Der angeschossene Wolf

Am Morgen nach der Beerdigung drehe ich in meiner Küche auf volle Pulle. Den ersten Liter Kaffee schlucke ich sehr schnell. Schneller als ein Bukkake-Starlet, kniend vor einer Armada adriger Fleischkanonen. Mit aufgerissenen Augen und vor dem Frühstück. Sonst sehe ich nichts. Der Schnee saugt den Geschäftigkeitsruß der Straßen auf. Eine Politesse legt sich aufs Maul und wird von einem Pulk glasäugiger Arbeitssklaven ignoriert, der vom Bus auf den Gehweg gespuckt wird. Ein schwieriger Morgen also.

Die Beerdigung dröhnt wie ein zu lautes Konzert nach. Scheiße, die ganze Zeremonie hat mich stark daran erinnert, warum Abkratzen für niemanden ein Griechenland-Urlaub ist. Alle stehen überfordert in der Gegend rum. Auch ich muss wie ein verblassendes Abzieh-Tattoo ausgesehen haben. Meine Wirbelsäule gekrümmt wie ein Fragezeichen. Das Fleisch auf Minus gepolt. Ich halte gefühlte sieben Kilogramm Beileidskarten voller Fünfziger in den Händen, die mir trostspendend gegeben werden. Was schreibt man auf eine scheiß Beileidskarte, die in dieser Zivilisation keine Chance auf Farben außer Schwarz, Grau und Weiß hat? Wieso sind Banknoten nicht auch einfach nur schwarz-weiß? Da wirst du als Haufen Asche in eine Urne gestreut, ein Kirchenmann lässt dich ins Erdreich ein und über deinem Grab wird Vermögen in kleinen Raten umverteilt. Deckung der Bestattungskosten. Um den Schmerz zu lindern, auf den die Trauerkarten-Industrie seit Äonen keine Antwort gefunden hat. Man drückt keinen Gruß in so einer Kondolenz aus, sondern Empathie. Da ist man als Empfänger der Gefickte. Und die sind in der Überzahl. Eine anteilnehmende Überzahl, die Spruchkarten mit eigenen Wortphrasen ergänzt, um das Unsagbare in Metaphern zu quetschen. Deshalb reagierte ich später auch angemessen, als ich erst kopfschüttelnd las und dann, zwei, drei Drinks später wie eine Cartoon-Figur blinde Wut durch den Geburtskanal presste. Ich baute fluchend zwei Stapel aus Cash und dieser Papierverschwendung. Einen davon zerriss ich am Ende in kleine Stücke und warf ihn in den Plastikmüll. Zu den restlichen, synthetischen Absolutionsversuchen einer versagenden Welt. Lebensverstopfer. Was schreiben die Menschen für Scheiße, wenn sie sich ausdrücken wollen, obwohl es für alle das Beste wäre, sein verdammtes Maul zu halten? Da läuft einem als Betroffener der Zorn in Strömen aus den Poren. Ich hätte die Moneten am liebsten für Huren aus dem Fenster geschleudert, die im Tausch gegen Extra-Scheinchen ihre Ärsche auf meinem Oberkörper entleeren, während sie mir brüllend alle Spendernamen von einer mit Blut geschriebenen Liste vorlesen. Und das mit so viel Stolz wie möglich. Wie kleine Medizinfrauen. Ich bin das Opfer. Denn ich würde mich mit meiner abnormalen Traurigkeit auf eine Matratze legen und meinen Blick zwischen einer kahlrasierten Möse und dem Kronleuchter über mir pendeln lassen. Betend, dass alles seine Richtigkeit hat. Gierig nach Erleuchtung, während ihr Darminhalt mit einem zärtlichen Knall auf meine Brust klatscht. Danach kann man bestimmt hervorragend heulen. Abbitte leisten und die angeknackste Freundschaft zu seinem mojo kitten. Weiter durch das Leben gondeln. Pure Plusmacherei. Einfach ein kleines Schweigegeld an die kaufbare Liebe ablaschen und frei sind die Synapsen. Aber meine nun seit einem Monat anhaltende Ständerflaute macht diesem lösungsorientierten Konzept einen dicken Strich durch die Rechnung. Plus und Minus. Und ein Pendel dazwischen, an dem du hässlich hängst. Ich lasse den Geldstapel einfach neben der Vase liegen. In ein paar Tagen werden die Tulpen ihre Blütenblätter abwerfen und diesen Versuch unter sich begraben.

