Minus fünf Grad

Unter flackerndem Laternenlicht in die Tram Richtung Stadtzentrum einsteigen. Der Spurt hat ihn geschafft. Minus fünf Grad. Er streift schmelzende Schneeflocken von seiner Schulter und atmet schnell. Er riecht dich noch auf seinen Lippen und er schwört: Das ist die Wahrheit. Der Geruch deiner und seiner Hormone macht ihn zunächst ratlos, deshalb spitzt er die Lippen und zieht sie zur Nase hoch. Tief einatmen. In seinem Kopf greift er sich selbst mit Katapulten an.

Er war schockiert, wie umgehauen er war. Wie hypnotisiert er war. Wie eingenommen er war. Eine Ahnung, dass er von dir erobert wurde. Eine Mimik, die dir das nicht verraten durfte. Minus fünf Grad. Dezember No. 18. Seine Nacht wird lang. Musik leiert kratzend unter einer Abtastnadel. Viel später und oft pflanzt du Referenzen unter ihn, nennst ihn Sexy Booooy und er hört die Melodie. Er hört das Lachen, als er dir erzählt, dass er schweißgebadet ein Haus ausräumen musste, in dem Waffen, tote Vögel in Zeitungspapier und in Tiefkühltruhen eingefroren und selbstgebrannter Schnaps unter der Erde lagen. Faustkämpfe im Flur. Es kommt der Augenblick, bei dem er denkt, dass er vielleicht nicht verloren ist. Ihm fällt nichts Besseres ein, als nach dem dritten Bier lallend über den Schwachsinn von Dart zu schimpfen. Minus fünf Grad auf einem schmalen Grat. Wie du auf seinem Bett sitzt. Dein Profil wird sich für immer in seinem Gedächtnis einbrennen, dein Blick schräg nach unten und er denkt:

Oh fuck.

Die Tage danach kaut er Fingernägel, verliert Schneeballschlachten, kotzt aufgeregt auf den Weihnachtsmarkt. Er fühlt das erste Mal Traurigkeit, an der es sowas wie einen Ausgang gibt. Bist du es, Od?

Was vor dir geschah:

Rastlosigkeit.

Laute Stille.

Kopfschmerzen.

                                                                       Unzufriedenheit.

Dieses Gefühl, unverstanden zu sein und nicht zu wissen, ob man nur lange genug Geduld aufbringen muss, ob es an einem selber liegt, und wenn ja, ob man das selber kontrollieren kann.

Die Gewissheit, dass es sowas wie einen roten Faden geben muss. Nur für ihn. Gespannt zwischen hier und dort. An dem Zettel unter Büroklammern hängen; mit Dingen, die einen festhalten.

Die große Angst, dass er sich irgendwann einfach so auflösen würde. Dass seine Gedanken, seine Wünsche und Träume, seine Sehnsucht, seine Gefühle in seinem Körper eingemauert sind. Er ist eine dampfende Fabrik. Man sieht Mauern, sieht die rauchenden Schornsteine. Legt man das Ohr an ihn, hört man, dass etwas in ihm passiert, aber was das ist, dass weiß man nicht. Das weiß er auch selbst nicht.

Die Tage nach Dezember No. 18 entflammen ihn. Angreifende Katapulte. Ein Orbit aus Schmelzwasser expandiert in die Unendlichkeit. Er hört ins Schweigen hinein. Du bist vorerst [vorerst/vorerst /vorerst] weg. Kampfgefühle erwachen in ihm. Zum ersten Mal will er für etwas kämpfen, bei dem er so eine Ahnung hat. Der Ausgang aus einem Korsett, dass ihm zu eng war. Der Ausbruch aus seinen Mauern. Er will etwas Großartiges. Er beginnt zu kämpfen. Voller Zweifel, ob er wertvoll genug ist für dich. Seine Katapulte beginnen zu feuern. Er begreift, dass dieser Angriff seine erste richtige Verteidigung ist. Minus fünf Grad.

Er gibt sich Mühe, nicht zu explodieren, wenn er hört, wie du lachst, singst oder ihn Käseburger nennst. Aus einem Katalog kleinster Beobachtungen könnte er eine Welt bauen. Seine Augen folgen dir, sehen in dich, verstehen, empfinden. Sie funken in sich hinein. Er sagt etwas, das sich nicht mit dem deckt, was er meint, aber du hast so eine Ahnung. Ihr habt eine gemeinsame Sprache gelernt.

Was du vielleicht nicht weißt, vielleicht vermutest: Die Zeit mit euch hat aus seinen Gefühlen einen Urknall gemacht. Expansion in großer Hitze und Erschütterung.

Denn: Du bist ein endloses Erdbeben, das ihn zur Bewegung nach außen zwingt, seine innere Unruhe negiert, subtrahiert, ins Reziproke stellt. Zusammenfallende Türme schreien vom Himmel auf ihn ein. Du stehst neben ihm. Nachts färbt sich der Mond blau und du liegst mit angezogenen Knien an seiner Brust und speicherst, speicherst, speicherst. Er träumt von weiten Wüsten, in denen es kocht oder frostet.

Du bist das große Abenteuer, auf deren beschlagener Scheibe ein          ∞         mit Fingern gemalt wurde, durch das er blickt.

Du hast seine Katapulte gespannt.

Es ist dein kondensierender Atem aus Honig, an dem er seinen Weg gefunden hat. Er ist sich zum ersten Mal in seinem Leben sicher, dass er glücklich ist und bleiben will.

Auch in größter Kälte und Chaos heißt sein Gesetz: Nie wieder ohne sie. Nie wieder.

Minus fünf Grad, Blume. Ein unendliches Echo.

Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du und ich. Du. Wir.