Der Nachbar

Die Zeit, bevor es im Treppenhaus stetig nach Senf, Piroggen, Döner und Kohl roch, war schier endlos und trist. In dem dreigeschossigen Altbau, in dem ich wohnte, herrschte Stille und absolute Anonymität. Ich kannte keinen meiner Nachbarn beim Vornamen, konnte nur wenige der Gesichter, denen ich am Briefkasten oder im Hausflur begegnete, einer Wohnung zuordnen. Vor jeder Wohnungstür stand dasselbe kleine Schuhschränkchen, halb vor sich hingammelnd. Die weißgraue Lackfarbe der Bodenleisten platzte im Laufe der Jahre nach und nach ab und verschwand im Kehricht der alten Frau aus dem Erdgeschoss, die als einzige den Ordnungsplan für die Hausreinigung ernst nahm. Eigentlich sah man sie in ihrer Bauernschürze nur fegen, wischen, Bettlaken in die Waschkammer im Keller tragen oder ihren fettleibigen Kurzhaardackel anschreien, der wieder einmal im Hof neben die gelbe Mülltonne für Plastikabfall gekackt hatte.

Im Sommer roch es im Eingangsbereich des Hauses fast immer nach Müll, seitdem sich die Tür zum Hinterhof nicht mehr zusperren ließ. Ab dem ersten Obergeschoss umwehte einen dann eine Prise Käsefuß, der aus den verschwitzten Mauken der Hausbelegschaft strömte. Auf keinem der Fußabtreter war eine Willkommensnachricht, eine Begrüßung oder Home Sweet Home gestickt. Grau und schmutzig ergaben sie sich ihrem Schicksal. Man fühlte sich in diesem Haus fremd und abgewiesen; ich brauchte immer eine ganze Weile, wenn ich abends aus dem Büro nach Hause kam, meine Tür aufschloss und die Wohnung betrat, ehe ich mich wohler fühlte. Irgendwo zwischen dem Jackenhalter in meinem Flur und dem Wohnzimmer verflüchtigte sich dieses sonderbare Gefühl, verschwand wie Nebel und blieb den Rest des Tages fern.

Das Kopfende meines Bettes schloss ziemlich genau mit der Heizung ab, und so lauschte ich abends oft dem alten Witwer, der alte Schallplatten unter mir auflegte. Ich stellte mir vor, wie er einsam in seinem alten Ohrensessel mit Brokatmuster brüchig gewordene Fotoalben durchblätterte, schwarz-weiße Fotografien betrachtete, die seit dem Tod seiner Frau vor wenigen Jahren, mehr und mehr erblindeten und ausblichen wie ein alter Spiegel. Sofern die Plattennadel auf dem eiernden Vinyl hängenblieb, dauerte es eine Weile bis er sich erhob und in seinen Pantoffeln zum Plattenteller schlurfte und mit altersbedingtem Händezittern die Nadel sanft anhob und ein kleines Stück weiter wieder aufsetzte. Das war der letzte Rest intimer Routine, die ihm blieb. Melodien, die ihm etwas bedeuteten; bei denen er Bilder in seinem Gedächtnis ordnen und betrauern konnte. Dass sich seine Erinnerung auf so banale Art im Kreislauf des Hauses in den Heizungsrohren verbreitete, war die eigentliche Tragödie. Ich schämte mich dafür, dass ich auf diese voyeuristische Art und Weise Zeuge seines stillgestandenen Lebens wurde; aber es beruhigte mich auch irgendwie, machte die Kopfschmerzen erträglicher und der Herzverschluss klemmte nicht mehr so sehr.

Es muss ein Donnerstag gewesen sein, als mein neuer Nachbar gegenüber einzog, denn mein Abteilungsleiter trug donnerstags immer seine lachsfarbene Krawatte mit doppeltem Windsorknoten. Ich hasste diesen Tag. Auf dem Heimweg prasselte der Regen wie aus Gießkannen auf die aufgeheizten Bürgersteige hinab; ich hatte meinen Regenschirm zu Hause liegen lassen. Pitschnass öffnete ich den Briefkasten; zwischen den vielen Werbeprospekten blitzte eine Postkarte hervor, auf der die Altstadt von Dubrovnik aus einer schrägen Vogelperspektive abgebildet war. Die Adria glänzte unter der Sonne einladend wie eine verchromte Radkappe in der Wüste, und so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht erkennen, wo das Meer in den Himmel überging; wie hypnotisiert folgte mein Blick der Komposition weiter über die kroatischen Dächer, bestehend aus roten Dachziegeln. Unsicher erwachte ich aus diesem Tagtraum und lief meinem – wie sich herausstellte – neuen Nachbarn direkt in die Arme, der gerade damit beschäftigt war seine letzten Umzugskartons nach oben zu schaffen.

