Die Schwarz-Weiß-Impfung

Sie zerreiben sich an Erwartungen. An ihren eigenen und an denen des Anderen. Sie tun das maßlos und ohne jede Spur von Rücksichtnahme. Weder sich selbst, noch dem Anderen gegenüber. Und sie lernen nichts daraus, außer dass sie verletzlich sind. Sie beginnen sich zu beschützen, ebenfalls maßlos und ohne jede Rücksicht. Ohne infrage zu stellen, ob überhaupt eine Gefahr besteht. Und ob die Liebe ohne die Gefahr verletzt zu werden, eine Illusion ist. Das alles ist ein in sich geschlossenes System, in dem es einen Anfang und ein Ende gibt. Und eine Wiederholung mit anderen Menschen. Denselben Gefühlen. Denselben Fehlern. Denselben Erwartungen. Bis man schlussendlich für immer stehen bleibt. Dann auch im wahrsten Sinne des Wortes.

Liebe bedeutet, verletzbar zu sein und zu bleiben. Sie bedeutet nicht, diese Gefahr gegen Sicherheit und Gewohnheit auszutauschen. Aber die meisten Menschen verbinden den Umgang dieser Gefahr mit Drama, das sich keine Pausen einräumt. Die Schwarz-Weiß-Impfung. Entweder es ist alles cool oder nicht. So wird bewertet. Selbst, wenn das Pendel schon lange auf einer Graustufe dazwischen zum Stehen gekommen ist. Darüber zu reden, bedeutet, etwas infrage zu stellen. Was infrage gestellt wird, ist dysfunktional. Was dysfunktional ist, ist tot. Was tot ist, wird beerdigt. Und dann geht es von vorne los.

Das Bedürfnis nach Harmonie und die Gewohnheit walzen blind über ein Bild, das man von sich und der Liebe hat. Man ist in einer Beziehung und die Regel lautet: Verletze deinen Partner nicht. Also tu gewisse Dinge nicht und alles wird gut. Die Schwarz-Weiß-Impfung. Eine Erfolgsgeschichte ohne Grautöne.

Viele Paare sind stolz, dass sie nicht streiten. Kein Streit, keine Zweifel, keine Krisen. Eine einfache Rechnung. Eine einfache Antwort auf eine falsche Frage. Deine Sehnsucht und alles, was du zum Glück benötigst, muss dein Partner erfüllen.

Also habt ihr beschlossen, dass ihr euch liebt. Auch nach vielen Jahren. Die Gewohnheiten, der gemeinsame Alltag werden zu Requisiten einer Vorstellung von Liebe. Natürlich drehst du durch, wenn einer in Zweifel gerät. Und wenn er dazu einen Fehler begeht, dann ist alles negiert, mit 0 multipliziert. Also ist das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen. Dein Partner interessiert sich für den Geist und den Körper eines anderen Menschen. Die Gefahr ist real geworden. Deine Erwartungen wurden enttäuscht. Du erstickst an deiner Eifersucht.

Ist der Eindringling schöner, interessanter, besser? Werde ich verglichen und schneide schlechter ab? Bin ich wertlos? Reiche ich nicht? Was habe ich falsch gemacht? Wieso bin ich nicht schöner, interessanter, besser? Wieso stellt mich mein Partner so infrage? Was habe ich getan?

Die ganzen Details, wenn dein Partner sich auf einen anderen Menschen nicht nur geistig, sondern auch körperlich einlässt, über die spricht man in seinem Rückzugsgefecht nicht mal. Aber alles donnert mit der Wucht einer Dampframme durch dein Gehirn. Ein Erdbeben der höchsten Stufe. Festhalten ist sinnlos. Die Liebe entpuppt sich in diesem Moment als Feind. Denn wenn jemand etwas Neues entdeckt, dann ist dieses Neue spannender als das Bekannte. Der Rest ist der Standard-Showdown. Man trennt sich, man erniedrigt sich oder man legt seinen Partner für seine Zweifel und seine Fehler in Ketten. Wen interessiert da schon, ob ein Fehler wirklich ein Fehler ist oder einfach nur eine ungerechte Erwartungshaltung, die man viel zu unfair und hoch an die Mauern der Beziehung geschraubt hat. Mauern in einer Beziehung sind immer eine gute Idee, wenn das eigene Selbstwertgefühl nur eine zerbrochene Minus-Version von einem selbst ist.

Verletzt zu sein, ist kein Fehler. Das etwas infrage gestellt wird, ist auch kein Fehler. Etwas und jemanden infrage zu stellen, fühlt sich oft unfair an. Aber es ist das Aufrichtigste, das man tun kann. Denn Stillstand ist sowohl das Ende von etwas, als auch der Beginn einer Wiederholung. Einem Kreislauf. Eine Kopie der Vorstellung von wahrer Liebe. Solange kopiert bis nichts mehr übrig geblieben ist als Mauern und einer unerfüllbaren Sehnsucht. Entweder schwarz oder weiß. Dein Partner hat so zu sein, solange es dich nicht verletzt. Es ist so einfach, nicht wahr?

Aber. Warst du immer neugierig, was deinen Partner tief bewegt? Sind Geheimnisse voreinander bis zu einem Punkt sogar notwendig, sodass man ein Mensch voller Sehnsucht bleiben kann? Ist Sehnsucht eine Sollbruchstelle in der Liebe? Geht es darum, dass du glücklich bist oder dein Partner? Kann man selbst nur glücklich sein, wenn man zusammen zweifelsfrei glücklich ist? Sind Veränderungen etwas Schlechtes oder ermöglichen sie Chancen? Wie führt man Veränderungen herbei? Gehören Schmerzen zwangsläufig zu Veränderungen? Hast du selber schon mal gezweifelt? Hast du Sehnsüchte, die dein Partner nicht erfüllen kann? Wieso ist es schlimm, verglichen zu werden? Warum muss man immer der Beste in allem sein, damit man geliebt werden kann?

Das gilt für Körper und Geist. Kein Entweder-oder. Nur eine Illusion, auf der man geblendet durch ein ganzes Leben reiten will. Auch das stellt man nicht infrage.

Auch der Schwarz-Weiß-Film ist eigentlich nur ein Zusammenspiel von sehr vielen Grautönen. Man spricht über schwarz und weiß. Kein Wort über die Nuancen dazwischen, über die Grautöne. Die Schwarz-Weiß-Impfung klingt einfach. Und über einfache Dinge muss man nicht so viel sprechen. Koste es, was es wolle.