Run

Der Abend fängt schon beschissen an. Einer der Flugbegleiter trägt Vokuhila und hat gezupfte Augenbrauen. Ich schätze ihn auf Ende Zwanzig, etwas jünger als mich. Für die lächerliche Aufmachung, die ihm sein Arbeitgeber aufzwingt, kann er nichts. Das ist mir bewusst. Aber der Vokuhila. Er grinst bei der Aufnahme der Getränkewünsche. Seine Zähne sind gerade und weiß. Ich mache kurz Frieden mit seinem Gesicht, aber dann bleibt seine Oberlippe kurz an seinen Schneidezähnen kleben, weil das Grinsen seinen Mund ausgetrocknet hat. Es dauert viel zu lange, bis er das korrigiert, seine Lippen benetzt und das zerstört alles. Ich bestelle ein Bier und er teilt mir grinsend mit, dass sie heute kein Bier an Bord hätten.

»Fein. Dann hätte ich gerne ein Glas Whisky«, sage ich.

»Leider, leider haben wir heute generell keinen Alkohol an Bord. Kann ich Ihnen mit etwas anderem eine Freude machen?«, entgegnet mir das Vokuhila-Gesicht.

Mir fällt jetzt aus der Nähe auf, wie leer seine Augen sind. Auf seinem rechten Eckzahn ist klar und deutlich ein Essensrest hängen geblieben. Fassungslos frage ich mich, warum er diesen nicht spürt oder warum ihm das keiner seiner Kollegen mitteilt. Irgendwie halte ich mich innerlich zu lange mit dieser Frage auf, sodass eine unangenehme Stille entstanden sein muss.

»Zum Beispiel einen leckeren Tomatensaft«, sagt er zögernd.

»Oh, so einen möchte ich trinken«, sagt mein Sitznachbar plötzlich und lacht unsicher. Und sein Sitznachbar am Gang schließt sich lachend an, um die Stimmung noch weiter aufzulockern. Auch das Vokuhila-Gesicht lacht nun unsicher und beginnt mit dem Ausschank des Tomatensaftes in zwei Plastikbecher. Da sitze ich nun, umgeben von lachendem Abschaum und sehe alles in Zeitlupe. Drei Männer, die einen Konsens mit Tomatensaft tausende Meter über dem Boden erringen. Ich drehe mich wieder zum Fenster, ohne seine Frage beantwortet zu haben. Er fragt auch nicht noch mal nach und schiebt seinen Getränkewagen in die nächste Reihe. Neben mir rühren sie Salz und Pfeffer in ihre Tomatensäfte. Ich beruhige mich allmählich, nur der Essensrest im Gebiss des Vokuhila-Gesichtes zwickt mich noch etwas. Es ist ein Freitagabend und kurz vor Weihnachten.

Ich gebe zu, diese Woche hat sich wie Arbeitslager angefühlt. Nicht mehr lange und dann besorgen sie sich ihre Weihnachtstannen, die sie dann mit IKEA-Baumschmuck besinnlich umgestalten. Sie packen die letzten ideenlosen Geschenke vom Fließband ein und verlassen dann tagelang nicht mehr ihre überteuerten Eigentumswohnungen und Häuser. Sie verstopfen ihre Därme mit den kulinarischen Raffinessen nach Familientraditionen, gucken Monty Python, streamen Pornos, heulen und schlafen dann bei laufender Glotze vor Mitternacht mit offenen Mündern in ihren Sesseln ein. Über den ganzen Glühwein, den sie die Wochen davor literweise in sich gekippt haben, sollte man gar nicht nachdenken. Bald halten alle ihr Maul und darüber freue ich mich dann doch mehr, als ich erwartet habe. Wieso zum Teufel wurde mir keine 1. Klasse und Priority-Boarding gebucht?

Die Landung ist hart. Zwei Kleinkinder beginnen zu schreien. Ich überlege, in welche Stadt man mich geschickt hat, weil ich zum Jahresende hin immer den Überblick verliere. Bei fast allen Landeanflügen bei Dunkelheit beobachte ich die beleuchteten Straßen und die Lichter der Autos, die sich wie Blutkörper zielgerichtet durch die Aterien der Städte drücken. Für alles andere habe ich beim Landen den Blick verloren. Könnte Frankfurt am Main sein. Meine beiden Assistenten geben mir nur noch die notwendigsten Informationen wie Termine, Namen von Bossen, Deadlines, Flugnummern, Abfahrts- oder Ankunftszeiten, Hotelnamen, damit ich sie nicht anschreie oder erniedrige. Jeder Idiot sieht, dass das schon genügend Informationen sind, um alles erledigen zu können. Wozu brauche ich Adressen und Städtenamen? Sinnloser Gedankenbalast. Ich habe es meiner einen Assistentin solange erklärt, bis sie angefangen hat zu heulen. Das war vor einem Jahr auf der Weihnachtsfeier. Mein anderer Assistent hat sie dann getröstet. Als ich dann später pissen war, haben diese beiden Kreaturen im Zwischengang rumgemacht. Eine Geschichte, die schon eine Million Mal passiert ist, sterbenslangweilig.

