Bruno Bosch

Bruno Bosch

Noch eine halbe Stunde bis der Wecker klingelt. Ich liege bereits eine ganze Weile wach und starre hässlich auf mein iPhone. Draußen liegt unberührter Schnee im orangefarbenen Licht der Laternen. Der Berliner Straßenverkehr knirscht schon wie eine rostige Maschine, als hätte er nie etwas anderes getan. Der Neuschnee und die übermüdete Berliner Seele hegen keinerlei Wertschätzung füreinander. Ich setze mich auf und durchbohre mit toten Augen den Dielenboden. Mir ist schlecht. Dennoch überrascht mich der druckvolle Schwall Kotze, den ich mir plötzlich zwischen die Füße brülle. 

Ach du Scheiße, denke ich und versuche mich zu beruhigen. Die Situation überfordert mich. Es ist nicht cool. Und ich kann mich heute nicht vor der Arbeit drücken. Das habe ich mir selbst eingebrockt.

Normalerweise verlasse ich erst um sieben meine Wohnung, damit ich eine Stunde später mit einem Kaffee an meinem Schreibtisch sitze, die erste Zigarette des Tages aus meiner Manteltasche ziehe und vor dem Monitor Nachrichten lese oder durch eine Bilderstrecke scrolle, auf der sich der kleine, dicke Kim Jong-un Dinge ansieht, während sich seine Generäle mit 3000 Orden an der Brust im Hintergrund unterwürfig in die Hände klatschen. So was macht mir Hoffnung. Aber bei diesen Witterungen bin ich im Prinzip jetzt schon zu spät dran. Im Normalfall muss ich jedoch auch keinen ungarischen Fleischeintopf und Magensäure vom Vorabend wegwischen. So was nervt mich.

Die Übelkeit ist noch latent da, aber ich atme durch den Mund, während ich diese erbärmliche Schweinerei entferne. Ich bin mir sicher, dass ich keinen Infekt habe. Unter der Dusche versuche ich es dann mit Wichsen, um diesem Tag noch einen helleren Anstrich zu geben. Aber ich bin zu abgelenkt von dem Gedanken, dass ich danach zurück in mein Schlafzimmer muss, in dem ich die Balkontüren aufgerissen und die eiskalte Januarluft reingelassen habe. Kein sehr Mut machendes Bild, wie ich in einem Bademantel ein schockgefrostetes Zimmer betrete, in dem es nach Kotze stinkt. An einem Montagmorgen, während der Bus vor meinen Fenstern hustende Menschen auf die spiegelglatten Bürgersteige ausspuckt. Ich breche es also ab, spüle meinen Mund unter dem dampfenden Duschkopf und schäme mich für diesen Versuch. Er war gut gemeint.

Der Weg ins Büro gestaltet sich beschissen. Ein Konzert aus dauerhupenden Missgeburten und Passanten, die sich auf dem Weg zum nächsten U-Bahnhof ein paar Mal auf die Fresse legen. Das Radio informiert mich, dass sogar Meteorologen diesen heftigen Wintereinbruch unterschätzt hätten, zählt dann ein paar Auffahrunfälle auf und welche Straßen man lieber meiden sollte. Ich nehme das leidenschaftslos zur Kenntnis. Irgendwann biege ich wie erwartet zu spät auf dem Firmenparkplatz ein. Kollege Immendorf hat sich ein neues, teures Auto gekauft und auf meinem Platz geparkt, obwohl sein eigener direkt neben meinem liegt und leer steht. Er will über seine Neuanschaffung reden, macht es aber auf die für mich demütigende Tour. Ein Spitzentyp, der eines Tages im Rollstuhl sitzt, weil jemand in einer billigen Tittenbar einen Barhocker auf seinem Körper zertrümmert hat.

Ich parke sehr nah an seiner Fahrerseite und beschließe das Gebäude später als Immendorf zu verlassen und mich direkt nach seinem Feierabend in ein anderes Büro zu setzen, damit er mit seinen matschigen Lederschuhen über den Beifahrersitz klettern muss.

Immendorf steht vor meinem Büro und flirtet vergeblich mit meiner Assistentin, auf deren Gesicht ich schon von weitem erkenne, dass sie ihn am liebsten erstechen würde. Auf der letzten Weihnachtsfeier erwischte er am Siedepunkt der Dekadenz ein paar Praktikanten auf seiner Bürocouch beim MDMA-Konsum. Immendorf, der in seinem Leben mit Amphetaminen noch nie etwas am Hut hatte, wollte sich als das große, lässige Alphatier aufspielen. Also setzte er sich dazu, stark angetrunken von drei Gläsern Whiskey-Cola, und ignorierte die Tatsache, dass seine plötzliche Anwesenheit peinliches Betreten und Fremdscham ausgelöst hatte. Während billiger House-Techno über die Büroflure donnerte und die Gesprächsfetzen von amüsierten Kollegen verschluckte, bröselte sich Immendorf ganz weltmännisch die Kristalle in seinen halbvolles Glas, ext es in einem Zug leer und reißt dann beide Arme in die Luft.

„Denkt dran: Nur mit Gummi. Bei dir würde ich aber eine Ausnahme machen“, sagte er schmierig grinsend und blinzelnd zu einer der Praktikantinnen. Zur Klarstellung: Immendorf versucht bei jeder, eine Ausnahme zu machen. Keiner der Anwesenden lachte.

Später versuchte er, meine Assistentin zum Ficken zu überreden, was diese aber angewidert abblitzen ließ. Danach bewegte er sich noch eine Stunde ungelenk auf der fast leer gefegten Tanzfläche vor dem DJ-Pult und versuchte durch rudernde Armbewegungen umstehende Kollegen zum Tanzen zu animieren. Anders als er selbst, hat das meine Assistentin auch einen knappen Monat später nicht vergessen. 

Während Immendorf sie also vor meinem Büro gleichzeitig langweilt und anekelt, erblickt sie mich und Hoffnung blitzt in ihrem müden Gesicht auf. Mich überrascht, wie abstoßend ein Gespräch mit Immendorf aus Sicht einer Frau sein muss, denn ich gehe selber nicht gerade zimperlich mit ihren Gefühlen um. Immendorf bemerkt nun auch, dass ich mich von hinten nähere. Er dreht seinen Körper, zeigt seine frisch gebleachten Zähne und prostet mir mit seiner Kaffeetasse zu, auf der das Unternehmenslogo bedrohlich prangt.

