straßen, singend, durcheinander singend. Allesamt hintereinander weg, ein heißes Spiel spielend. Mein Opa erinnerte sich daran, dass einer seiner Brüder seinen Schuh verlor und der Boden glühend heiß war, als würde man zur Mittagszeit durch die Wüste gehen. Er hat die kochenden Nächte überlebt und sagte mal zu mir:

»Ich war damals alt genug, zu verstehen, dass Angst zu haben völlig in Ordnung ist, aber dass sie nicht das Ende bedeutet, wenn man versucht sich Mühe zu geben. Bei den richtigen Menschen musst du nicht tapfer sein.«

Darüber hat er gelacht und ich verstand es nicht.