Kosmokoital

Hast du es denn nicht satt, dass ich dich für deine unbekümmerte Leichtigkeit verachte und begehre und in jedem Wort deiner aufgesetzten Naivität, die Gründe deiner Traurigkeit erahne, aber nie zu greifen bekomme? Bist du es leid, dass ich mit Wut zu dir spreche, deinen Orbit mit meinen Satelliten beschieße und hoffnungslos auf Rücksignale in meiner Welt warte? Macht es dir Bauchkribbeln, mich in dem Glauben zu lassen ich sei der reifere Mensch von uns beiden, obwohl ich Statist in deiner Welt bin und nicht umgekehrt? Stimmst du mir zu, wenn ich still an deinem Rücken liege und in trauriger, klebriger Scheiße versinke während ich mich frage, ob das, was ich dir zu geben versuche, überhaupt einen lebenden Adressaten in dir findet? Schweigst du, weil du weißt, dass unsere Berührungen lauter sind als all die Schreie, die in mir schlummern und nur mit brachialer Gewalt vor dem Halt machen, das sie zerstören wollen? Um es danach an sich zu nehmen. Und um dir zu zeigen, dass dahinter der Wille des Liebens auf seinen großen Auftritt wartet. Um dir Glück zu bescheren. Und all das, das du vor lauter Ignorieren nie erlernt hast. Mich zum Beispiel. Derjenige, der dich über das Wort seiner Gedanken stellt. Während er still an deinem Rücken liegt und nichts versteht. Und sich fragt, woher diese lodernde Wärme kommt. Und warum er dieser hoffnungslos verfallen ist. Ohne den Hoffnungsschimmer am Horizont zu sehen. Oder ein Signal aus deinem Orbit zu bekommen, egal wie sehr er sich beim Lauschen bemüht. Egal wie leise es sein mag. Oder wie kurz.

Filterlos

Ich bin der Zwischenraum zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich nicht bin, zwischen dem, was ich träume, und dem, was das Leben aus mir gemacht hat […].“ – Fernando Pessoa

Ich habe alles versucht.

Das größte Problem war wohl immer, dass ich ein Kleinkind geblieben bin und dabei so getan habe, dass ich weiter wäre als jeder, der sich auf mich eingelassen hat. Ich habe mir nie große Mühe gegeben, das irgendwie zu verstehen, denn ich verstand das als einen Charakterzug, der zwar schwierig, aber auch faszinierend und infizierend war. Irgendwo auf der Oberfläche, die sich im Raum der Gegenwart gekrümmt hat. Wie ein Virus. Ich war der Wirt. Das war ein Geheimnis, das ich mit niemand teilen wollte.

Irgendwann wird das aber schwierig und kompliziert, wenn man in einer Lebensphase steckt, in der man sich selbst aufräumen, ordnen muss, damit nicht alles, was man sich erträumt, sinnlos und verschwendet ist. Und Dinge, in die man emotional investieren will und muss, immer mehr nach Präsenz und Platz suchen. Dieser Moment, wenn man realisiert, dass in einem kein Platz ist, tut irgendwie ein bisschen weh.

Ich mochte die Zeiträume des Anfangs. Lange bevor sie gegangen sind oder ich geflüchtet bin. Bevor wir aufgehört haben, wir zu sein. Da, wo ich angefangen habe, mich gegen Liebe zu wehren. Da, wo mein emotionales Immunsystem mich als Fremdkörper akzeptiert hat und mich handeln ließ.

Ich bin führungslos, deswegen waren es immer die Konsequenzen, die mir gezeigt haben, wie sich eine Richtung anfühlen kann. Es war das Intensive, das in mir Gefühle gemacht hat, die authentischer waren als mein Verständnis von Realität. Oder wie ich lebe, handle, spreche, weine, ficke und schweige. Dinge, die ich getan, aber nicht gedacht habe. Ein roter Faden auf meinem Weg, bei dem ich nicht sicher war, ob ich ihm folgte oder es nur mochte, an seine Wahrheiten zu glauben.