„Moin, Bruno. Wollte gerade herausfinden, ob dein Schneepflug einen Platten oder man dir die Schneeketten geklaut hat“, sagt er und versteckt sein fluoreszierendes Gebiss hinter einem kräftigen Schluck Kaffee.

„Guten Morgen, Paul“, erwidere ich, ohne ihn auch nur einmal anzusehen. Das elektronische Türschloss meines Büros knackt, als ich den Chip vor das Lesegerät halte. Ganz plötzlich überfällt mich wieder diese schockartige Übelkeit von heute morgen. Ich habe keine Lust zu sprechen, aber Immendorf legt mir jovial seine Hand auf die Schulter.

„Wie siehst du überhaupt aus? Hat eine fette Frau auf dir geschlafen?“, fragt er mich und lacht. Kaffee-Lachspucke im Genick und am rechten Ohrläppchen. Ich hasse mein Leben.

„Verpiss dich. Ich habe zu tun“, sage ich knapp.

„Bruno, einen Mann wie mich kann man nicht so leicht abwimmeln. Solltest mittlerweile auch dubegriffen haben.“

Ich blicke in seine Visage und träume mich für wenige Sekunden in ein Paralleluniversum, in dem Paul Immendorf lebenslang im Gefängnis sitzt und zwei- bis dreimal die Woche haarige und hängende Eier gegen sein Kinn klatschen, während ihm Rotze, Erbrochenes und Wichse aus der Nase spritzt. Er hat sich über die vergangene Woche den lauten Witz eines Schnurrbartes wachsen lassen und einen Barbier gezwungen, diesen solange auszurasieren, sodass am Ende nur noch eine sehr schmale Stoppellinie direkt auf der Oberlippe übrig geblieben ist. Er hält sich für Clark Gable.

„Gewöhn dich endlich dran, Bruno.“

Immendorf hat sich seit seiner letzten Beförderung andressiert, den Namen seiner Gesprächspartner inflationär in jedem Satz zu benutzen, der aus seinem Maul kleckert. Er spricht viel und ohne Punkt und Komma, weshalb man ihn auch zum europäischen Leiter des Vertriebs gemacht hat. Weil das seiner Ansicht nach aber behindert klingt, steht Vice President Sales Europeauf seiner Visitenkarte. Er berichtet nun direkt an die Unternehmensleitung und hat einen zweiten Assistenten bekommen, eine dicke Gehaltserhöhung, mehr Prozente für seine monatlichen Boni und unerreichbare Ziele. Eigentlich darf er keine Zeit haben und trotzdem steht er immer noch in meiner Tür und schaut mich an, als würde er etwas von mir erwarten. Blenden ist Gesetz im Sales. Ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, ihn auf sein neues Auto anzusprechen? Hat sich Immendorf diesen Moment genau so vorgestellt? Wird das letzte bisschen Würde, die schwach in ihrer leeren Hülle lodert, jetzt über Bord geworfen? Über die Reling eines Aida-Kreuzfahrtschiffes? Spät am Abend, wenn die Animateure in ihre Kojen gekrochen sind? Wenn der übriggebliebene Brite in seinen frühen Dreißigern auf dem Deck seine letzte Zigarette de Tages vor dem Einschlafen in den Nachthimmel pustet, mit rasselndem Atem, während das Mondlicht auf seiner Halbglatze leuchtet? Findet Immendorf das gut? Denn ich finde das gar nicht gut. Ich habe das absolute Gegenteil eines Ständers. Pure Weichmacherei.

„Paul, wenn du nur nerven willst, dann verpiss dich. Ich habe voll zu tun.“

Er lacht und sieht dabei aus wie ein Spast. Ich setze mich hinter meinen Schreibtisch und er sich auf meine Tischkante. Er stellt seine Tasse ab und starrt meiner Assistentin durch die Tür auf den Arsch.

„Bruno, heute ist das wichtige Meeting, daran will ich dich nicht erinnern, weil es ja wichtig ist und du das weißt, nicht wahr?“, sagt er gedankenverloren und wischt sich den kaffeeklammen Mini-Schnäuzer mit dem Handrücken. Ich antworte ihm nicht.

„Die Typen wollen in drei Wochen dein überarbeitetes Konzept, das ich mit deinem Pendant kurz vor dem Vertragsschluss diskutiert habe. Fleißiges Bienchen, dieser Typ. Schwuchtelstimme, aber fleißig. Wenn wir also nachher das Meeting haben, werde ich unserem Team noch ein paar Infos geben. Du weißt ja, zwei Augenpaare sehen mehr als eins.“

Er dreht sich zu mir und grinst immer noch das Zwei-Euro-Lächeln seines Zwei-Sterne-Lebens. Seine Kopfbewegungen sollen mich auf den Hintern meiner Assistentin aufmerksam machen. Ich fühle mich nicht wohl, denn das letzte, das ich will, ist seine Anwesenheit in diesem Meeting. Meine Assistentin hat seiner wahrscheinlich den Termin verraten, den ich heimlich aufgesetzt habe. Immendorf hat dieses Projekt an Land gezogen. Während er EU-Clowns seine belegte Zunge über zwei Jahre in die Ärsche geschoben hat, habe ich ein Konzept aus ihrer Ausschreibung erarbeiten müssen. Anweisung von oben. Er hat sich während dieser Akquise in die höheren Etagen gehandjobbt. Die Europäische Union plant seit Jahren die Einführung eines umfassenden sozialen Bonitätssystems für ihre Bevölkerung. Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt Minuspunkte und kommt mit diesem transparenten Konto schlechter an Wohnungen, an gute Jobs oder sonstige Privilegien. Die Regeln macht der der entsprechende EU-Staat. Wie das kontrolliert werden soll, ist streng geheim, oder so. Und wer sich an diese Regeln hält, bekommt im Umkehrschluss Pluspunkte auf sein Konto. Die EU hat sich dazu entschlossen, die Entwicklung dieses Systems der deutschen Digital-Wirtschaft zu überlassen. Da kamen mir fast die Tränen. Es gab genug Bewerber, wo man schon seit Äonen zu der Idee der totalen Überwachung onaniert. Ein Teil dieses Überwachungssystems – pardon – des sozialen Bonitätssystems soll durch unser Unternehmen entwickelt werden. Und irgendwie landete das bei Immendorf auf dem Tisch und weil ich den Bereich Digitale Innovationen leite auch auf meinem. Adolf Hitler war etwa in meinem Alter, als er sich im Knast daran machte, Mein Kampfzu verfassen. Und jetzt soll ich an der digitalen Adaption einer verwirrten Demokratie mitschreiben.

