Inzeption

Endi ließ sich und seine verbeulte Waschmaschine von einem deutschen Reisenden an den Serpentinen kurz vor Thethi, einem kleinen Dorf in der Komuna Shala in den Albanischen Alpen, per Anhalter mitnehmen. Der Deutsche war viel zu schnell auf den steinigen, unbefestigten Pfaden gefahren, sodass er voll auf die Bremse gehen musste. Während der Jeep über die scharfkantigen Steine schlidderte, platzte der rechte Hinterreifen mit einem lauten Knall, der eine längst vergessene und zutiefst absurde Geschichte erstmalig in die Gegenwart zurückkatapultierte. So hatten sie sich also kennen gelernt. Endi brachte seine Fähigkeiten im Reifenwechseln ein, was angesichts der albanischen Straßen – sofern man die Trampelpfade in diesem Teil des Landes überhaupt als Straßen bezeichnen konnte – ein notwendiges Handwerk war, das die meisten seiner Landsleute aus dieser Gegend aus dem Effeff beherrschten. Im Gegenzug wuchteten sie zu zweit die Waschmaschine auf das verrostete Dach des Jeeps und befestigten diese mit ein paar öligen Seilen, welche lose im Kofferraum unter dem Reiserucksack des Deutschen und einem Benzinkanister herumlagen.

»Me gojë i afron, me gojë i largon shokët«, dachte sich Endi, als die Reifen des Jeeps nach vielen Stunden endlich wieder Asphalt berührten und er auf dem Beifahrersitz seine Augen schloss. Das albanische Sprichwort, das frei übersetzt soviel wie Mit Worten nähern sich, mit Worten entfernen sich Freunde bedeutet, hatte er von seiner Großmutter gelernt, die ihn und seine vier Brüder alleine in einem Vorort östlich von Shkodaër aufzog. Möglicherweise hatte das Schicksal seine Hand im Spiel, aber dieses kleine Nickerchen auf dem Beifahrersitz, das wärmende Sonnenlicht auf dem Schoß und die raue Stimme von Tom Waits, die sich aus den verdreckten Lautsprechern einen Weg durch den Zigarettenqualm in seine Ohren tastete, fühlte sich für Endi wie ein ewiges Schlafen an, das er zuletzt im Sommer 1982 spürte. Während Endi langsam in den Schlaf abglitt, wühlten sich verdrängte Erinnerungen aus seiner Seele empor und wabberten pochend durch seinen Körper:

Im Winter 1981 lag er kurz vorm Jahreswechsel in Tirana zitternd auf einem Feldbett, das er sich im Keller eines Bekannten aufgebaut hatte. Seine Augen pendelten zwischen seinem kondensierendem Atem und dem Schimmel an der Decke, in dessen Muster er Ablenkung suchte. Er war dazu gezwungen, den Mann, den er einige Stunden zuvor in den Hinterhof eines Hauses in der Nähe des Qemal-Stafa-Stadions gezerrt und dort mit einem Stahlseil zu Tode stranguliert hatte, direkt neben seinem Schlafplatz über einer löchrigen Plastikplane in Einzelteile zu zersägen. Er hatte sich mehrfach bei diesem Vorgang, der Stunden in Anspruch nahm, übergeben müssen und spürte nichts als Heiserkeit und Leere in sich. Nachdem sein Kontaktmann der Sigurimi die Überreste aus seinem Versteck abgeholt und ihn angewiesen hatte, seinen Aufenthaltsort aufgrund der Brisanz, die das Verschwinden seines Opfers mit sich brachte, zu verschleiern und unterzutauchen, setzte er sich nach einigen Minuten hysterischer Blindheit auf sein Bett und begann bitterlich zu weinen.

