Lost

In der Nacht zum Valentinstag im Februar 1945 fielen Feuerengel vom Himmel über Dresden. Mein Großvater war elf Jahre alt und hatte sich nach der ersten Bomberwelle mit seinen Brüdern und anderen Kindern bei einem Nachbarn im Keller versteckt. Als sie zum Großen Garten aufbrachen, flutete die zweite Bomberwelle über sie hinweg. Der Nachbarsmann scheuchte die Kinder zu einer Gruppe zusammen und sagte ihnen, dass sie singen und den Knallkörpern ausweichen sollen.

»Und bleibt hinter mir; und geht nicht zu nah an die Häuserwände; und passt auf das Feuer auf; und verbrennt euch nicht; und atmet nicht zu tief ein.«

Es tanzte ein knappes Dutzend Kinder durch die Straßen, singend, durcheinander singend. Allesamt hintereinander weg, ein heißes Spiel spielend. Mein Opa erinnerte sich daran, dass einer seiner Brüder seinen Schuh verlor und der Boden glühend heiß war, als würde man zur Mittagszeit durch die Wüste gehen. Er hat die kochenden Nächte überlebt und sagte mal zu mir:

»Ich war damals alt genug, zu verstehen, dass Angst zu haben völlig in Ordnung ist, aber dass sie nicht das Ende bedeutet, wenn man versucht sich Mühe zu geben. Bei den richtigen Menschen musst du nicht tapfer sein.«

Darüber hat er gelacht und ich verstand es nicht.

Hedonism

Planet Hedonismus: Du willst, dass dein Bildschirmrhythmus groovt und alles besser ist, wenn du nur an die Hingabe glaubst. Hedonismus ist. Toll. Niemand kann sich der Macht entziehen. Vergessen wir das Gehen nach vorne. Vergessen wir das Aufrechtstehen. Knien ist geiler. Liegen ist gemütlicher. Im Liegen kommt man einfach besser. Voran. All die Schreie, wenn sich Fingernägel in fremde Haut krallen. All das Lachen ohne Sinn. All das Träumen, woanders zu sein, wenn man lacht. All die Schreie. All die Hilfeschreie. Hedonismus ist der Hilfeschrei meiner Generation. Am Ende folgt kein Untergang. Am Ende hat man nur was verpasst, während man sich Mühe gab nichts zu verpassen. Romantik sah in der Beta-Version auch hübscher aus. Beschweren wir uns nicht. Lassen wir unsere Visitenkarte da. Lassen wir Schreie ungehört. Lassen wir es einfach und lassen wir uns einfach. Irgendwann wachen wir schon auf. Und dann starten wir einen zweiten kollektiven Versuch das Glück zu finden, das wir lange Zeit vor uns hatten und nie zu schätzen gewusst haben.

Skip to the End: Unerwiderte Gefühle zu haben oder Liebeskummer zieht immer eine Rechnung nach sich. Wenn man dann pleite ist oder nicht bereit ist zu zahlen, kommen harte Zeiten auf einen zu. Ich bin noch nie jemandem begegnet, der diese Rechnung bezahlen konnte und das zeigt mir, dass in jedem Kopf die Gefühle über den Konsequenzen stehen. Selbst wenn diese abzusehen sind.

Und auch wenn es einem so richtig die Suppe versalzt: Es war doch so ziemlich das Beste was man wagen konnte. Liebeskummer zu provozieren und auf unerwiderte Gefühle zu stoßen. Denn es bedeutet, dass man versucht hat, etwas zu geben, statt zu nehmen. Sowas rettet die Welt.

Gekreiselt sein

Drehe dich im Kreis so schnell du kannst. Hoffe darauf, dass du deinen Radius findest. Nur kurz. Zum Anfassen. Zum Fühlen, ob er noch da ist. Ob es ihn gibt. Ob es einen Unterschied macht, sich in der Drehung zu verlieren oder ständig die Entfernungen zu zählen, die an einem jeden Tag vorbeirauschen. Die Streuverluste, die vielen Finger, die in soviele Richtungen zeigen, die Versuchungen und der Gedankenkreisel, der sich brav der Physik knechtet. Drehe dich so schnell im Kreis bis dir nur noch nach Kotzen ist. Und dann halt dich fest. Nur kurz. Zum Anfassen. Zum Fühlen. Dass das alles richtig so ist. Ohne es zu wissen. Unter dem Mantel der Monotonie sitzen wir und lecken unsere klebrig süßen Zeigefinger. Sie sind richtungsweisend.

The Last Summer (Empor 3)

»Es muss ein Morgen im Sommer gewesen sein, denn es war ungewöhnlich warm. Die Sonne stand noch sehr tief. Die Luft roch sommerlich. Ja, dieser Sommergeruch, der sich nicht wirklich beschreiben lässt, weißt du? Du hast mir selbst mal davon erzählt, da war ich so neun oder zehn Jahre alt, und du warst zwölf oder dreizehn. Du hattest damals dein erstes Jahr auf der Oberschule hinter dir. Keiner konnte dich ausstehen, weil du gemein warst und mit deiner Zahnspange wirklich hässlich aussahst.« „The Last Summer (Empor 3)“ weiterlesen

Keine Angst

Die Angst vor dem Finden ist ein unübersehbar großer Fleischberg mit Muskeln, hässlichen Tattoos, Goldkettchen und einem Träger Heineken im Blutkreislauf. Läuft grölend und pöbelnd durch die Kante, haut hier und da mal die Faust gegen ein Gesicht, schubst was um, tritt gegen Dinge und atmet fertig. Guckst du ihn an, hast du Probleme. Deshalb schnell Straßenseite wechseln, umdrehen oder Laufrichtung neu berechnen. Finden heißt in glühend heißen Ohren Ankommen. „Keine Angst“ weiterlesen