„Fette Boni“, brüllte Immendorf, als wir den Zuschlag bekamen. Er brüllte es wirklich. Die Zeit ist gekommen, mir einen Tesla zu kaufen und ihn auf die Parkplätze meiner Kollegen zu parken, dachte er sich.

„Verpiss dich, Immendorf“, sage ich noch mal, „und halte dich heute Nachmittag zurück. Die Programmierer und Projektleiter hassen Sales-Gelaber.“

„Du siehst scheiße aus“, wiederholt er, ohne mich anzusehen, steht von meinem Tisch auf und verlässt mein Büro.

Ich habe noch den halben Tag Zeit, irgendwie klar zu kommen und etwas abzuschütteln, das mich so durcheinander gebracht hat. Als ich meinen Kalender checke, sehe ich, dass meine kleine Schwester Amilia heute Abend zum Essen zu mir in die Wohnung kommen wird und das ist die beste Nachricht seit langem. Reiß dich zusammen, Bruno. Schluck Immendorfs Ladung runter und verkneif dir das Würgen.

Der Tag plätschert tatsächlich vor sich hin. Ich fühle mich zwar immer noch ungewohnt beschissen, aber das Kotzen vom Morgen scheint nur eine spontane Überraschung gewesen zu sein. Die Mittagspause lasse ich aus, da mir Immendorf über den Chat mitteilte, dass er heute unfassbar Bock auf indisches Essen hat. Er hat das mal angeregt, wegen den Programmierern. Die sollen sich heimisch fühlen. Immendorf ist ein mieser Typ.

Das große Meeting läuft erwartungsgemäß. Das Vertriebsgelaber ist mit Ami-Pathos gestrickt. Es wird motivierend gebrüllt. Die meiste Zeit starren alle auf den Boden. Auch die Geschäftsleitung ist da und stimmt in den Tenor ein. Eine Ära der Überstunden wird auf uns alle zurollen. Vorerst ein Umsatzvolumen in Höhe von 87 Millionen Euro. Viele schlagen sich die Taschen voll. Immendorf schnalzt mit der Zunge, als er diese Zahl auf dem digitalen Wanddisplay prangen sieht. In den kommenden Wochen werde ich im Fokus aller stehen. Man wird mir auf die Finger gucken. Ich muss abliefern und dabei gut aussehen. Meine Agenda für das Meeting wurde kurzerhand von Immendorf und der Geschäftsleitung über den Haufen geworfen. Deshalb ist diese Zusammenkunft nichts anderes, als ein rüpelhafter Gangbang in Zeitlupe, eine Bukkake-Party für business men. Nichts Konkretes, aber zwischendurch mal eine zünftige Pullerschelle. Keine Informationen von Wert. Als am Ende alle klatschen, aufstehen und den Raum verlassen, steht Immendorf noch breitbeinig wie Ronaldo beim Freistoß vor dem Wanddisplay, die Hände ganz weltmännisch in den Taschen.

„Eins noch“ ruft er in den Raum. Er dreht sich dabei nicht um, denn er weiß, dass er der Mann der Stunde ist. Alle bleiben stehen und starren ihn an. Ich sitze noch immer am round tableund seufze, weil er eine wirkungsvolle Pause einschiebt.

„Da wir in drei Wochen das überarbeitete Konzept pitchen sollen, habe ich mich dazu entschlossen, diesen Freitag den ersten dry run durchzuführen. Unter meiner Aufsicht. Heißt: Ich erwarte, dass Bruno mir bis Mitte der Woche die Rohfassung vorlegt. Bitte nicht als Mail, sondern ausgedruckt auf meinen Schreibtisch.“

Er dreht sich um und blickt mich an. Einige der Anwesenden, die noch nicht geschaltet haben, dass er eigentlich mit mir spricht, starren mich nun ebenfalls an. Unglücklicherweise ist auch die Unternehmensleitung darunter. Das hat Immendorf natürlich einkalkuliert.

„Bis Mitte der Woche?“, frage ich ruhig. Mein Kiefer könnte Metall zermalmen.

„Beruhig dich, Bruno“, antwortet er, „ich erwarte noch keine Perfektion –„

„Das wird bis Mittwoch noch nicht möglich sein“, unterbreche ich ihn. Mein Tonfall ist monoton.

„Sei nicht hysterisch“, sagt er. Und ein leichtes Grinsen huscht über sein Gesicht. 

„Ich bin nicht hysterisch, Paul. Ich sage nur, dass das bis Mittwoch nicht möglich sein wird. Ich habe auch noch andere Dinge zu tun und brauche dazu auch Input seitens der Projektleitung und der technischen Leitung.“

„Hast du begriffen, dass dieses Projekt Prio Eins ist?“, fragt er in den Raum.

„Ich schlage vor, dass Sie sich gleich dransetzen, Herr Bosch“, sagt nun einer der Geschäftsführer zu mir. Ein kleiner Mann mit Agenturbrille, Happy Socksund Zahnstein.

„Sehe ich auch so, Bruno“, sagt Immendorf.

Der kosmische Schwarm – Kapitel 4

Science Fiction

»Der kosmische Schwarm« ist eine Science-Fiction-Erzählung über den Erstkontakt der Menschheit mit einer technologisch hochentwickelten, außerirdischen Spezies. Inhaltsangabe und Kapitelübersicht befinden sich hier.

Die Pecker mit der Androiden-Besatzung hatte IGO-1 wie geplant erreicht und wurde auf manuelle Steuerung umgeschaltet. Die Übertragung des Videostreams erfolgte ohne zeitliche Verzögerung. Wir hatten uns wieder vollständig im Plenarsaal versammelt und starrten gebannt auf das Wand-Display. Niemand der Anwesenden hatte erholsamen Schlaf gefunden. Die Gespräche beschränkten sich vorab lediglich auf kurze Banalitäten.