Ich erschrak, ein merkwürdiger Quietschlaut verließ mich.

»Nimm es mir nicht übel, aber das muss jetzt sein«, sagte er und streckte seinen Kopf nach vorne um an mir zu schnuppern. Die Sekunden rasten in einem Affentempo durch den Raum.

Ich erstarrte vor dieser bizarren Geste zu einem Eisblock. Automatisch zog ich den Kopf ein Stück zurück, so dass mein Gesicht und Hals eine gerade Linie bildeten.

»Calvin Klein«, sagte er, »find ich gut.«

»Nein. Bastian Held«, sagte ich. Keiner von uns beiden lachte, was daran lag, dass dieser Witz im Stile eines verzweifelten Autoverkäufers aus und in der Provinz war.

Er trat einen Schritt zurück, stemmte seine Hände in die Hüfte und beugte sich mit einem lauten Knacklaut nach hinten. Ich blieb versteinert auf der Stelle stehen, schwieg irritiert vor mich hin und glotzte ihn dümmlich an. Seine Augen waren wimpernlos und hellblau. Kalt lief es mir den Rücken hinunter.

»Wohnst du hier?«, fragte er mich und wischte sich mit seinem Unterarm den Schweiß von der Stirn.

»Das kann man so sagen.«

»Ich bin gerade eingezogen. Dritte Etage.«

»Schön für dich«, entgegnete ich ihm. Die Schrecksekunde hielt mich noch immer fest im Würgegriff. Zwischen meinen Schuhen sammelte sich etwas Regenwasser.

»Ich bin quasi gleich fertig, da sind die letzten beiden Kisten vom Umzug«, sagte er und deutete mit einem Kopfnicken auf zwei traurig dahinsiechende Pappkartons, die am Boden den Sud aus Schmutz und Regenwasser aufsaugten. Ein sorgfältig zusammengelegtes, beigefarbenes Plumeau verdeckte die beiden Kisten zur Hälfte.

»Soll ich dir helfen?«, schlug ich ihm vor. Ich sagte das ganz automatisch um der Falle des peinlich betretenen Schweigens zu entwischen. Kommunikationsfehler dieser Art hatte ich schon immer bewundert und erfolglos zu enträtseln versucht.

»Das wäre großartig.«

Er lächelte. Wahrscheinlich tat er dies auch, als ich meinen Blick von ihm abwendete um die beiden übriggebliebenen Kisten zu begutachten. Ich ging einen Schritt auf ihn zu und reichte ihm meine Hand. Mit vorgehaltener und entsicherter Pistole zwang ich ein Lächeln auf mein Gesicht.

»Boris«, entgegnete er mir blinzelnd (und lächelnd), nahm meine Hand in die seine und legte die andere zur Krönung darauf, »Boris Nikischin.«

»Boris Nikischin?«, fragte ich ein wenig belustigt, »Das klingt, als wärst du eine Cartoon-Figur.«

»Es ist ein russischer Nachname. Du musst wissen, ich bin Russe. Also in der ehemaligen Sowjetunion geboren, weißt du?«

Mit einer achtlosen Bewegung strich er sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und wischte sich die Hand an seinem löchrigen weißen Shirt ab, das hier und da durch geschwungene Dreckstriemen verziert war. Er tastete seine Taschen ab, als sei er auf der Suche nach etwas, was sich dann in einem fließenden Übergang zu einer Geste transformierte, die grell-rot blickend »Erwischt, hier entlang, bitte« schrie. Ich mochte ihn auf Anhieb.

»Hast du vielleicht eine Fluppe für mich? Müssen wohl schon oben liegen.«

Ich kramte in meiner Jackentasche und zog eine halbleere Zigarettenschachtel heraus. Die Klarsichtfolie der Packung hatte was vom Regen abbekommen. Mit einem eleganten Fingerschnipser schubste ich weltmännisch eine Zigarette zutage und reichte sie Boris.

»Russe also«, sagte ich frech, »so so…«

Auch ich zündete mir eine Zigarette an. Gierig zog er den ersten Zug in seiner Lungen, schmatzte genüsslich und ließ den Rauch aus seinen Nasenlöchern strömen.

»Über euch hört man ja nur Gutes«, fuhr ich fort, und blinzelte ihn mit einem Anflug ungewollter Peinlichkeit an.

»Tam horosho, gde nas net«, nuschelte er mit halb geschlossenen Lippen, welche die glühende Zigarette fest im Mundwinkel umklammerten.

Er schlug mir freundschaftlich auf die Schulter, bückte sich und warf sich das Plumeau über die Schulter. Ich blickte ihn hohl und fragend an.