Die Wahrheit ist:

Ich mochte die Anfänge in den uns‘ weil es immer wieder Wiedergeburten waren, in denen die Karten neu gemischt wurden, man neu anfangen konnte. Mit sich selbst, mit dem, was man sein will und dem, was man in Wirklichkeit ist. Es hatte immer etwas sehr Einsames, das man geteilt hat. Es war wunderschön, warm und real.

Es war etwas, das friedlich zwischen den zwei Seiten existiert hat, eine Pufferzone zwischen den Konflikten, die man ansonsten mit sich geführt hat. Es war das Fühlen ohne Filter. So schön und vollkommen, das ich es irgendwann aufgeben musste, weil ich so viel Hässlichkeit in mir verborgen hielt und ich nie das Reziproke sein wollte, das man hätte erwischen können.

Ich kann nicht erklären, was in mir vorgegangen ist, als ich uns nicht mehr wollte. Ich dachte immer, vielleicht sind das die Augenblicke, wo ich etwas für mich richtig machen kann. Als ich verstand, dass nicht ich jemanden an der Hand hielt, sondern dass man mich an der Hand hielt.

Fühlen ohne Filter. Vielleicht ist das eine Bastion, die ich nie eingenommen habe, weil ich mich immer so authentisch gefühlt habe, wenn ich mich ins Chaos stürzte und uns aufgab. Das waren meine Chancen. Und ich habe nie zurückgeblickt, weil es so laut in mir geblieben ist.

Ich habe wirklich alles versucht. Aber.

Pierre & Ø

Pierre war das Kaliber Typ, das den eigenen Standpunkt mit freundschaftlichen, jovialen Ohrfeigen unterstreichen musste. Das war hart, denn jedes Mal wenn er seiner Ansicht nach den Nagel auf den Kopf traf, hatte man seine verschwitzten Griffel im Gesicht. Eine ziemlich merkwürdige und homoerotische Geste.

Pierre schüttete mir auf dem Ø festival seinen Drink in den Schritt. Es gibt sie ja, diese Menschen, die seltsame Dinge machen um in den Erinnerungen anderer einen Platz zu finden, um nicht vergessen zu werden: Im Prinzip der Gestus, wenn nach der Grenzüberschreitung nichts mehr da ist, was man erklären kann oder möchte.

Pierre nötigte mich zu einem Gespräch und erzählte mir, dass er bis heute nicht wisse, wem er aufs Maul hauen sollte. Es war nur klar, dass es passieren müsste und ich sagte „Okay“. Mich wundert in diesen Tagen ehrlich gesagt nichts mehr. Die Welt hat die verrücktesten Gestalten hervor gebracht. So schleicht die Apokalypse langsam in den Hinterhof. Eine ganz stille Invasion, awkward, aber nicht sonderlich schockierend. Vielleicht bin ich mit meiner Normalität, mit meinem Sinn für das Gewöhnliche einfach nur eine weitere Facette in der entkernten Welt der Creeps.

Seine französische Urgroßmutter hatte sich Mitte 1940 mit einem einfachen Soldaten der Wehrmacht eingelassen, fuhr Pierre fort, kniete sich vor mich, zog ein sorgfältig gefaltetes Stofftaschentuch aus seiner Tasche und rieb damit in meinem Schritt. Seine Urgroßmutter wurde schwanger. Es waren seine weichen Hände, die sie schwach machten. Ein junger Soldat mit weichen, sauberen Händen: Sie mochte dieses kleine Detail, denn es machte keinen Sinn in dieser schrecklichen Zeit. Sie verliebte sich in eine Fata Morgana, und so schwer es mir auch fiel ihm angesichts der Reiberei mit der notwendigen Aufmerksamkeit zuzuhören: Das machte Sinn.

Nach dem Krieg wurden die Dinge viel komplizierter und all die Ablehnung wurde von Generation zu Generation weiter vererbt. Pierre, der nach der Migration seiner Eltern in Mannheim geboren wurde und aufwuchs, begriff nach eigenen Aussagen nie, was er war: Deutscher oder Franzose, Geist oder Lebender, Mensch oder Monster. „Kosmopolit“, sagte er mit einem traurigen Augenzwinkern. Er zeigte auf sein Herz und gab mir die berüchtigte joviale Ohrfeige. Ich war hier, um zu tanzen. Schrecklich, wie schnell sich Augenblicke ins Reziproke stellen lassen.

