Es war ein Dienstag, es war Spätabend, ziemlich warm für eine Aprilnacht. Es roch nach Asphalt und hörte sich wie Stadtklänge an. So ein metallisches Rauschen vorbeiirrender Autos, die mit ihren roten Bremsleuchten wie kleine rote Blutkörperchen durch die beleuchteten Arterien dieser Stadt schossen.
Hinter einem großen, sperrigen Kunstwerk aus Metall hielt ich mich an verrosteten Flächen fest, versuchte die Verkrampfung in meiner Brust unter Kontrolle zu bringen und blickte auf meine Turnschuhe, die ich vollgekotzt hatte. Die Anstrengung hatte mir Tränen in die Augen gedrückt und meine Nase verschlossen.
„Guck dir die Sau an“, polterte es seitlich in meine Ohren, „voll assi“, und ich hörte Gelächter und das Zusammenknallen zweier Bierflaschen.
Mein Kopf schmerzte von der Anstrengung, und als ich den drei Typen, die meine Hülle kommentierten, hinterher sah, verschwanden meine Blicke irgendwo in der Ferne. Irgendwo, wo es vielleicht ein paar Antworten auf meine Fragen gab, wo ich den ganzen Kummer einfach abstreifen konnte. Ich hatte seit Wochen kaum geschlafen, kaum gegessen. Ich war eine verstopfte Arterie voller Bremslichter und glühte knallrot durch Nacht meiner Zeit. Ich war einfach nicht mehr da.
Der Tod meines Vaters überforderte mich so sehr, dass ich nicht in der Lage war, in Würde zu trauern, nach helfenden Händen zu greifen, nach Auswegen zu suchen. Ich versank so sehr im Selbstmitleid, dass mir die einfachsten Dinge wie schwierige Irrwege vorkamen.
An der nächsten Straßenkreuzung übergab ich mich ein letztes Mal und ich dachte, mein Körper hat diesen ganzen Kummer satt. Ich war einfach, einfach nicht mehr da.
Der Zufall ist klebriger Kitsch, denn mein Vater starb vor ein paar Jahren ebenfalls in einer Aprilnacht. Ich trug blasse Erinnerungen mit mir umher. Damals.

Mein Telefon klingelte mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf und meine Schwester heulte ganz aufgelöst ins Handy. Dass irgendwas passierte sein musste, fühlte ich schon, als ich aus meinem Traum gerissen wurde und hochschreckte. Irgendetwas nicht Sichtbares schwang mit dem Klingeln mit, etwas endgültig Verändertes; als hätte man einen Stuhl verrückt, ein Kandinsky-Gemälde verkehrt herum auf gehangen oder ein paar Moleküle im Raum heimlich ausgetauscht.
„Papa ist… Papa ist gestorben“, brachte meine Schwester unter großer Kraftanstrengung winselnd hervor.
Mir wurde heiß-kalt im Gesicht; ein nicht definierbares Kribbeln entstand im emotionalen Zentrum meines Gehirns und schoss dann mit ungeahnter Geschwindigkeit durch meine Blutbahnen, drückte die roten und weißen Blutkörperchen zur Seite, verdrängte das Plasma wie eine Gewehrkugel, die im Wasser einschlug und schlagartig in einen sinkenden Schwebeflug überging, und machte sich im Körper breit. Selbst in meinen Fingerspitzen kam es an. In meinem Magen sammelte sich dieses Kribbeln dann wie ein großer Haufen Materie, den irgendetwas zusammenhielt.
„Papa ist tot“, drang immer wieder in mein Ohr und Schluchzen.
Ich war wie lahm gelegt, konnte nicht mal mehr zuhören und dachte die ganze Zeit an das Kribbeln in meinem Bauch, und woher ich es kannte. In meinem Kopf erschienen Achterbahnfahrten, die ich mit meinem Vater im Freizeitpark Plänterwald machte. Ich sah mich schreiend den großen Looping meistern. Dort in diesem Looping, spürte ich bei meiner ersten Fahrt dieses Kribbeln das allererste Mal. Es war so intensiv, dass es sich sofort und auf ewig in meinem Gedächtnis festsetzen sollte. Ich sah Zuckerwatte und kandierte Äpfel, sah die schmutzigen Fingernägel des Mitarbeiters am Streichelzoo, der Tierfutter in kegelförmigen Papiertüten verkaufte, das irgendwie Ähnlichkeit mit Krümeltee hatte. Jedes Mal, wenn ich mir an heißen Sommertagen Krümeltee mit Zitronen- oder Pfirsichgeschmack machte, dachte ich an dieses Tierfutter und die schmutzigen Fingernägel. Ich wurde älter und älter, aber diese sonderbare Assoziation blieb irgendwie übrig und wuchs mit mir mit.
