Portrait Of A Call Girl

Mond

Manche Dinge lasse ich unerledigt zurück. / Weil ich nicht weiß, was das soll. / Kater von den vielen Erinnerungen. / Mit einem Schweigen lächle ich tief in mich hinein. / Wir werden in Bewegung sein. / Alles wird sich drehen. / Orientierung am Mond. / Taschenwarm. / Und unerledigt.

Noisy Silence

Ich sitze in zigarrenbraunen Ledersesseln, auf klapprigen Barhockern, zwischen ausrangierten Flugzeugsitzen, in denen tausende Zigaretten und ebenso viele Gespräche begonnen und beendet wurden. Ich weiß nicht viel, kann auch nicht viel sagen, das einzige, das ich zwischen den Rauchschwaden spüre, ist meine kalte Hand, in denen die eisgekühlten Drinks mit einer sonderbaren Eigendynamik rotieren.

Die letzten Tage ist alles wie durch ein Kaleidoskop betrachtet. Ich werde erschüttert und die Formen ändern sich kurz und alles was ich tue, ist dem wartend zuzuschauen. In den kurzen Nächten sehe ich mich Geld abheben – kurze und konsequente 50-Euro-Gesten, mit denen ich meine Wahrnehmung in Raten frei kaufe. Lösegeld auf Ratenzahlung. Ich betrachte mich im schwangeren Licht der Berliner S-Bahn-Fensterscheiben. Ich betrete diese Orte und sehe, wie sich dieser Typ – Marco ist sein Name – Battles mit schwierigen Menschen zur elektro-konservierten Hip-Hop-Oldschool liefert. Immer wieder berühren sich unsere Gläser. Er spendiert mir Zigaretten und fuchtelt mit den Armen. Ich sage ihm, dass das ziemlich wild ist und er lächelt mich aus kleinen Augenschlitzen verstanden an. Im Prince Charles am Moritzplatz. An der Bar bestelle ich einen weiteren Drink, in mir tobt so eine angenehme, leise Stille. Ich setze in diesen Tagen aus Weirdness und Beobachtung auf den passiven Stil. Immer mit dem Wunsch, Dinge unerledigt hinter mir zu lassen, mit dem Gefühl in einer synthetischen Spiralblase Loop für Loop dahin zu treiben.

Ich gehe hin und her und mich finden die Dinge, die mich kurz überwältigen. In der Geronimo-Bar sehe ich mich über Kroatien und Bosnien reden und sauge die Gesprächsfetzen meines Gegenüber auf wie ein viel zu trockener Schwamm. Es wird über Etgar Keret philosophiert, dann wird die Nacht noch ein bisschen dunkler. Hinter Vorhängen leuchten Laternen orange auf die Straßen. Die U1 schiebt sich leuchtend durch die Stadt.

Ich schwebe einmal Tageslicht später in die Zebrano-Bar, höre gemeinsamen Erinnerungen zu, sehe alles ganz klar vor mir, das Damals – nur eine kleine Ecke weiter. Da ist Glück in mir. Ich halte es fest. Neben uns fummelt ein Paar ziemlich heftig. Er trägt polierte Berluti-Schuhe und glaubt, ich könne nicht sehen, wie er dem Mädchen seine Hand unter der Lederjacke zwischen die Beine schiebt. Es läuft Time Capsule von Air und ich sage meinen Freunden, dass alles gut ist und das sehen sie auch so und dann verschwinden wir in schwarzen Straßen am Ostkreuz.

In der S7 schlafe ich ein und wache viel zu weit in Marzahn auf. Das Kaleidoskop, es rotiert ohne Unterlass. Ich fahre zurück und schlafe wieder ein. Wache Westkreuz auf, ohne Geldbörse, träume von Family Guy, den vergangenen Wochen, in denen mich meine beobachtende Passivität an die Weggabelungen der Verwirrung brachten, schmerzhafte, aber so gute und großartige Verwirrungen, die ich am liebsten für einen Moment länger festhalten will. Weil ich mich verknallen will und ja sonst nicht die Zeit dafür habe. Und das ehrlich gesagt auch mal wieder brauche. Ich träume von einem Ort, an dem ich noch nie war – Montenegro – und beschließe noch im Traum, dahin zu reisen, und kurz bevor ich aufwache, steht das Kaleidoskop still mit seinem metallischen Geruch und erinnert mich an das Schreiben:

Dieser Drang, zufällig auf Unbekanntes zu stoßen und darin einzutauchen, zu sehen, was es mir geben kann und was ich geben kann, das ist das einzige, das ich nicht wirklich in Worte fassen kann. Ich kann es nicht erklären, weil ich es selber bis heute nicht verstanden habe, obwohl es so essentiell und wichtig für mich geworden ist. Obwohl mir bewusst ist, dass es andere Dinge gibt, in denen ich besser bin als im Schreiben, folge ich diesem Gefühl weiter bis in die Unendlichkeit.

Es ist so weird. Als hätte ich irgendwann einen Bumerang geworfen, ohne zu wissen, das es ein Bumerang ist. Und jedes Mal, wenn das Ding zurückgeflogen kommt, bin ich völlig überwältigt. Ich werfe erneut, immer in der stillen Hoffnung, dass das Ding noch mal zurückkommt. Ich wurde mein Leben und mein Leben wurde ich. Trotz der vielen Zweifel und der Zerrissenheit. Ich hatte meine Wahrheiten, meine ganz eigenen, endlich gefunden und begann zu experimentieren. Mit mir. All das, was ich heute zu Papier bringe, offline wie online, ist eine ganz andere Wirklichkeit, in der sich Fehler, zirkuläre Dramaturgien, Wahrheiten, Lügen und Fiktion vereinen und für etwas stehen, das ich bin. Ich habe mich mit diesen Experimenten weiterentwickelt, allesamt Resultate meiner Konstruktion von Gedanken und Eindrücken, Erlebtem und Sehnsüchten. Manchmal weiß ich nicht, was ich sagen will und so empfinde ich auch meine Schreiberei. Alles was ich schreibe, ist cum grano salis. Mit diesem Drang, noch ein Stück weiter zu gehen. In der Realität und in meiner ganz eigenen Vorstellung davon. Manchmal sind es ganz profane Dinge, manchmal auch Extreme. Lange Intros, die mit dem Beginn der eigentlichen Handlung abrupt enden. Wie ein Ausschnitt, wie ein Frame. Und einem Gefühl der absoluten, stillen Hingabe.

Ich will nach Montenegro, Mann.

Die Albtraum-Akte

Als ich mich aus dem Kofferraum befreit hatte, wurde mir klar, dass mein Leben irgendwie aus den Fugen geraten war“, sagte er. Wir fuhren in seinem weißen 1966er Fiat 124, den er sich vor ein paar Jahren für too much money – wie er sagte – aufmöbeln ließ. Er grinste mich von der Seite an. Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos beleuchteten uns. Seine Augen: weiße Glaskörper mit großen schwarzen Flecken. „Das ist die Neue Sachlichkeit, Mann.“ Er musste das Gespräch innerlich weiter gesponnen haben, sodass ich nicht wusste, was zwischen dieser und seiner vorigen Aussage lag und was er konkret meinte, aber das mit der Neuen Sachlichkeit, das ging schon in Ordnung. Pierre dachte, es sei eine gute Idee, das Gaspedal bis zum Anschlag durchzutreten und so schossen wir durch die Nacht. Denn nachdem wir auf dem Festland angelegt hatten und in seinen Wagen eingestiegen waren, bereitete Pierre mit ausgestreckten Armen seinen Sturz ins Ketamin-Loch vor. Ich fand das sehr zielorientiert. Überhaupt stellte sich während der Fahrt heraus, dass Pierre per se ein zielorientierter Mensch war, dessen Wirklichkeit irgendwann zu Bruch gegangen sein musste.