Da die Pecker mit zehn Kameras und einer separat angeschlossenen Raumdrohne ausgestatten war, teilte sich das Display in mehrere Stream-Quadranten auf. Ein unruhiges Raunen ging durch den Raum: Der erste Kontakt des Menschen mit etwas Artifiziellem, das nicht aus seiner Feder stammte. Wir erhoben uns. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Was sich vor uns entfaltete, war zwar eindeutig, aber für sehr lange Minuten in keiner Weise mit Worten erklärbar. Und es zeigte sich, wieso etwas Ungeplantes in dieser Größenordnung mit den bisherigen menschlichen Errungenschaften nicht vergleichbar war. 

Im 20. Jahrhundert gab es drei fundamentale Meilensteine in der Raumfahrtgeschichte, welche uns den Weg bis zur Gegenwart ebneten: der erste Satellit, den die Sovjets 1957  in den Erdorbit schossen, Sputnik 1 – der Weggefährte; der erste Mensch im Weltraum 1961, der Sovjet Juri Gagarin; und als die Amerikaner acht Jahre später den ersten Fuß auf den Mond setzen, Apollo 11 – der Sonnenwagen. Wir hatten bewiesen, dass wir nicht nur unseren Planeten verlassen und messbare Signale zurücksenden, sondern auch extraterrestrisch landen und wieder zurückkehren konnten. Wir hatten das Tor zum Weltall aufgestoßen und durchschritten. Das war geplante Überwältigung.

Nach zwei Minuten des kollektiven Schweigens blickten wir uns an und ich fragte in den Raum, ob wir dasselbe sehen. Der Riss in IGO-1 war nicht wirklich ein Riss. Was wir erblickten, sah eher wie ein Schnitt aus. Kein chirurgisch-präziser, vielmehr ein grober Schnitt, der das Objekt zwar nicht zerteilen konnte, es aber gewollt hatte, so als wäre man beim Schneiden abgerutscht. Dennoch gab es keine freischwebenden Trümmer. Nichts dergleichen. Alles war steril. Die beiden Innenseiten waren anders als wir dachten geglättet, matt, im Gegensatz zur spiegelglatten Oberfläche der Außenhülle. In der Mitte der jeweiligen Innenseiten von IGO-1 erfassten die Pecker-Linsen einen eingelassenen Zylinder, dessen grob geschätzter Durchmesser etwa 100 Kilometer betrug. Ich dachte erneut an das Prinzip des O’Neill-Zylinders.

IGO-1 – so schien es – war hohl. Der Mantel drum herum war pechschwarz. Die gesamte Außenhülle des Objektes stellte eine weitere, sehr dünne Schicht dar. IGO-1 war also nach dem Zwiebelschalensystem aufgebaut: eine dünne Außenschale, eine weitere aber dickere Innenschale und ein Hohlkern, der sich vermutlich durch das gesamte Objekt erstreckte. Pecker schwebte zwischen den beiden Objektteilen und streamte die Aufnahmen. Unser Blick richtete sich zunächst auf die Öffnung des vorderen Objektteils. Irgendetwas verschleierte jedoch den Blick in den Zylinder wie eine straff gespannte, dünne Membran , welche die gigantische Öffnung wie die Blutgerinnung einer frischen Wunde verschloss. Diese Membran war weder organisch, noch biochemisch. Sie war technologischer Natur und zu einem Teil transparent. Damit stand zumindest fest, dass IGO-1 kein eigener Organismus war – eine Befürchtung, die mich in der letzten Nacht wach hielt und die ich nicht zu formulieren wagte – sondern ein Transportobjekt, ein Raumschiff. Dass es keinerlei Reaktion auf unsere Sonde zeigte, versetzte uns in weitere Anspannung, obwohl ein Teil von uns auch Erleichterung empfand. Die Pecker war dazu konstruiert worden, mit den Menschen zu kommunizieren und zu zeigen, was sie sieht und misst. Abgesehen von unserer bloßen Anwesenheit konnten wir uns also nicht verständlich machen. Was angesichts der Kommunikationsbarriere auch besser war. Es gab nicht mal die Möglichkeit, visuelle Signale über die Pecker zu senden.

– »Was ist das da?«, fragte jemand und zeigte auf einen der zehn Display-Quadranten.

– »Was? Wo?«

– »Kamera 5 der Pecker. Warten Sie, ich zoome es heran.«

– »Bestätige. Ich sehe es auch.«

– »Es sieht aus wie eine Öffnung.«

Tatsächlich schien die Membran in ihrer Mitte ein Loch zu haben, das von einem grau schimmernden Lichtkreis umschlossen wurde. Das ließ darauf schließen, dass IGO-1 noch über einen unbekannten Anteil ihrer Energie verfügen musste.

– »Ist das ein Loch? Das ist ein Loch!«

– »Können Sie Pecker näher heran steuern?«

– »Verstanden. Pecker nähert sich der Koordinate.«

– »Die Daten werden für diese Koordinate angezeigt. Sehr seltsam. Sie prallen wie an der Außenhülle ab. Aber es scheint ein leicht gekrümmter Tunnel zu sein, der in diesen Zylinder –«

– »Einen Moment«, unterbrach ich und machte eine Geste mit meiner Hand, die allen das Sprechen vorerst untersagte. Eine Minute verging.

– »Ich bestätige. Es handelt sich um etwas Tunnelförmiges, etwa 50 Meter im Durchmesser mit einer weiteren Öffnung zum Inneren.«

– »Ein Ein- und Ausgang…«

– »Wie tief ist der Tunnel durch diese Membran?«

– »Etwa 700 Meter.«

– »Mein Gott…«

– »Was schlagen Sie vor?«

– »Könnten wir die Pecker durch diesen Tunnel ins Innere steuern?«

– »Die Sonde misst sieben Meter im Maximaldurchmesser. Sofern der Tunnel frei von Hindernissen ist, dürfte das mit minimaler Geschwindigkeit und manueller Steuerung möglich sein. Die Sensorik funktioniert scheinbar störungsfrei. Ob das innerhalb des Tunnels genauso ist, kann ich zwar nicht garantieren, aber sofern die Übertragung der Kameras ohne Verzögerungen und Störungen abläuft, können wir notfalls auch auf die Sensorik verzichten und die Sonde auf Sicht fliegen.«

– »Keine sichtbaren Hindernisse beobachtbar. Die Tunnelkrümmung stellt ebenfalls keine Herausforderung für die manuelle Steuerung dar.«