Und so trifft sich die Welt auf den Ochseninseln“, sprach er verkündend und zerrte mich vom tanzenden Pulk weg. „Komm mit, ich zeig dir was“, fuhr er fort und zeigte mit seinem Arm ausbreitend in die Nacht. Ich dachte: Wenn du bis hier gegangen bist, dann gehe noch einen Schritt weiter. Nur einen einzigen. Weiter wärst du alleine nie gegangen.

Mir wurde flau.

Wir kamen zum Wasser, etwas abgelegen und ich sah ein Boot mit zwei Paddeln. Warum auch immer, aber ich war unfähig, ihm zu sagen, dass ich ihn für einen abgedrehten Spinner hielt, der sein Christian-Kracht-Faserland-Ende mal schön alleine durchziehen sollte. Aber es war unangebracht. Die Insel war zu klein für Heldenmut, die Musik zu gut, die Drinks zu flüssig und die Einsamkeit zu zweit.

Der Alkohol wirkte, Pierre ruderte ziemlich geschmeidig und wortlos zum dänischen Festland. Lille Okseø – Sønderhav: Flüssiger Traum in der Flensburger Förde unter sternenklarem Himmel, hinter uns die Soundkulisse des Ø. Ich rauchte eine Zigarette und starrte in die dunkle Kuppel, die uns umgab wie ein viel zu großes Kostüm. Pierre telefonierte auf Französisch. Jedes Wort versank unverstanden in meinen Ohren. In diesem Bild war irgendetwas verkehrt angeordnet. Und je länger man hinsah, desto weniger dachte man an den Fehler. Es war als hätte die Form den Inhalt besiegt.

Fix yourself

Durch Null geteilt werden und danach keine Gewissheit mehr. Harte Mathematik kollidiert in meiner Wüste. Die Druckwelle walzt alles nieder, alles platt, bis ich nur noch Oberfläche erkennen kann. Scheiße, ich bin ein Blender.“ – unbekannt

Wir landen in diesem ziemlich versifften Schuppen. Über dem Eingang leuchtet ein drei Meter hohes H glutrot. Uns ist klar, dass das hier nur ein Fluchtort ist, ein Versteck vor der Einsamkeit. Nur ein paar Meter weiter liegt ein Typ in seinem Erbrochenen auf dem Gehweg. Alles wirkt arrangiert.

Mir gelingt es nicht, mich von all dem hier abzugrenzen. So bizarr, grotesk und fern das hier auch wirken mag, ganz in meinem Inneren gehöre ich hier gerade hin. Scham. Neben den Türstehern, die reichlich voll sind, hängt auf Kopfhöhe an der Wand ein Schild: Keine Druckbetankung. Jemand war so ehrlich und hat das Keine zerkratzt. Was für ein beschissener Ort, um zu sein.

Ich werde abgetastet, bin zugedröhnt, unauffällig, abwesend, versuche mich noch mal abzugrenzen, scheitere daran.

Es ist wie mit dem Schreiben oder dem Leben: Ich denke nicht an den Schluss, eigentlich ist nichts durchdacht. Alles ist wunderbar unkontrolliert und auf seine Weise ein warmes Muster, das sich irgendwie zufällig zu einer ganz komischen Normalität zusammenfügt. Ein ganz dadaistisches Bild, irgendetwas, das man aus Versehen durch Null dividiert hat und dann eine nicht näher definierbare Form annimmt. Ich philosophiere mich so durch, im Verborgenen. Eigentlich ist kein einziger Ton zu hören.

Es ist auch drinnen ziemlich versifft. Alles ist versifft. Auch der DJ, der brav seinen hipsteresken Elektro spielt, wenig experimentell, aber mit scharfen Kanten, damit die Form unbemerkt über den Inhalt siegt. Die Drinks sind auch versifft, die Beleuchtung ist versifft, die Leute auch. Scheiße, manchmal sind Leute einfach versifft und das merkt man erst, wenn man darüber näher nachdenkt oder länger genug hinsieht. Die Unterschiede zwischen diesen Fähigkeiten sind abhanden gekommen, stehen gelassen worden.

