tirana

Mit dem Clown

Er hatte sich dazu entschlossen, nicht direkt aus Deutschland nach Afghanistan zu fliegen, sondern von Zagreb aus. Während des Fluges von Berlin nach Zagreb befreite er sein schwarzes Notizbuch, das er vor drei Jahren in Bosnien auf einem Markt gekauft hatte, von der Klarsichthülle. Sein Blick schweifte durch das kleine Fenster auf die Wolkendecke und…

streets

La vie

Langsam rann der Schweiß an meinen Schläfen hinab, kroch über die Jochbeine und blieb schließlich in den Bartstoppeln hängen. Unter meinem Haaransatz pochte eine unter Anstrengung vorgetretene Vene rhythmisch vor sich hin; Talg glänzte auf meiner Stirn im Tageslicht, das durch das Treppenhausfenster in der Dachschräge zu meiner rechten auf mich fiel. Der Tag war…

festerhalten

Festerhalten

Uns sind die Maßnahmen ausgegangen. / Weil es in der Zeit nur Wege nach vorne gibt, wird Gestern schwierig. Wir tricksen auf Zehenspitzen im Schleichgang. Irgendwer wird schon die Richtung vergessen. / Weil wir es nicht glauben können, streiten wir es ab. / Es hat nicht so geklungen als wäre etwas zu Bruch gegangen. Vielleicht…

Kaja

Irrwege

Auf dem Kleiderbasar in Herāt sprach Kaja einen Niederländer an, der uns für eintausend fünfhundert Dollar mit seinem 720er Datsun nach Kabul fahren sollte. Er sagte, dass sei ein schnapper, nicht nur für die Länge der Strecke, sondern vor allem für die Regionen, die wir durchqueren mussten. Nachdem sich der etwas untersetzte Niederländer von uns…

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Das große Handgemenge

Vor einigen Jahren gab es einen seltsamen Moment, in dessen Verlauf ich glaubte, das Leben verstanden zu haben. Obwohl diese Formulierung nicht ganz richtig ist. Ich bekam wohl eher eine Ahnung davon, dass das Leben zu einem spricht, eben durch Dinge und Ereignisse. Und man kann sich ziemlich sicher sein, dass es zu einem spricht,…

gang

Das 75-Prozent-Gefühl

Meine Schwester starb in der Nacht zum 3. April 2012. Mein Telefon klingelte zwei Tage später um 9:17 Uhr. Ich hatte mich im Büro gerade an meinen Schreibtisch gesetzt und Scheiße gesagt. Dass irgendwas passierte sein musste, fühlte ich schon. Irgendetwas nicht Sichtbares schwang mit dem Klingeln mit, etwas endgültig Verändertes. Als hätte man einen…

Badminton unterm Mond

Idioten

Nach der Zerstörung des Universums war die Stimmung seltsam ausgelassen. Alle Beteiligten legten ihre Erinnerungen zusammen und formten den Letzten Raum. Ein warmer stickiger Ort mit hohen Wänden, einem Badminton-Platz und dem Mond als übriggebliebene Schnittmenge. Im Licht begann jemand zu applaudieren und alle stimmten ein. Das war das letzte gemeinsame Statement bevor wir uns…

Bisaz 1986 (Ost-Berlin)

Die weiße Stadt

Ein paar Tage später wurde er von einem guten Freund auf dem kleinen Rasenstück im Innenhof seines Blocks gefunden. Ohne Hose lag er mit dem Gesicht nach unten in seinem Erbrochenen. Es hatte geregnet. Der Notarzt sagte, es sei Dehydrierung. Wenig später saß er dann am Flughafen Tegel, wartend auf den Check-In und kaute auf…

lia

Schmu & Dün

Von Erklärungen geträumt. Keine Antworten bekommen. Lost Road. Vielleicht etwas Sonnenlicht dazwischen bringen. Den Schildern folgen. Wortlos. Traurigkeit hinter sich lassen. Schwierige Gedanken subtrahieren. Einfache Rechnungen jetzt. Jemand, der es weiß, sagt: “Dit Leben is eigntlich janz schön, wirste sehn.” Ich verstehe Formeln, tanze alleine nach Augenmaß. Zwischendurch sanfte Worte. Jemand, der es weiß, sagt:…

Berlin Ostkreuz

Noisy Silence

Ich sitze in zigarrenbraunen Ledersesseln, auf klapprigen Barhockern, zwischen ausrangierten Flugzeugsitzen, in denen tausende Zigaretten und ebenso viele Gespräche begonnen und beendet wurden. Ich weiß nicht viel, kann auch nicht viel sagen, das einzige, das ich zwischen den Rauchschwaden spüre, ist meine kalte Hand, in denen die eisgekühlten Drinks mit einer sonderbaren Eigendynamik rotieren. Alles…