– »Die Koordinaten der äußeren Öffnung sind berechnet.«

– »In Ordnung. Richten Sie die Sonde aus.«

– »Sonde ist ausgerichtet. Geschwindigkeitsreduzierung wird auf die Sensorik übertragen.«

Die Sonde näherte sich weiter der Membranöffnung an. Ich hatte den Eindruck, als sei dieser Zylinderverschluss eine Havarie-Maßnahme gewesen, nachdem IGO-1 Schaden nahm und das Innere des Zylinders vor dem Vakuum und der kosmischen Strahlung geschützt werden musste. Die Messinstrumente unserer Sonde waren nach wie vor nicht in der Lage, die sonderbare Zusammensetzung dieser möglichen Schutzmembran zu ermitteln, abgesehen davon, dass sie synthetisch aufgebaut war. Was sich auch dahinter verbarg, es war geschützt. Was diesen offenen Tunnelausgang weitestgehend unlogisch machte, da er eine direkte Verbindung zwischen dem Zylinder im Inneren und dem Vakuum im Äußeren darstellte. Wenn es denn keine Havarie-Maßnahme gewesen war, dann muss sie schon immer an dieser Stelle gewesen sein. Aber dass der – nun ja – Schnitt oder was auch immer durch IGO-1 zufällig genau längs dieser Membran erfolgt sein sollte, war äußerst unwahrscheinlich. Bei einer Länge von über 1.000 Kilometern im korrekten Winkel zu treffen? Unvorstellbar.

Der kosmische Schwarm – Kapitel 3

Science Fiction

»Der kosmische Schwarm« ist eine Science-Fiction-Erzählung über den Erstkontakt der Menschheit mit einer technologisch hochentwickelten, außerirdischen Spezies. Inhaltsangabe und Kapitelübersicht befinden sich hier.

Egal wie seltsam das klingen mochte, ich musste es formulieren. Je länger dieser Gedanke in mir reifte, desto größer wurdedas Risiko, dass ich ihn selbst nicht mehr ernst genug nehmen konnte. Ich brauchte Kontrolle.

– »Wir haben es hier möglicherweise mit einer Typ-II-Zivilisation zu tun.«
– »Können Sie mir das erklären?«
– »Sehen Sie, Mitte des 20. Jahrhunderts entstand eine Kategorisierung der Entwicklungsstufen extraterrestrischer Zivilisationen nach deren Energiegebrauch: Die Kardaschow-Skala mit drei Kategorien, drei Typen. Diese Skala wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts als gedankliches Experiment wieder verworfen.«
– »Weshalb?«
– »Man konnte die Skala nicht zielführend für die Klassifizierung von extraterrestrischen Zivilisationen anwenden, da wir Menschen etwas Fortschrittlicheres wie dieses Objekt hier möglicherweise nicht verstehen können. Das betrifft sowohl deren Technologien, als auch deren Verhalten und Kommunikation.«
– »Jede Kategorie dieser Skala beschreibt demnach eine Zivilisationsstufe, ist das korrekt?«
– »Das ist korrekt. Im Bezug auf den jeweiligen Energiegebrauch.«
– »Welche Zivilisationsstufe hat die Menschheit nach diesem Modell?«
– »Nach allem, was ich darüber weiß, haben wir Menschen noch nicht einmal die erste Stufe erreicht.«
– »Wenn man dieses Modell rein theoretisch auf unsere Situation blaupaust, was würde das grob gesagt bedeuten?«
– »Rein theoretisch würde es bedeuten, dass diese vor uns liegende Typ-II-Zivilisation – sofern es eine ist – nun, diese Zivilisation wäre bezogen auf den Energiegebrauch vergleichbar mit etwa zehn Milliarden Typ-I-Zivilisationen.«
– »Das Ding wäre uns Menschen im Bezug auf Energie also zehn Milliarden Mal überlegen?«
– »Theoretisch. Und sehr vereinfacht ausgedrückt. Sofern wir als Menschen die erste Stufe bereits erreicht hätten, was wir trotz der exponentiell wachsenden Fortschritte in Forschung, Energie und Technologie seit Beginn der Raumfahrt jedoch noch nicht geschafft haben. Zumindest nicht nach diesem Modell.«
– »Was heißt das konkret?«
– »Eine Typ-II-Zivilisation könnte in der Lage sein, die Gesamtleistung ihres Zentralsterns zu nutzen. Wir Menschen beherrschen noch nicht einmal die gesamte, energetische Leistung unseres eigenen Planeten. Wir müssen zunächst mehr wissen, um überhaupt einzugrenzen, wovon wir hier sprechen.«

– »Wie kann man sich die Leistungsnutzung eines Sterns an einem Beispiel vorstellen?«
– »Zum Beispiel die Konstruktion einer Sphäre, die einen Stern entweder vollständig oder durch einen Schwarm aus Einzelobjekten umschließt. Mit dem Zweck dessen Energie zu absorbieren oder abzulenken.«
– »Also wie eine Dyson-Sphäre?«
– »Exakt.«
– »Könnte man eine derartige Sphäre dazu verwenden, intergalaktische Objekte wie dieses Objekt hier zu beschleunigen?«
– »Möglich sind auch Dinge, die wir uns nicht vorstellen können.«
– »Es wäre aber theoretisch denkbar, dass man ein derartig großes Objekt auf Überlichtgeschwindigkeit beschleunigen könnte?«
– »Es wäre denkbar. Zum Beispiel mit einer mehrstufigen Gaußkanone oder einem vergleichbaren, elektromagnetischen Massenbeschleuniger? Wie es allerdings aus einem anderen Sternensystem gezielt hierher gefunden hat, kann ich mir bei bestem Willen nicht erklären. Ich bezweifle, dass das ein Zufall ist.«

Ich hatte mich während der Diskussion unbemerkt erhoben und hörte nun aus einigen Metern Entfernung weiter zu. Ich schloss meine Augen. In weniger als 24 Stunden sollte die Pecker-Sonde den Riss an IGO-1 erreicht haben. So sehr ich mich auch gegen die Spekulationen während der Diskussion aussprach, es war mir kaum möglich, nicht daran zu glauben. Zumindest mit einem wissenschaftlichen Maß an Aufmerksamkeit. Nach Ende der Sitzung beschloss ich trotz geistiger Erschöpfung das UN-Raumfahrt-Archiv aufzusuchen, um Variablen der gesammelten Überlegungen zu spezifizieren.