Alles, was ich weiß, ist, dass ich mein Leben lang nur ein Theoretiker war“, sagte er verkündend und drehte die Musik ein bisschen lauter. In diesem Augenblick kam mir die Zeit der Vergangenheit ein bisschen größer vor. Ein tiefer, inniger Wunsch die Realität zu destabilisieren, schwebte als unausgesprochener Kompromiss zwischen uns umher. Etwas, das nicht möglich war. „Irgendwann begriff ich, dass es so etwas wie eine theoretische Geste nicht gibt“, sprach Pierre durch die Frontscheibe, seine geweiteten Pupillen tasteten gierig die Straße ab, die sich Meter um Meter vor unseren Scheinwerfern nackt machte, „und ich begriff, dass meine Praxis das Destruktive war. Und nun bin ich hier, neu, als ich selbst.“ Hätte er es gekonnt, er wäre rückwärts gelaufen, um die Dinge umzukehren. „Ich habe einfach alles, Mann. Ich könnte alles haben, was ich will. Kannst du dir überhaupt vorstellen, was für verdammte Qual das ist.“ Ich schwieg.

Pierre erzählte mir davon, wie sein Leben danach verlief, wie er genau das Gegenteil zu tun versuchte, um irgendwas zu spüren, das sich nach echter Konsequenz anfühlte. Durch eine echte Laune des Schicksals, gab es nichts, das er verlieren konnte. Grauenhafte Nemesis. Das Glück klebte wie Pech an Pierre. Das Leben, eine endlos lange Zufahrt zum Nirgendwo, mit anderen Regeln, mit anderen Werten, anderen Augenblicken und Roulette nach Plan. „Die Neue Sachlichkeit, Mann“, wiederholte er sich. In der Platte musste irgendwo ein Sprung sein.

Mit einem Ruck zog es mich nach vorne. Pierre hatte vor einem Landhaus voll auf die Bremse getreten und so schlidderten wir über Kies und kamen vor einem Baum zum stehen. „Scheiße, Mann“, entfuhr es mir. „Ich weiß“, zwinkerte er mir verstohlen zu und öffnete die Fahrertür, „alles ist immer so kurz davor, oder?“ Ja, es ist immer alles kurz davor.

Aus dem Landhaus dröhnte laut UNKLE und auf der Terrasse davor standen unzählbar viele Menschen, in einem Meer aus Lachen, Vergnügen und Woanders-Sein. Pierre brüllte „Cheries“ und es dauerte nicht lange und ich hielt den nächsten Drink in meiner Hand. Auf einer Hollywood-Schaukel saß ein Junge, der mit sich selbst Stein-Schere-Papier spielte. Ich beobachtete ihn eine ganze Weile, bis mein Blick unbemerkt im Nichts verschwand. In einem Gespräch, das ich nicht verfolgte, sagte ich, dass es sowas wie eine theoretische Geste nicht gibt. Man stimmte mir verständnisvoll zu. Zeit glitt durch unsere Hände, schnell, drohend und unbegreiflich.

Mein Handy musste fast eine Minute geklingelt haben, bis ich abnahm. Nicolai rief an. „Alter, die Sterne! Hast du dir die Sterne angesehen.“ Ich blickte nach oben und auf einmal traf es mich bis ins Mark: „Ja, Mann. Ich sehe sie.“ Aus irgendeinem Grund schossen mir Tränen in die Augen. Ich schwieg. Ein langes Schweigen, das sich wie eine schützende Glaskuppel über mich stülpte. „Die Sterne lauter Noten. Der Himmel die Partitur. Der Mensch das Instrument.“ Irgendwas in meinem Kopf überlegte flüchtig, rotierte in einer Dauerschleife, wie ein Sprung auf einer Schallplatte. Redundant, verzerrt und unheimlich laut. „Du zitierst Christian Morgenstern?“, fragte ich Nico. „Wo bist du, Mann?“, fragte er mich lachend.

Ich wusste es nicht. Ich hatte überhaupt keine Antworten mehr in mir.

