Animal

»Weißt du, das Schlimmste an der ganzen Nummer ist ja, dass ich jetzt immer mit dem bizarrsten Scheiß rechnen muss«, sage ich und wische mir den Schweiß von der Stirn. »Ich mein, da geht man ahnungslos, an nichts denkend durch die Straßen und plötzlich fällt eine Komposttonne um und eine höchst merkwürdige Gestalt springt dahinter hervor«, fahre ich fort. »Was zum…?«, sagst du entgeistert und bläst den letzten Zug deiner Zigarette zur Seite. »Ja, Mann, und dann reicht er mir seine Hand und schüttelt meine als gäbe es keinen Morgen mehr. Ich sagte: Alter, was machst du da? Wer bist du? Und er zieht sein komisches, sonnengegerbtes Gesicht zusammen, zeigt mir seine Zahnlücke und haut einen total lauten Pfeiflaut raus«, sage ich und beginne mir meine geschüttelte Hand zu waschen. »Was zum…?«, sagst du. »Und dann lacht das dreckige Männlein, springt ins Gebüsch und bleibt so liegen, dass man seine Füße sehen kann und kichert.« Du verschränkst deine Hände hinter deinem Kopf und sagst: »Bizarr.« Und ich drehe mich zum Fenster, rieche misstrauisch an meiner gewaschenen Hand, blicke in den ersten warmen Frühlingstag durch das Fenster und führe eine Tasse heißen Kaffee an meinen Mund. »Ja«, sage ich, »bizarr und irgendwie auch tragisch.«

Meistens

»Nun streng dich mal ein bisschen an«, befiehlst du mir. Ich starre ein bisschen dümmlich ins Leere und strenge mich an, da knallst du mir eine an den Hinterkopf. Ich rechne nicht damit und sage daher: »Amknpf«.

Sehr oft sind es zwei Seiten, die ein Gefühl zu einem Gefühl machen. Zwei Seiten, die sich aufwiegen, sich im Gleichgewicht halten. Eine ideale Vorstellung, dieses Gleichgewicht. Meistens ist es so, dass einen die Dinge, die in der eigenen Umlaufbahn kreisen, für endloses Glück sorgen. Meistens. Auch meistens: Die Dinge sorgen für Unglück oder für komische, nicht-gute Vibes. Man ist nur Zentrum. (mehr …)

Furchtaddition

Die Addition meiner Gefühle ist ganz einfach, wenn du mir sagst, dass ich mir keine Sorgen machen soll, wenn du die Beine für einen anderen Mann breit machen willst, einfach nur, damit der Drang nach dem Fremden weg ist. Keine Sorgen. Sorge darüber, dass wir das teilen. Sorge darüber, dass die Grenzen zwischen Du bist mir egal und Ich bin dein, allein irreversibel verwischt werden. Sorge darüber, dass ich zweimal riechen muss, damit ich in Zukunft meine Unschuld immer wieder an dich verliere. Sorge darüber, dass es keine Unschuld mehr gibt zwischen uns. Was fühlst und denkst du, wenn du das Fremde kennen lernst? Das Fremde, das dich für mich zum Fremden macht. Das ist meine Addition und nicht meine Sorge. Es gibt keine Horizonterweiterung. Es gibt nur Gedanken um das eine: Wieso reicht dir mein Fleisch nicht, obwohl du schreist, wenn wir uns addieren und du meine Haut unter deinen Fingernägeln sammelst? Wieso reicht dir das fraktale Zeugnis meiner Schürfwunden nicht? Wieso reicht es dir nicht, wenn in Augenblicken des Fingernagelwetzens zwischen uns eine laute Stille herrscht, deren Geräuschlosigkeit die Wände beben, unser Jetzt erschüttern und unseren Nachbarn die Röte ins Gesicht steigen lassen? Nein, ich fühle keine Sorgen, ich denke keine Sorgen. Ich fürchte mich davor, dass du so selbstverständlich die Grenzen verwischst, in der Hoffnung deinen Horizont zu erweitern. Der Horizont, den wir Hand in Hand, Wort im Ohr und Fleisch im Bett zusammen erobert haben. Und ich fürchte mein unsicheres, falsch-verständnisvolles Lächeln, dass ich dir nickend entgegne, bevor du mir einen Kuss gibst, mein Gesicht streichelst, unseren Hausschlüssel nimmst und das Fremde besuchst. Und ich sitze und warte. Und rechne nach, ob in meiner oder ihrer Addition irgendwo ein Fehler unterlaufen ist. Ein Fehler, der sich nun nicht mehr von unserer Tafel wischen lässt. Keine Summe.

Wonderland

Der Tortur zum Trotz, träumst du in deine Welt hinein.

»Die Gefahren von Traumwelten sind«, flüsterst du sagend wie fragend, »dass man in Etwas seinen Verstand verliert. Zumindest fühlt es sich so an.«

Meine Augen blinzeln deine Tage, Wochen und Jahre zurück. Erhaschen die Deckung, die du dir vor das Gesicht gezogen hast, wann immer dein Vater ausgeholt hat. Ich verschweige dir das, denn es sind deine Erinnerungen, die du mir eines Tages in den Hals geweint hast. Ich blinzle nur und bewundere die Tatsache, dass du all das ausblendest, all das Schlimme. Deine Argumente sind die Wege, die du panisch gerannt bist, als du Flucht und Mut in ein einsames Reziproke gestellt hast. (mehr …)

Flüstergewalt

Kaltes Blut schießt durch deine Blutbahnen. Worte wie unfrei und verändert regnen auf meine müden Augen nieder. Je lauter du mich anschreist, desto leiser wird die Botschaft, die mir weh tun soll.

Ich bin nicht das, was du dir erhofft hast, sagst du. Der Stich sitzt und blutet. Ein goldener Käfig voller Unfreiheit. Meine vier Wände haben Gitter, denkst du. Du sagst es nicht. Deinen Blicken kann man den Mund nicht zuhalten. Lautlos stichst du wieder zu. (mehr …)