– »Sie wussten, dass dieser Tag irgendwann kommen musste. Das er nicht unwahrscheinlich war. Wir haben schon immer in die Sterne geblickt und uns Fragen gestellt. Noch bevor die Sovjets den ersten Satelliten Sputnik in den Orbit brachten, haben wir über Außerirdische nachgedacht. Der Schriftsteller Wells hatte bereits Ende des 19. Jahrhunderts – also 60 Jahre vor dem Sputnik – fiktiv über einen Erstkontakt sinniert.«
– »Wie ging seine Geschichte aus?«
– »Nun, ich möchte Ihnen nicht das Ende verraten, aber die Absichten der Marsianer waren in dieser Erzählung nicht unbedingt im Interesse der Menschheit.«
– »Sind Sie sicher, dass es sich bei diesem Objekt um eine zivilisatorische Errungenschaft handelt?«
– »Wir können es nicht noch nicht erklären und daher auch nicht ausschließen. Sehen Sie, unsere Natur und unsere Entwicklung als Mensch hat uns bis hierhin gebracht. Wir sind Teil des Universums. Wir waren nie allein. Und die Menschen haben diesen Gedanken mit dem Fortschritt kultiviert. Warum haben wir nach den Sternen gegriffen?«
– »Weil wir es konnten.«
– »Sicherlich. Aber auch, weil wir es mussten.«
– »Haben Sie keine Angst vor dem, was da vor uns liegt?«
– »Nein.«
– »Warum nicht?«
– »Weil die Gegenwart auch ohne den Blick in die Zukunft exisitiert.«
– »Das tröstet mich nicht.«
– »Das ist auch kein Trost. Es ist, was es ist.«
– »Ich habe nicht das Gefühl, dass ich zur Ruhe finden kann, bevor unsere Sonde die Bruchstelle dieses Objektes erreicht hat.«

– »Lassen Sie mich Ihnen noch eine kleine Anekdote erzählen, während ich Sie zu Ihrem Quartier begleite: Auf dem Weg zum Mittagessen fragte der italienische Kernphysiker Enrico Fermi während einer Diskussion mit Kollegen, warum es so still im Weltraum ist. Wo denn alle seien? Warum konnte man nie Raumschiffe oder Technologien anderer Weltraum-Zivilisationen beobachten? Er sprach mit Kollegen über angebliche Sichtungen von unbekannten Flugobjekten und über einen Alien-Cartoon, der damals im US-Magazin The New Yorker erschienen war. Fermi ging davon aus, dass es technisch hochentwickelte, außerirdische Zivilisationen über Millionen von Jahren geschafft haben müssen, ganze Galaxien zu kolonialisieren. Dass die Menschheit bis heute noch keine Spuren derartiger Zivilisationen gefunden hat, müsse daran liegen, dass ihre Annahmen und Beobachtungen falsch seien, das Fermi-Paradoxon.«
– »Das ist in der Tat paradox.«
– »Als ehemalige Leiterin des SETI-Programms habe ich mich ausschließlich mit der Frage beschäftigen müssen, ob wir alleine sind. Wir alle wissen instinktiv, dass wir es nicht sein können, aber wir haben keinen Beweis dafür. Das ist auch ein philosophisches Problem.«
– »Es klingt aber auch nach einem religiösen.«
– »Bei weitem nicht.«
– »Wieso?«
– »Haben Sie schon einmal etwas von der sogenannten Drake-Gleichung gehört?«
– »Gehört schon, aber ich kenne ihren Inhalt nicht.«
– »Ihr Zweck ist die Abschätzung, wie viele technologisch hoch entwickelte Zivilisationen in unserer eigenen Galaxie existieren könnten. Zumindest Leben, das wie unseres auf Schwefel und Kohlenstoff basiert. Die meisten Faktoren dieser Gleichung sind uns bis heute völlig unbekannt.«
– »Wie viele Zivilisationen dieser Art könnten es denn sein?«
– »Das kommt darauf an, ob man es konservativ oder enthusiastisch sehen möchte. Ein bekannter Exobiologe aus dem 20. Jahrhundert schätzte, dass ungefähr zehn Zivilisationen in der Milchstraße existieren, die technologisch so hoch entwickelt sind, dass sie Signale empfangen und senden können.«
– »Wieso sollte die Frage nach intelligentem Leben außerhalb unseres Sonnensystems dann ein philosophisches Problem sein?«
– »Weil das Wissen über die Existenz anderer Zivilisationen nur das Eine ist. Das Andere ist die daraus folgende Möglichkeit, mit ihnen in Kontakt zu treten. Und zu akzeptieren, dass es nicht nach unseren Vorstellungen sein muss. Wenn eine Vorstellung real geworden ist, dann gibt es neue Möglichkeiten, weiter zu verfahren. Alles spricht dafür, dass eine unserer tiefsten Vorstellungen vom Universum wahr geworden ist. Bevor wir Fragen formulieren, müssen wir mit unseren Mitteln alles tun, um eine Brücke von unserem Wissen zu unseren Vorstellungen zu bauen. Dieser Moment ist nun gekommen.«

Der kosmische Schwarm – Kapitel 2

Science Fiction

»Der kosmische Schwarm« ist eine Science-Fiction-Erzählung über den Erstkontakt der Menschheit mit einer technologisch hochentwickelten, außerirdischen Spezies. Inhaltsangabe und Kapitelübersicht befinden sich hier.

Die erste Maßnahme der Vereinten Nationen war die Zusammenstellung eines Gremiums, das sich gesondert vom Untersuchungsausschuss mit dem Objekt beschäftigen sollte. Man hatte es im Raumfahrtarchiv mittlerweile als IGO-1 (Intergalaktisches Objekt) eingetragen. Der Leiter der UN-Raumfahrtbehörde plädierte für eine breit gefächerte, interdisziplinäre Zusammensetzung des Sondergremiums. Innerhalb weniger Stunden wurde ein Konzept erarbeitet und ratifiziert, das neben den bisherigen Erkenntnissen auch die potentiellen Untersuchungsmissionen für IGO-1 abbildete. Als die einzelnen Arbeitsprofile und Expertisen für das Gremium daraus abgeleitet wurden, standen die potentiellen Kandidaten innerhalb der UN namentlich fest und wurden einzeln konsultiert. Ich sollte die Leitung übernehmen. Nicht einmal 24 Stunden später stellte der Untersuchungsausschuss sein IGO-1-Konzept dem versammelten Sondergremium detailliert vor, um die ersten Diskussionsgrundlagen untereinander zu schaffen, das weitere Vorgehen abzustimmen und sich auf gemeinsame Herangehensweisen zu einigen. Das Sondergremium nahm seine Arbeit auf.