Das Richtig-Projekt

Der Swag ist weg. Meine Schläfe drückt sich an kaltes Glas, Landschaft zieht an meinem Gesicht vorbei, der Fahrkartenkontrolleur kontrolliert Fahrkarten und mir ist klar, dass ich etwas Destruktives tun muss. Irgendetwas, das nicht richtig ist. Nicht für mich, nicht für andere. Da, in meinem Richtig-Projekt, wo alles wieder an seinem Platz steht, Ruhe herrscht und ich mich begradigt habe. Dass zu verstehen, bedeutet, destruktiv zu sein. Denn ohne Destruktivität gibt es Regeln, Reparatur, Intervention. Es gibt vielleicht Voraussetzungen, Erklär- und/oder Verstehbares und es gibt Worte dafür. Etwas, das einen Rahmen hat, ein Muster, und berechenbar ist. Ich sage: Oh. Und ich habe es seufzend gemeint.

Ich muss diese Situation in mir irgendwo hinschaffen, wo man mich nach nichts fragt; wo mein Handeln im Verborgenen bleibt. Denn mir ist es unangenehm, dass da gerade eine Phase in mir ausbricht, in der meine Gefühle mich kalt lassen. Ich simuliere mich in einem Versteck, deswegen reiße ich aus und widme diese zarte, fragile Zeitspanne etwas Destruktivem. Vielleicht finde ich etwas Spürbares, das in meiner fehlerlosen Gegenwart ungreifbar geworden ist. Denn: Alles geschieht vor sich hin und mir fällt wieder ein, dass Skepsis angebracht ist.

Diese ständige Suche nach Extremen. Sie wirkt ziellos, egoistisch, unberechenbar und flüchtig. Ich weiß nicht so recht, was man mir vorwerfen kann. Von außen vermutlich eine ganze Menge. Innen ist da nicht viel: Kollidierte Panik davor, dass mich so wenig Dinge finden, die mir intensiv genug sind, um stehen zu bleiben. Stehen zu bleiben und dabei nicht zu warten.

Und so lasse ich mich ficken, mich zerkratzen, mich schlagen, grün und blau beißen und mir die Luft abschnüren. Ein kurzes Uns. Am Maximalpunkt lässt man mich dann los, gerade so bekomme ich noch Luft, sauge gierig alles in mich ein und lasse gleichzeitig alles raus.

Danach ist da etwas Friedliches. Obwohl ich Fehler mache, wird mir genau an diesem kurzen Punkt klar, was mir manchmal so sehr fehlt. Und wenn sich mein Atem langsam wieder beruhigt, verlangsamt sich auch mein Herzschlag.

Es ist so merkwürdig. Vieles ist leerer geworden. Als hätte mich etwas gerammt oder auf mein Gravitationsfeld eingewirkt. Irgendwas, das den Takt, den Rhythmus um eine Frequenz nach links verschoben hat. Für diesen kurzen Augenblick hat es mich voll umgehauen. Davon zehre ich. Ich habe alles versteckt.

Abends sind da wieder Gefühle. Gute Gefühle. Und ich denke nicht mehr so oft an die Momente, in denen mir die Luft abgeschnürt werden muss, damit ich atmen kann. Dann wenn ich nicht zerrissen bin. Und verschwunden.

Hundreds

Hundreds sind mit das beste, was mir musikalisch 2010/2011 in die Hände gefallen ist. Das Neujahrskonzert in Berlin hat mich dann noch mal völlig weggeblasen, nachdem ich schon Monate davor unter Kopfhörern vor meinem Schallplattenspieler fast glücklich verhungert bin.

Mit ihrem gleichnamigen Erstlingswerk Hundreds hat die Hamburger Band wie Balsam einen musikalischen Nerv getroffen, der so lange Zeit weh getan, aber als vermisst gegolten hat. Ein phantomanes Gefühl, in etwa wie der innige Wunsch an einem Ja-Ort ganz knapp unter der Wasseroberfläche zu tauchen und sich trotzdem von der Sonne wärmen zu lassen. Anfang Dezember veröffentlichen Hundreds unter dem Dach des Berliner Musik-Labels Sinnbus eine Adaption ihres Debüt-Albums mit dem Titel Variations.