„Papa ist tot“, wiederholte meine Schwester. Ich merkte ihrer Stimme an, wie fassungslos sie war und wie unfair plötzlich alles in ihren Augen auf dieser Welt erscheinen musste.
Dieser Satz donnerte in meinem Ohr, erschütterte das Bild der einfahrenden Achterbahn, und brachte ein neues Bild vor meinen Augen zutage, als hätte man auf einen alten Fernseher geschlagen um das graue Geriesel aus dem Bild zu bekommen, aber stattdessen wechselte nur lautknackend der Kanal.
„Papa ist tot.“
Wann immer dieses Kribbeln in der Magengegend kam, ich konzentrierte mich vollends darauf, es zu fühlen. Ich konnte nie einen Schritt davon zurücktreten und dieses Gefühl irgendwie erklärbar machen oder ergründen. Ich verpasste immer den Augenblick und wenn ich doch daran dachte, dann war das Zeitfenster bereits geschlossen und die Achterbahn fuhr in die Ein- und Ausstiegsgerade ein.
„Papa“, rief ich in solchen Augenblicken immer. Es waren jedoch immer Augenblicke, in denen er mir nicht antworten konnte.
„Papa ist tot.“
Mir blieb alles im Halse stecken, ich fand keine Worte und schwieg meine Schwester an, die diesen Satz immer wieder apathisch wiederholte. Ich konnte sie förmlich vor mir sehen, wie sie mit ihrem Handy irgendwo zusammengekauert auf einem Stuhl, Hocker oder Sessel saß, die Beine an den Körper gezogen und mit einem Arm umklammert. Rotz und Tränen liefen über ihr mittlerweile völlig aufgedunsenes Gesicht und klebten an ihrem Arm, mit dem sie sich immer wieder durchs Gesicht wischte. Ihre Nasenlöcher waren vollkommen verstopft, so verstopft, dass das viele Hochziehen schon im Ansatz verreckte. Ihre Augen waren zugeschwollen; in ihrem Gesicht zeichneten sich der ganze Kummer, die Trauer und der Schmerz ab, hinterließen tiefe Furchen, die vermutlich bis an ihr Lebensende als kleine Fältchen zurückbleiben würden. Ich sah, wie ihr Kopf wackelte, verneinend, so als würde sie das Geschehene einfach leugnen und so umkehrbar machen; als würde sie das alles nicht so akzeptieren und nach Kompromissen suchen. Dieses latente, unkontrollierte Kopfschütteln, als wäre sie innerhalb von endlos langen Sekunden eine alte senil gewordene Frau geworden, als wäre sie bis tief ins Knochenmark traumatisiert worden, das tat mir weh, sehr weh.
„Papa ist tot.“
Ich legte auf, zögerte kurz und schmiss das Telefon in einem Anfall von Angst von meinem Bett aus mit aller Kraft durch die Dunkelheit meines Schlafzimmers, durch die Finsternis der Nacht, durch die scheiß unendlichen Weiten des Universums, einfach nur weit, weit weg von mir. Vorbei an allem, das durch meinen Orbit trieb; vorbei an meiner Mutter, die kreidebleich am Totenbett meines Vaters saß, die Hände vor den Mund gefaltet, so als würde sie das Undenkbare, das Unaussprechbare mit der letzten Kraft, die ihr blieb, in sich gefangen halten, auf ewig einkerkern, ihre Augen weit aufgerissen, glasig und ruhend auf dem Gesicht meines toten Vaters; vorbei an meiner Schwester, die nicht mitbekommen hatte, dass ich das Telefonat längst beendet hatte, und die ihren Satz immer weiter aufsagte, vermutlich noch einige Stunden lang, das Tuten in der Leitung ignorierend, sich immer wieder mit zittriger Hand die Fingernägel ins Knie kneifend bis es blutete, bis es weh tat, um die Tür zur Realität noch einen kleinen Spalt offenzuhalten. Es knallte, die Tür krachte ins Schloss und Teile meines Handys, das an der Wand zerschellte, fielen in Zeitlupe zu Boden und verstummten. An der Wand blieb ein dunkler Fleck, ein Abrieb, ein Resultat der Wucht, mit der ich das Handy warf.
Ich ließ mich zurück ins Bett fallen. Mein Herz schlug so laut, dass ich mir die Ohren zuhielt. Das Kribbeln in meinem Magen stieg orgastisch an, ich krampfte kurz.
„Papa ist tot“, verhallte es leise an den Wänden, kondensierte am Fenster.
Ich glaube, das war die letzte Nacht, in der ich wirklich schlief. Damals.