Die Raumfahrtbehörde hatte nach dem stufenweisen Aufbau und Inbetriebnahme der planetaren Raumstationen ihren Fokus auf unbemannte Missionen mit Sonden vertieft, um erreichbare Himmelskörper näher untersuchen zu können. Die einzelnen Raumstationen wurden im Zuge eines breitgefächerten Sondenprogramms mit verschiedenen Arten ausgestattet. Eine davon war die Pecker-Sonde. Sie schien für eine Untersuchung von IGO-1 am besten geeignet, denn sie war umfassend mit den modernsten Messinstrumenten, feinster Sensorik und Kameras ausgestattet und bot in ihrer neusten Generation auch Transportmöglichkeiten für insgesamt drei Androiden oder Menschen. Im Kern war die Pecker die erste Generation Raumschiff, das mit einem eigenen Antriebssystem ausgestattet von den jeweiligen, bemannten Raumstationen aus starten konnte, automatisiert oder manuell.

Die Raumstation im Orbit des Neptuns war mit zwei Pecker-Sonden ausgerüstet worden, die nach bisheriger Planung Bohrungen auf dem Pluto vornehmen sollten. Eine davon sollte nun IGO-1 an dessen Riss direkt ansteuern. IGO-1 klaffte an dieser Stelle in einem spitzen Winkel von 25 Grad auseinander. In dieser gewaltigen Lücke konnte man sich demnach den inneren Aufbau ansehen, wenn man die Sonde direkt hinein manövrierte. Ihre Steuerungsmöglichkeiten und Justierungen der Fluggeschwindigkeit von Maximalgeschwindigkeit bis zum vollständigen Abbremsen waren optimale Voraussetzungen für einen ersten Blick darauf. Das Sondergremium entschied darüber hinaus, die Sonde mit drei Androiden für einen potentiellen Außeneinsatz zu besetzen. Man konnte von einem Lehrplan-Szenario sprechen. Innerhalb eines Tages sollte die Raumstation auf ihrer Umlaufbahn den kürzesten Abstand zur IGO-1 erreichen, um die Sonde starten zu lassen. Unter meiner Aufsicht und der Konstruktionsleitung wurden die vorbereitenden Maßnahmen getroffen und die Androiden auf der Neptun-Raumstation begannen damit, sämtlichen Außeneinsatzprotokolle zu berechnen.

Der erste Sichtkontakt der Pecker mit IGO-1 sorgte für ein mulmiges Gefühl, das sich erhärtete, als die gesammelten Daten genauer analysiert wurden. Es waren Reflexionen der Pecker-Testsignale, mehr noch: ein Echo, das immer wieder zurück geworfen wurde. Die Abstände zwischen den gespiegelten Signalen waren exakt dieselben. Es stand unumstößlich fest, das IGO-1 äußerlich weder aus Gestein, noch aus anderen Mineralgemengen bestehen konnte. Mithilfe der vorderen Sondenkameras erhielt wir die ersten übertragenen Aufnahmen. Das projektilförmige IGO-1 hatte augenscheinlich ein Vorne und ein Hinten. Es war synthetischen Ursprungs. Aus was es tatsächlich bestand, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht verifizierbar, und die Frage, was es war, wurde zunehmend dringender. War es synthetisch, dann war es konstruiert worden.

Wenn es aus dem intergalaktischen Raum stammte, dann konnte es entweder eine Sonde oder eben ein für den intergalaktischen Raumflug konstruiertes Raumschiff exobiologischen Ursprungs gewesen sein. Letzteres war ein seltsamer, unbehaglicher Gedanke. Aber für eine Sonde war dieses Objekt mit seiner Länge einfach zu groß; immerhin fast die Hälfte des Pluto-Durchmessers. Die Form von IGO-1 erinnerte stark an die ersten hypothetischen Ansätze der menschlichen Weltraumkolonien, vergleichbar mit dem sogenannten O’Neill-Zylinder. Dieser wäre theoretisch so konstruiert worden, dass er einen dauerhaften Lebensraum für Menschen geboten hätte, inklusive einem eigenen Ökosystem im Inneren und einer künstlich erzeugten Gravitation, erzeugt durch Zentrifugalkräfte. In dieser Konzeptskizze wäre zwischen dem Lebenshabitat und der O’Neill-Außenhülle ein dicker Schutzmantel aus Mondgestein gewesen, um Schutz vor der Außenstrahlung zu ermöglichen. Aber die Vorstellungen gingen nie über eine Gesamtlänge von 30 Kilometern hinaus. Millionen von Menschen hätten dort – zumindest auf dem Papier – Platz gefunden. Und der O’Neill-Zylinder war in der Vorstellung ein Werkzeug zur Erschließung des Sonnensystems, ein interplanetares Raumschiff, kein interstellares und schon gar kein intergalaktisches wie es IGO-1 möglicherweise war.