Ende Oktober erschien bereits das neue Video zu Wait For My Raccoon:

Und weil es immer noch so unglaublich schön ist, das erste Video zu Solace:

Die Musik von Hundreds ist einfach so nah, dass man sich wünscht, auf ewig in dieser Soundkulisse gefangen zu bleiben. Wer das live mal auf sich wirken lassen will, der darf unter so viel Awesomeness nicht den Blick der aktuellen Wintertour verpassen:

Hundreds. Jeder einzelne Buchstabe ist eine Wirklichkeit.

Festerhalten

Uns sind die Maßnahmen ausgegangen. / Weil es in der Zeit nur Wege nach vorne gibt, wird Gestern schwierig. Wir tricksen auf Zehenspitzen im Schleichgang. Irgendwer wird schon die Richtung vergessen. / Weil wir es nicht glauben können, streiten wir es ab. / Es hat nicht so geklungen als wäre etwas zu Bruch gegangen. Vielleicht haben wir nur einen Wackelkontakt. Können nicht mehr instabil sein. Wollen uns in eine Sprache übersetzen, die wir nicht verstehen. Eine Sprache, in der wir unverständlich bleiben. Wollen es in Sicherheit bringen. / Üben das Festerhalten wortlos. Damit es nicht abhandenkommt. / Wenn das schief geht, dann küssen wir uns noch einmal. Denn der Kontakt kann nicht lügen. / Vor den Wahrheiten verstecken wir uns dort drüben. Sie sind farbenblind. / Wir packen unsere Gründe in Fehlern aus Papier ein und verbieten unseren Worten den Mund. / Müdigkeit hält uns wach und wir sagen uns, dass wir etwas in Erinnerung behalten, an das wir geglaubt haben. / Wir lächeln. Zwischen unseren Fingerspitzen ist verwilderter Kreislauf. / Wir haben Mühe, uns nicht zu berühren. / Beruhigung strandet an unseren Füßen. / Herzschlag ist relativ. / Wir sind wunderschön. / Ich lasse das nicht vergehen. Nicht gestern. Nur weil es schwierig war. Nur weil der Takt schnell ist. Nur weil rückwärts nicht möglich ist. / Die Zeit ist chancenlos gegen unseren empörten Willen. / Revolte auf drei. / Und immer die Augen geschlossen halten. / Und die anderen sagen leise: Liebe.

Kosmokoital

Hast du es denn nicht satt, dass ich dich für deine unbekümmerte Leichtigkeit verachte und begehre und in jedem Wort deiner aufgesetzten Naivität, die Gründe deiner Traurigkeit erahne, aber nie zu greifen bekomme? Bist du es leid, dass ich mit Wut zu dir spreche, deinen Orbit mit meinen Satelliten beschieße und hoffnungslos auf Rücksignale in meiner Welt warte? Macht es dir Bauchkribbeln, mich in dem Glauben zu lassen ich sei der reifere Mensch von uns beiden, obwohl ich Statist in deiner Welt bin und nicht umgekehrt? Stimmst du mir zu, wenn ich still an deinem Rücken liege und in trauriger, klebriger Scheiße versinke während ich mich frage, ob das, was ich dir zu geben versuche, überhaupt einen lebenden Adressaten in dir findet? Schweigst du, weil du weißt, dass unsere Berührungen lauter sind als all die Schreie, die in mir schlummern und nur mit brachialer Gewalt vor dem Halt machen, das sie zerstören wollen? Um es danach an sich zu nehmen. Und um dir zu zeigen, dass dahinter der Wille des Liebens auf seinen großen Auftritt wartet. Um dir Glück zu bescheren. Und all das, das du vor lauter Ignorieren nie erlernt hast. Mich zum Beispiel. Derjenige, der dich über das Wort seiner Gedanken stellt. Während er still an deinem Rücken liegt und nichts versteht. Und sich fragt, woher diese lodernde Wärme kommt. Und warum er dieser hoffnungslos verfallen ist. Ohne den Hoffnungsschimmer am Horizont zu sehen. Oder ein Signal aus deinem Orbit zu bekommen, egal wie sehr er sich beim Lauschen bemüht. Egal wie leise es sein mag. Oder wie kurz.