Wir haben Drinks in der Hand, der versiffte Barkeeper hat sogar verschissene schwarze, lange Strohhalme rein geschraubt. Nicolai schließt bei einem Dubstep-Remix von James Blake die Augen und ich denke Scheiße. Er macht zehn Minuten lang mit seinem Unterkörper Robodance, schwingt mit dem Oberkörper wie ein Pendel im Takt und drückt Whisky-Cola an seine Brust. Auf der Tanzfläche wird gebounct und oben an einem Balkon, der diesen versifften Raum flankiert und ausleuchtet, steht ein Fettwanst und versucht die Menge mit Pfeifen und auffordernden Handbewegungen zu animieren. Es ist so awkward, das jetzt auf der Stelle die Welt platzen müsste wie eine Seifenblase, eine glutrote Seifenblase irgendwo im Nirgendwo der Druckbetankung.
Nicolai hält den Takt, es wird gegrölt und ich weiß die ganze Zeit nicht warum. Hinter ihm sitzt ein Afrikaner auf einer Fensterbank, angelehnt an die beschlagene Fensterscheibe. Die Laternen funkeln warm und orange hinter kondensiertem Schweiß. Diese Fensterscheibe, nur eine hauchdünne Membran, die zwei Welten trennt. Die eine real, die andere noch realer, weil sich gerade hier, auf der wärmeren Seite der Membran, tanzende Menschen in die Augen blicken, balzen und nicht wissen, ob das, was man sich von der Nacht versprochen hat auch wirklich das ist, das irgendwie alles rechtfertigt: Die V-Ausschnitte, die bei den Typen tiefer sind als bei den Frauen, die schwitzfeste Schminke, die Goldkettchen und der misshandelte James Blake. Es ist so viel mehr Realität hier, als die Welt zu produzieren vermag. Ein einsames Bekenntnis hinter verschlossenen Lippen. Verschleierte Schönheit. Und so sehr ich das mit meiner Arroganz auch abstreiten will, ich fühle mich an diesem Ort irgendwie authentischer als sonst.

Der Afrikaner wischt sich mit seinem Unterarm den Schweiß von der Stirn, beobachtet Nicolais peinliche Performance und blinzelt langsam, verstört, glasig, gelangweilt und erschöpft. Eine ganze Spektralklasse an Eindrücken, die sich auf einmal auf seinem Gesicht zeigt. Ein weiteres arrangiertes Raumstatement, das selbstironisch alles mit einmal erfasst und wiedergibt. Wie er sich fühlen muss, am weißesten Ort des Universums, wo alles ganz flüchtig, dekorativ und hinter großen glutroten H’s im Takt abläuft. Der DJ switcht kompromisslos zu einem elektronifizierten RnB-Stück und die verschwitzte Menge grölt erneut auf, wie ein Hochleistungsofen, den man befeuert hat. Typen prosten sich glücklich zu, umarmen sich zu fünft oder sechst auf ihren kleinen, intimen Freundschaftsinseln und tanzen eigentlich so wie vorher zu James Blake, nur schneller und mit mehr Armeinsatz. An der Bar befingert ein Typ mit besagtem, hartem V-Ausschnitt ein Mädchen im Schritt, das schon halb im Koma liegt. Es ist einfach so grundehrlich hier.

Der Afrikaner schaut umher und trifft meinen Blick. Zwischen uns moonwalkt Nicolai umher. Es ist weird.

Oh Girl

Papa

Es war ein Dienstag, es war Spätabend, ziemlich warm für eine Aprilnacht. Es roch nach Asphalt und hörte sich wie Stadtklänge an. So ein metallisches Rauschen vorbeiirrender Autos, die mit ihren roten Bremsleuchten wie kleine rote Blutkörperchen durch die beleuchteten Arterien dieser Stadt schossen.

Hinter einem großen, sperrigen Kunstwerk aus Metall hielt ich mich an verrosteten Flächen fest, versuchte die Verkrampfung in meiner Brust unter Kontrolle zu bringen und blickte auf meine Turnschuhe, die ich vollgekotzt hatte. Die Anstrengung hatte mir Tränen in die Augen gedrückt und meine Nase verschlossen.