Und derartig Großes hätte man weder von einer Basis im Weltraum aus konstruieren können, noch im Orbit eines Mondes oder eines Planeten. Mit seiner scheinbaren Masse müsste die Konstruktion von IGO-1 auf den Lagrange-Punkten eines Sterns und eines Planeten stattgefunden haben, um antriebslos dessen Gleichgewicht halten zu können und nicht zu kollidieren oder wegzutreiben. Das lag jenseits unserer Konstruktionsfähigkeiten. Die UN-Raumfahrt führte in den vergangenen zwanzig Jahren mehrere Untersuchungen und Experimente durch, wie man ein interstellares Generationsraumschiff für menschliche Kolonien hätte konstruieren können. Der O’Neill-Zylinder spielte dabei aber keine Rolle mehr. Vielmehr wurde eine alte Idee der ehemaligen NASA und SpaceX aufgegriffen: eine sich drehende, ringförmige Raumstation, die auf einer Seite mehrere Antriebsquellen besaß. Aufgrund des hohen Ressourcenbedarfs und der feststeckenden Forschung zu Antriebsformen, die interstellares Reisen überhaupt erst möglich gemacht hätten, blieben die Untersuchungsergebnisse und Experimente jedoch weiterhin das, was auch der O’Neill-Zylinder war: potentielle Zukunftsvisionen. Die Erschließung des Sonnensystems konnte wesentlich schneller und ressourcenschonender über den schrittweisen Aufbau der heutigen Raumstationen bis hin zum Neptun erfolgen. Der nächste und vorerst letzte Schritt wäre der Kuipergürtel gewesen, um einen breitgestreuten Ressourcenabbau zu ermöglichen und um neue Technologien – unter anderem auch neue Antriebsformen – außerhalb der Erde gezielt zu entwickeln und prototypisch einzusetzen. Aber das steckte bis zu diesem Zeitpunkt noch in seinen Kinderschuhen.

Wie kam IGO-1 also in unsere Galaxie und in das Sonnensystem? Nichts ließ auf einen messbaren Energieschild, eine Antriebsquelle schließen, kein Plasma und auch keine Magnetfelder. Die Menschen waren sprachlos, die Vereinten Nationen, das Sondergremium, alle waren schlichtweg sprachlos. Und ich sollte das Sprachrohr dieser Sprachlosigkeit sein.

Der kosmische Schwarm – Kapitel 1

Science Fiction

»Der kosmische Schwarm« ist eine Science-Fiction-Erzählung über den Erstkontakt der Menschheit mit einer technologisch hochentwickelten, außerirdischen Spezies. Inhaltsangabe und Kapitelübersicht befinden sich hier.

Es sah wie ein Flugkörper gigantischen Ausmaßes aus. Die Messdaten zeigten eine Länge von 1.100 und einen mittleren Umfang von 500 Kilometern. Man konnte die Gesamtoberfläche mit der Größe Spaniens vergleichen. Dieses Objekt trieb vom Kuipergürtel am Rande unseres Sonnensystems an der Neptunbahn vorbei. Innerhalb dieser Zone hatten wir alle Objekte mit einem Durchmesser von über 100 Kilometern registriert, klassifiziert und im digitalen Raumfahrtarchiv der Vereinten Nationen gelistet. Die meisten dieser Objekte waren Forschungsgegenstände gewesen und standen unter dauerhafter Beobachtung, ganz besonders Objekte, die größer als 1.000 Kilometer waren. Aber dieses Objekt war nie zuvor beobachtet worden. 

Die Weltraumteleskope und -observatorien hatten nach der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts große technologische Sprünge gemacht. Nichts blieb ihnen verborgen. Man konnte also fast meinen, dass dieses riesige Objekt einfach aus dem Nichts kam. Die weitmöglichste Rückberechnung der Flugbahn ergab eine Herkunftsrichtung aus dem Sternenbild Andromeda, mindestens 1.500 Lichtjahre von der Erde entfernt. Ein gravitativer Einfluss auf das Objekt konnte nicht ermittelt werden, ebenso wenig wie die exakte Herkunft. Es konnte nicht ausgeschlossen werden, dass es das erste entdeckte Objekt intergalaktischen Ursprungs war, das einen Berührungspunkt mit unserem Sonnensystem hatte. Was es aber genau war, blieb zunächst rätselhaft. Man konnte es keiner der astronomischen Kleinkörper-Arten (Komet, Meteorit und Asteroid) zuordnen. Die Form und Größe waren zwar bestimmbar, nicht aber die Zusammensetzung. Rotationslos trieb es längst ausgerichtet auf seiner Flugbahn. Der Fokus lag also auf dem, was die Messdaten hergaben. Und das war im höchsten Maße sonderbar.

Die gesamte Objektoberfläche war schwarz und spiegelglatt. Ursprünglich musste es die Form eines Projektils gehabt haben. Ursprünglich, weil es im hinteren Viertel auseinander klaffte und auch die Innenseiten dieser scheinbaren Bruchstelle waren beschaffen wie die Oberfläche. Die innere Zusammensetzung und der Aufbau waren demnach ebenfalls nicht spezifizierbar. Keins der eingesetzten Messinstrumente konnte etwas Brauchbares liefern. Dieser fremde Himmelskörper erhielt in kürzester Zeit zunächst große Aufmerksamkeit seitens der UN-Raumfahrtbehörde, wenig später auch seitens der Öffentlichkeit. Die Fluggeschwindigkeit war derartig gering, dass man sich das Ganze aus der Nähe ansehen wollte. Interstellare Himmelskörper waren in der Vergangenheit vergleichsweise schnell durch unser Sonnensystem geflogen, sodass man nur Zeit für einen kurzen Blick gehabt hatte. Wirklich bahnbrechende Erkenntnisse waren auf diesem Wege kaum gewinnbar gewesen. Aber zumindest konnte man deren Zusammensetzungen bestimmen und sie einer Klassifizierung zuordnen. Dieses Objekt hingegen war ein gewaltiges Fragezeichen, das sich einer tiefergehenden Analyse entzog.

Die anfänglich euphorischen Töne während einer Dringlichkeitssitzung im Untersuchungsausschuss der UN-Raumfahrtbehörde erhielten jedoch schon bald einen ernüchternden Dämpfer. Das Objekt zeigte wahrhaftig keinen gravitativen Einfluss. Das galt seltsamer Weise auch für den unserer Sonne. Dessen Geschwindigkeit erhöhte sich nicht und blieb gleich. Die Flugbahn war mit einem Lineal gezogen und die neusten Berechnungen ergaben, dass es sich nicht auf Kollisionskurs befand. Es war im Großen und Ganzen also nichts, worüber man sich Sorgen machen musste. Was jedoch für Unbehaglichkeit sorgte, waren die äußerliche Beschaffenheit und der saubere Bruch. Und die Tatsache, dass alle einsetzbaren Messinstrumente nach wie vor keine Zusammensetzung geologischen Ursprungs erkannten. Die verstrichene Zeit hatte nichts Neues hervor gebracht. Als dann eine Untersuchung ergab, dass nichts aus dem Objekt herausgebrochen war, sondern dass es sich um einen starken Riss handelte, war die Verblüffung groß.