Filterlos

Ich bin der Zwischenraum zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich nicht bin, zwischen dem, was ich träume, und dem, was das Leben aus mir gemacht hat […].“ – Fernando Pessoa

Ich habe alles versucht.

Das größte Problem war wohl immer, dass ich ein Kleinkind geblieben bin und dabei so getan habe, dass ich weiter wäre als jeder, der sich auf mich eingelassen hat. Ich habe mir nie große Mühe gegeben, das irgendwie zu verstehen, denn ich verstand das als einen Charakterzug, der zwar schwierig, aber auch faszinierend und infizierend war. Irgendwo auf der Oberfläche, die sich im Raum der Gegenwart gekrümmt hat. Wie ein Virus. Ich war der Wirt. Das war ein Geheimnis, das ich mit niemand teilen wollte.

Irgendwann wird das aber schwierig und kompliziert, wenn man in einer Lebensphase steckt, in der man sich selbst aufräumen, ordnen muss, damit nicht alles, was man sich erträumt, sinnlos und verschwendet ist. Und Dinge, in die man emotional investieren will und muss, immer mehr nach Präsenz und Platz suchen. Dieser Moment, wenn man realisiert, dass in einem kein Platz ist, tut irgendwie ein bisschen weh.

Ich mochte die Zeiträume des Anfangs. Lange bevor sie gegangen sind oder ich geflüchtet bin. Bevor wir aufgehört haben, wir zu sein. Da, wo ich angefangen habe, mich gegen Liebe zu wehren. Da, wo mein emotionales Immunsystem mich als Fremdkörper akzeptiert hat und mich handeln ließ.

Ich bin führungslos, deswegen waren es immer die Konsequenzen, die mir gezeigt haben, wie sich eine Richtung anfühlen kann. Es war das Intensive, das in mir Gefühle gemacht hat, die authentischer waren als mein Verständnis von Realität. Oder wie ich lebe, handle, spreche, weine, ficke und schweige. Dinge, die ich getan, aber nicht gedacht habe. Ein roter Faden auf meinem Weg, bei dem ich nicht sicher war, ob ich ihm folgte oder es nur mochte, an seine Wahrheiten zu glauben.

Die Wahrheit ist:

Ich mochte die Anfänge in den uns‘ weil es immer wieder Wiedergeburten waren, in denen die Karten neu gemischt wurden, man neu anfangen konnte. Mit sich selbst, mit dem, was man sein will und dem, was man in Wirklichkeit ist. Es hatte immer etwas sehr Einsames, das man geteilt hat. Es war wunderschön, warm und real.

Es war etwas, das friedlich zwischen den zwei Seiten existiert hat, eine Pufferzone zwischen den Konflikten, die man ansonsten mit sich geführt hat. Es war das Fühlen ohne Filter. So schön und vollkommen, das ich es irgendwann aufgeben musste, weil ich so viel Hässlichkeit in mir verborgen hielt und ich nie das Reziproke sein wollte, das man hätte erwischen können.

Ich kann nicht erklären, was in mir vorgegangen ist, als ich uns nicht mehr wollte. Ich dachte immer, vielleicht sind das die Augenblicke, wo ich etwas für mich richtig machen kann. Als ich verstand, dass nicht ich jemanden an der Hand hielt, sondern dass man mich an der Hand hielt.

Fühlen ohne Filter. Vielleicht ist das eine Bastion, die ich nie eingenommen habe, weil ich mich immer so authentisch gefühlt habe, wenn ich mich ins Chaos stürzte und uns aufgab. Das waren meine Chancen. Und ich habe nie zurückgeblickt, weil es so laut in mir geblieben ist.

Ich habe wirklich alles versucht. Aber.

Pierre & Ø

Pierre war das Kaliber Typ, das den eigenen Standpunkt mit freundschaftlichen, jovialen Ohrfeigen unterstreichen musste. Das war hart, denn jedes Mal wenn er seiner Ansicht nach den Nagel auf den Kopf traf, hatte man seine verschwitzten Griffel im Gesicht. Eine ziemlich merkwürdige und homoerotische Geste.