Der Kaffee pumpt Motivation in meinen Kreislauf. Mehr bekomme ich nicht runter, bevor ich mich auf den Weg ins Büro mache. Heute mal nicht auf dem Rücksitz eines Taxis, sondern die zittrigen Hände am Lenkrad und bereit, den Heulkrämpfen ein bisschen Privatsphäre zu gönnen.

Der Weg ins Büro gestaltet sich beschissen. Ein Konzert aus dauerhupenden Missgeburten und Passanten, die auf dem Weg zum nächsten U-Bahnhof ein paar Mal den spiegelglatten Bordstein küssen. Das Radio informiert mich, dass sogar Meteorologen diesen heftigen Wintereinbruch unterschätzt hätten, zählt dann ein paar Auffahrunfälle auf und welche Straßen man lieber meiden sollte. Ich nehme das leidenschaftslos zur Kenntnis. Irgendwann biege ich wie erwartet zu spät auf dem Firmenparkplatz ein.

Way of Happiness

Wenig ist einfach. Und der Unterschied zwischen mutig sein und Mut haben ist größer als man sich vorstellen kann. Da gibt es seltene, kaum greifbare Augenblicke im Leben, in denen man zögert. Augenblicke, in denen man nicht mehr anders kann, als eine lebensverändernde Entscheidung zu treffen. Und weil das so selten vorkommt, bewegt man sich einfach gewohnt weiter. Aber da ist und bleibt dieser Sprung in der Schallplatte. Den kann man ignorieren. Nur: Kann man in diesem Zustand wirklich weiter der Musik lauschen? (mehr …)

Am Ende der Frage

Wie ein Wasserschlauch, der außer Kontrolle geraten war und hin und her peitschen musste, als wären lediglich seine eigenen Gesetze die Kraft, die die Welt weiter drehen ließ, pulsierten die Gedanken durch seinen Kopf. Unter all dem was er für selbstverständlich hielt, entwickelte sich etwas, das auch ohne ausgesprochen zu werden, die Wahrheit in ihrem Grundfesten erschütterte. Die Welt bebte unter seinen Gedanken. Der Himmel donnerte. Wiedereinmal hatte die Fähigkeit des Denkens gewonnen, das Einsehen von unabänderlichen Dingen, die man nur allzu gerne verschließen und versenken mag. Im Grunde war auch dies ein Gesetz: Was wirklich von Substanz im Gedankengut wütete, würde sich immer den Weg nach draußen erkämpfen. Keine Macht konnte aufrichtiges Wissen um eine Sache zurückhalten. Die Wahrheit steht immer am Ende.

Der Nachbar

Die Zeit, bevor es im Treppenhaus stetig nach Senf, Piroggen, Döner und Kohl roch, war schier endlos und trist. In dem dreigeschossigen Altbau, in dem ich wohnte, herrschte Stille und absolute Anonymität. Ich kannte keinen meiner Nachbarn beim Vornamen, konnte nur wenige der Gesichter, denen ich am Briefkasten oder im Hausflur begegnete, einer Wohnung zuordnen. Vor jeder Wohnungstür stand dasselbe kleine Schuhschränkchen, halb vor sich hingammelnd. Die weißgraue Lackfarbe der Bodenleisten platzte im Laufe der Jahre nach und nach ab und verschwand im Kehricht der alten Frau aus dem Erdgeschoss, die als einzige den Ordnungsplan für die Hausreinigung ernst nahm. Eigentlich sah man sie in ihrer Bauernschürze nur fegen, wischen, Bettlaken in die Waschkammer im Keller tragen oder ihren fettleibigen Kurzhaardackel anschreien, der wieder einmal im Hof neben die gelbe Mülltonne für Plastikabfall gekackt hatte. (mehr …)

Die Schwarz-Weiß-Impfung

Sie zerreiben sich an Erwartungen. An ihren eigenen und an denen des Anderen. Sie tun das maßlos und ohne jede Spur von Rücksichtnahme. Weder sich selbst, noch dem Anderen gegenüber. Und sie lernen nichts daraus, außer dass sie verletzlich sind. Sie beginnen sich zu beschützen, ebenfalls maßlos und ohne jede Rücksicht. Ohne infrage zu stellen, ob überhaupt eine Gefahr besteht. Und ob die Liebe ohne die Gefahr verletzt zu werden, eine Illusion ist. Das alles ist ein in sich geschlossenes System, in dem es einen Anfang und ein Ende gibt. Und eine Wiederholung mit anderen Menschen. Denselben Gefühlen. Denselben Fehlern. Denselben Erwartungen. Bis man schlussendlich für immer stehen bleibt. Dann auch im wahrsten Sinne des Wortes. (mehr …)