Das letzte Mal, dass er sich so schlecht gefühlt hatte, war Ende 1975 oder Anfang 1976 – so sicher war er sich diesbezüglich nicht mehr gewesen. Er hatte lediglich die schmerzhaften Bilder von Schnee und Blut vor Augen gehabt und das furchtbare Gefühl unendlich andauernder Übelkeit. Es war sein erster Mord für die Sigurimi gewesen. In den folgenden Jahren hatte er sich während der Säuberungswellen zu einem tüchtigem Mitarbeiter der Ersten Direktion gemausert, was bis zum Winter 1981 exakt 41 Menschen das Leben kosten sollte. Viermal wäre Endi bei seinen Aufträgen beinahe selbst getötet worden. Sein Nervenkostüm war auf eine unvorstellbar kleine Größe zusammen geschrumpft und zu Stein erstarrt. Nach seinem ersten Mord waren also fast sechs Jahre vergangen, in denen er nie weinen, aber permanent gegen seine Übelkeit ankämpfen musste. Die Wechsel der Jahreszeiten hatte Endi in diesen Jahren kaum bewusst miterlebt. Er wusste jedoch noch sehr genau, welche toten Körper von seinen Opfern er durch Schnee oder buntes Laub geschliffen, ob er stark dabei geschwitzt oder gefroren hatte. Das waren allerdings auch alle zeitlichen Anhaltspunkte in seinen Gedanken. Andere Erinnerungen hatte er keine an diese Zeit.

Endi schluchzte noch immer auf seinem Feldbett und das Zittern konzentrierte sich nun auf seine blutverschmierten Hände, die er betrachtete. Ihm wurde bewusst, dass er das getrocknete Blut unter seinen Fingernägeln nicht so leicht wegwaschen konnte wie den Rest. Vor fast zwei Wochen hatte er vom Tod des Ministerpräsidenten Mehmet Shehu erfahren und vermutete, dass dies gefährliche Konsequenzen nach sich ziehen würde, die auch vor seiner Abteilung nicht Halt gemacht hätten. Es kam ihm sonderbar vor, dass er ein seltsam beunruhigendes Gefühl hatte, als der Parteichef Enver Hoxha Ministerpräsident Shehu zuvor stark kritisiert hatte. Hoxha warf Shehu unter anderem vor, der Verlobung seines Sohnes mit einer jungen Frau zugestimmt zu haben, deren Familie zur Nazizeit mit der deutschen Besatzung kollaboriert und nicht auf kommunistischer Seite gestanden hatte. Man fand Shehu mit einem Kopfschuss in seinem Bett, seine abgefeuerte Waffe direkt zu seinen Füßen. Sein Tod wurde öffentlich als Selbstmord deklariert. Der albanische Diktator sollte später voller Spott den Tod Shehus mit den Worten »Dieser Agent und Söldner der Ausländer hat sich den Schädel an der Einheit der Partei und des Volkes eingerannt« in seinen Tagebüchern kommentieren.

Endi hatte Angst, sich durch falsche Fragen die Finger an dieser Sache zu verbrennen. Nervosität und Übelkeit arbeiteten jetzt also in Zweier-Schichten in ihm. Der Gedanke an Flucht ereilte ihn zum allerersten Mal sehr plötzlich. Seine Tage waren die Vorhölle, auf die er sich all die Jahre im Bewusstsein seiner Taten nicht vorbereiten wollte. Ja, es wurde wirklich Zeit für immer abzuhauen, das wurde ihm auf seinem Feldbett sitzend nun endgültig klar. Der Zeitpunkt wird nie wieder so eindeutig vorteilhaft für ihn aussehen. Er war am Ende und war es im Prinzip sein gesamtes Leben schon gewesen. Er war fast 30 Jahre alt. Die Anweisung seines Kontaktmannes, unterzutauchen – obwohl er bereits in einem feuchten, kalten Keller im Blut eines ihm unbekannten Mannes stand – brachte ihm einen zeitlichen Vorsprung. Endi konnte diese Anweisung, die zugegebener Maßen wirklich nicht eindeutig war und wahrscheinlich nur achtlos in Hektik zwischen Tür und Angel ausgesprochen wurde, dazu nutzen, den zeitlichen Vorsprung bei seiner Flucht aus Albanien auszuspielen. Es musste also sehr schnell gehen, viel Zeit zum Zögern blieb ihm nicht. Ihm war klar, wie schnell er seine Opfer fand, die zu lange gezögert hatten – zumindest dann, wenn es ihnen bewusst war. Die Sigurimi fürchtete er mehr als die Blutrache, denn die Erste Direktion war effizient, das wusste er nur zu gut. Und die Führung unterschied auch nicht zwischen Verrat und Zweifeln. Noch während er darüber nachdachte, stand er auf, zog seine Jacke, Mütze, Hand- und Winterschuhe an, nahm sich sein gesamtes Erspartes aus der Emailledose, die er hinter einem losen Stein in den Kellermauern sorgfältig versteckt hatte und verschwand im Schneegestöber von Tirana.