Pierre schüttete mir auf dem Ø festival seinen Drink in den Schritt. Es gibt sie ja, diese Menschen, die seltsame Dinge machen um in den Erinnerungen anderer einen Platz zu finden, um nicht vergessen zu werden: Im Prinzip der Gestus, wenn nach der Grenzüberschreitung nichts mehr da ist, was man erklären kann oder möchte.

Pierre nötigte mich zu einem Gespräch und erzählte mir, dass er bis heute nicht wisse, wem er aufs Maul hauen sollte. Es war nur klar, dass es passieren müsste und ich sagte „Okay“. Mich wundert in diesen Tagen ehrlich gesagt nichts mehr. Die Welt hat die verrücktesten Gestalten hervor gebracht. So schleicht die Apokalypse langsam in den Hinterhof. Eine ganz stille Invasion, awkward, aber nicht sonderlich schockierend. Vielleicht bin ich mit meiner Normalität, mit meinem Sinn für das Gewöhnliche einfach nur eine weitere Facette in der entkernten Welt der Creeps.

Seine französische Urgroßmutter hatte sich Mitte 1940 mit einem einfachen Soldaten der Wehrmacht eingelassen, fuhr Pierre fort, kniete sich vor mich, zog ein sorgfältig gefaltetes Stofftaschentuch aus seiner Tasche und rieb damit in meinem Schritt. Seine Urgroßmutter wurde schwanger. Es waren seine weichen Hände, die sie schwach machten. Ein junger Soldat mit weichen, sauberen Händen: Sie mochte dieses kleine Detail, denn es machte keinen Sinn in dieser schrecklichen Zeit. Sie verliebte sich in eine Fata Morgana, und so schwer es mir auch fiel ihm angesichts der Reiberei mit der notwendigen Aufmerksamkeit zuzuhören: Das machte Sinn.

Nach dem Krieg wurden die Dinge viel komplizierter und all die Ablehnung wurde von Generation zu Generation weiter vererbt. Pierre, der nach der Migration seiner Eltern in Mannheim geboren wurde und aufwuchs, begriff nach eigenen Aussagen nie, was er war: Deutscher oder Franzose, Geist oder Lebender, Mensch oder Monster. „Kosmopolit“, sagte er mit einem traurigen Augenzwinkern. Er zeigte auf sein Herz und gab mir die berüchtigte joviale Ohrfeige. Ich war hier, um zu tanzen. Schrecklich, wie schnell sich Augenblicke ins Reziproke stellen lassen.

Und so trifft sich die Welt auf den Ochseninseln“, sprach er verkündend und zerrte mich vom tanzenden Pulk weg. „Komm mit, ich zeig dir was“, fuhr er fort und zeigte mit seinem Arm ausbreitend in die Nacht. Ich dachte: Wenn du bis hier gegangen bist, dann gehe noch einen Schritt weiter. Nur einen einzigen. Weiter wärst du alleine nie gegangen.

Mir wurde flau.

Wir kamen zum Wasser, etwas abgelegen und ich sah ein Boot mit zwei Paddeln. Warum auch immer, aber ich war unfähig, ihm zu sagen, dass ich ihn für einen abgedrehten Spinner hielt, der sein Christian-Kracht-Faserland-Ende mal schön alleine durchziehen sollte. Aber es war unangebracht. Die Insel war zu klein für Heldenmut, die Musik zu gut, die Drinks zu flüssig und die Einsamkeit zu zweit.

Der Alkohol wirkte, Pierre ruderte ziemlich geschmeidig und wortlos zum dänischen Festland. Lille Okseø – Sønderhav: Flüssiger Traum in der Flensburger Förde unter sternenklarem Himmel, hinter uns die Soundkulisse des Ø. Ich rauchte eine Zigarette und starrte in die dunkle Kuppel, die uns umgab wie ein viel zu großes Kostüm. Pierre telefonierte auf Französisch. Jedes Wort versank unverstanden in meinen Ohren. In diesem Bild war irgendetwas verkehrt angeordnet. Und je länger man hinsah, desto weniger dachte man an den Fehler. Es war als hätte die Form den Inhalt besiegt.

Minus -