Es ist Frankfurt. Der Flugbegleiter mit dem Vokuhila sagt es in seinen kleinen Hörer an der Cockpittür. Herr im Himmel, wieso ausgerechnet Frankfurt? Das Aussteigen gestaltet sich ähnlich mongoloid wie das Einsteigen und ich bleibe lange sitzen und denke erfreut an das Weed, das ich mir zwischen Schwanz und Eier geklebt habe. Da ich fest damit gerechnet habe, dass ich Alkohol während des Fluges trinken kann, habe ich Idiot wieder mal auf die Reservierung eines Mietwagens verzichtet. Nun steht mir eine nüchterne Taxifahrt bevor, weil ich das Weed später noch brauchen werde.

Die meisten Menschen stehen an Flughäfen sinnlos im Weg herum oder sie rennen. Viele kombinieren diese beiden nutzlosen Eigenschaften. Sie rennen, bleiben im Weg stehen und wischen über ihre Displays und rennen dann plötzlich weiter. Es ist kaum möglich, dass in einem Normaltempo zu ertragen. Man wird gezwungen, sich für eines von beiden zu entscheiden und exakt das ist es, was mich an Flughäfen so nervt. Es gibt hier nur schwarz und weiß. Da ich dieses Verhalten in den letzten zwölf Jahren akribisch studiert habe, fällt es mir nicht schwer, mich schnell zum Ausgang zu manövrieren. Mittlerweile habe ich mir angewöhnt, Menschen auch nicht mehr anzurempeln, sondern sie mit meinem Rollkoffer beim Vorbeihasten zu rammen. Meine Bewegung ist dabei so flüssig und perfekt inszeniert, dass die Betroffenen lediglich den Inbegriff wichtiger Eile sehen. Wie bei einem Arzt, der sich in einem Kaufhaus seinen Weg zwischen den beschissenen Schaulustigen freibahnt, um dem dahinscheidenden Opa den allerletzten Versuch einer Herz-Lungen-Wiederbelebung zu gönnen. Niemand kann dem Arzt böse sein. Er ist wichtig. So bewege ich mich.

Ich bin gerade so gut im Flow auf dem Weg zu den Taxen, biege um eine Ecke und stolpere über die Beine von einer Person, die mit ausgestreckten Füßen an der Wand gelehnt sitzt. Wieder ist die Landung hart. Beim Aufprall auf den Boden ramme ich mir meine eigene Faust in den Magen. Ich sehe kurz Sterne. Als ich mich umdrehe, sehe ich mir diesen Bastard genauer an. Kreisrunder Haarausfall, Schnauzbart, trägt dieselbe teure Krawatte wie ich. Er redet laut mit sich selbst und scheint schon ein paar Mal an diesem Abend geweint zu haben. Seine Augen sind rot. Er beachtet mich gar nicht, obwohl ich seine Beine zu einem recht ordentlichen Spagat auseinander gestolpert habe. Seine Anzugshose ist im Schritt aufgeplatzt. Seine in Feinripp eingequetschten, kleinen Genitalien starren mich entsetzt an. Für einen Fettsack erstaunlich. Ich hätte ihn auch nicht beachtet. Niemand beachtet uns, nicht mal der Sicherheitsdienst, der hier doch irgendwo in der Nähe prokrastinieren muss. Ich stehe auf und überprüfe, ob ich okay bin und mein Anzug den Sturz schmutzfrei überstanden hat. Alles gut. Ich gehe einen Schritt näher an ihn heran. Sein Gesicht glänzt fettig und er blickt ins Leere an mir vorbei. Ein Arm ruht auf seinem zerschrammelten Lederkoffer, der andere auf seinem Oberschenkel.

»Du liegst im Weg, Spast«, sage ich ihm.

»Wie spät soll’s denn noch werden…«, sagt er, aber er redet nicht mit mir.

»Hallo? Kommst du klar?«, sage ich entnervt.

»Is’ zu spät. Es is’ eigentlich zu spät…«, murmelt der Fettsack und macht keine Anstalten, seine Spagatbeine wieder zu schließen. Er scheint ziemlich fertig zu sein. Ich bin mir sicher, dass ich ihn irgendwo schon mal gesehen oder sogar mit ihm gesprochen habe. Auf einer Konferenz? Saßen wir vielleicht mal zusammen in einem Meetingraum oder sehen alle Geschäftsmänner ab 50 so aus? Werde ich so mit 50 aussehen? Der Anblick deprimiert mich. Der Gedanke deprimiert mich. Meine Hand tut noch vom Sturz weh.

»Is’ spät geworden…«, blubbert er weiter.

Ich sehe ihn mir noch ein paar Sekunden lang an, dann reicht es mir. Ich hebe meinen Rollkoffer auf, renne weiter und korrigiere meine Laufbahn, als ich ein quengelndes Kind erblicke, das ich mit der Hartschale rammen möchte. Ich liege trotz dieser Verzögerung ganz gut in der Zeit, denke ich. Hoffentlich habe ich das kleine Plastiktütchen mit dem Weed gut verschlossen, denn mir ist warm von der Rennerei und ich schwitze stark im Schritt.