»Das hält man außerhalb von Russland für ein Sprichwort und bedeutet so viel wie Es ist dort gut, wo es uns nicht gibt‹.«

Er bückte sich erneut und hob eine der Kisten hoch. Seine Hände und Oberarme krampften unter der Anstrengung; ein Stückchen Asche krümelte in seinen V-Ausschnitt.

Ich griff nach der anderen Kiste, die scheinbar schwerer als seine war; ein krächzender Ächzlaut verließ mich. Wir schleppten die Kisten schweigend und schwitzend ohne einmal abzusetzen in die dritte Etage. Der Zigarettenqualm stieg mir ohne Unterlass ins rechte Auge, das tränte und brannte. Boris hustete ab dem zweiten Obergeschoss.

Als er bereits mit einem Bein in seiner Wohnung stand, schloss ich meine Wohnungstür auf. Zögernd blieb ich davor stehen.

»Danke, Mann«, drang in mein Ohr.

Ich drehte mich halb um.

»Boris«, entfuhr es mir.

»Ja?«

»Wo genau bist du in Russland geboren?«

»In einem kleinen Nest namens Tschaikowski.«

Ich schwieg und blickte ihn wartend an.

»Das liegt an der Grenze zu Udmurtien an der Kama; so gut wie im Nirgendwo. Wenn man da geboren wird, dann kommt man meistens höchstens nach Perm.«

»Oder nach Berlin«, begegnete ich ihm.

»Fun Fact: Im Zeitalter Perm hat sich der Superkontinent Pangäa gebildet.«

»Der dann wieder auseinander gebrochen ist.«

»So läuft’s doch immer.«

Er lächelte wieder; nun sah ich die Lücke zwischen seinen Schneidezähnen.

»Danke nochmal für die Hilfe. Wir sehen uns«, sagte er, hob vertraut grüßend seine Hand und schloss langsam die Tür. Der metallische Laut, der den Abschied mit dem Einrasten der Tür ins Schloss begleitete, gefiel mir.

Ich blieb noch ein paar Sekunden stehen und betrachtete das kleine Schuhschränkchen unter seiner Wohnungsklingel.

»Ja, man sieht sich«, sprach ich leise vor mich hin.

Auf seinem verdreckten Schuhabtreter war blass das Wort Willkommen kursiv und verschnörkelt eingearbeitet.

Der Abend brachte noch mehr Regen. Wie ein zurückgelassener Teppich ruhte die dunkle Wolkenmasse auf dieser Stadt, begrub das Licht der Laternen unter sich wie ein kalte Lawine, kesselte Millionen Schicksale unbemerkt ein und flutete diese Nacht mit kühler Melancholie. Das Prasseln auf dem Fensterbrett klang ziemlich schüchtern, und doch anwesend.

Gegen ein Uhr morgens begann ich schließlich, die Blitze zu beobachten. Das Zeitfenster zwischen gleißend hellen Krämpfen am Himmel und trägem Donner wurde spürbar kleiner und beruhigte mich auf eine Weise, die mir aus Kindestagen in Erinnerung geblieben war. Dinge, für die man verstaubte Gefühle aufrechterhielt und die sich nur mit wenigen, nicht angemessenen Worten oder Gesten erklären ließen. Als fremdgewordene Überbleibsel blieben sie so auf ewig weit weg von allem, was Platz in dieser Welt fand.

Ich schlief seit einigen Tagen sehr schlecht. Meine Gedanken drehten sich oft im Kreis und die Phasen, in denen ich mir selber ein Rätsel war, kamen öfter und blieben länger; wie ungebetene Gäste.

Was ich auch tat, es fühlte sich unvollständig an, und so quälte ich mich im Bett von einer Seite zur anderen, klemmte die Decke mal zwischen die Beine oder wickelte mich komplett in sie ein. Ohne sich zu verabschieden, verließ mich irgendwann das Zeitgefühl, und ich schwöre bei Gott, zwischen meinen Wänden pochten die Stunden, die in dieser Nacht noch übrig geblieben waren; trieben wie Staub unsichtbar durch den Raum. Wie Sand rieselten sie durch meine Hände, blieben griff- und konturlos.

Irgendwann stand ich dann auf und folgte meinen Schritten ins Badezimmer um mir warmes Wasser über die Hände laufen zu lassen. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass mich das beruhigte. Meine Augen verfolgten das Wasser wie kleine aufmerksame Jäger; sahen zu, wie es im Abfluss verschwand.

Mir blieb ein pfeffriges Gefühl im Kopf, das mich wachhielt und die Idee der Taubheit wie einen leichten Schleier über mir ausbreitete.