Guck dir die Sau an“, polterte es seitlich in meine Ohren, „voll assi“, und ich hörte Gelächter und das Zusammenknallen zweier Bierflaschen.

Mein Kopf schmerzte von der Anstrengung, und als ich den drei Typen, die meine Hülle kommentierten, hinterher sah, verschwanden meine Blicke irgendwo in der Ferne. Irgendwo, wo es vielleicht ein paar Antworten auf meine Fragen gab, wo ich den ganzen Kummer einfach abstreifen konnte. Ich hatte seit Wochen kaum geschlafen, kaum gegessen. Ich war eine verstopfte Arterie voller Bremslichter und glühte knallrot durch Nacht meiner Zeit. Ich war einfach nicht mehr da.

Der Tod meines Vaters überforderte mich so sehr, dass ich nicht in der Lage war, in Würde zu trauern, nach helfenden Händen zu greifen, nach Auswegen zu suchen. Ich versank so sehr im Selbstmitleid, dass mir die einfachsten Dinge wie schwierige Irrwege vorkamen.

An der nächsten Straßenkreuzung übergab ich mich ein letztes Mal und ich dachte, mein Körper hat diesen ganzen Kummer satt. Ich war einfach, einfach nicht mehr da.

Der Zufall ist klebriger Kitsch1, denn mein Vater starb vor ein paar Jahren ebenfalls in einer Aprilnacht. Ich trug blasse Erinnerungen mit mir umher. Damals.

Mein Telefon klingelte mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf und meine Schwester heulte ganz aufgelöst ins Handy. Dass irgendwas passierte sein musste, fühlte ich schon, als ich aus meinem Traum gerissen wurde und hochschreckte. Irgendetwas nicht Sichtbares schwang mit dem Klingeln mit, etwas endgültig Verändertes; als hätte man einen Stuhl verrückt, ein Kandinsky-Gemälde verkehrt herum auf gehangen oder ein paar Moleküle im Raum heimlich ausgetauscht.

Papa ist… Papa ist gestorben“, brachte meine Schwester unter großer Kraftanstrengung winselnd hervor.

Mir wurde heiß-kalt im Gesicht; ein nicht definierbares Kribbeln entstand im emotionalen Zentrum meines Gehirns und schoss dann mit ungeahnter Geschwindigkeit durch meine Blutbahnen, drückte die roten und weißen Blutkörperchen zur Seite, verdrängte das Plasma wie eine Gewehrkugel, die im Wasser einschlug und schlagartig in einen sinkenden Schwebeflug überging, und machte sich im Körper breit. Selbst in meinen Fingerspitzen kam es an. In meinem Magen sammelte sich dieses Kribbeln dann wie ein großer Haufen Materie, den irgendetwas zusammenhielt.

Papa ist tot“, drang immer wieder in mein Ohr und Schluchzen.

Ich war wie lahm gelegt, konnte nicht mal mehr zuhören und dachte die ganze Zeit an das Kribbeln in meinem Bauch, und woher ich es kannte. In meinem Kopf erschienen Achterbahnfahrten, die ich mit meinem Vater im Freizeitpark Plänterwald machte. Ich sah mich schreiend den großen Looping meistern. Dort in diesem Looping, spürte ich bei meiner ersten Fahrt dieses Kribbeln das allererste Mal. Es war so intensiv, dass es sich sofort und auf ewig in meinem Gedächtnis festsetzen sollte. Ich sah Zuckerwatte und kandierte Äpfel, sah die schmutzigen Fingernägel des Mitarbeiters am Streichelzoo, der Tierfutter in kegelförmigen Papiertüten verkaufte, das irgendwie Ähnlichkeit mit Krümeltee hatte. Jedes Mal, wenn ich mir an heißen Sommertagen Krümeltee mit Zitronen- oder Pfirsichgeschmack machte, dachte ich an dieses Tierfutter und die schmutzigen Fingernägel. Ich wurde älter und älter, aber diese sonderbare Assoziation blieb irgendwie übrig und wuchs mit mir mit.

Papa ist tot“, wiederholte meine Schwester. Ich merkte ihrer Stimme an, wie fassungslos sie war und wie unfair plötzlich alles in ihren Augen auf dieser Welt erscheinen musste.

Dieser Satz donnerte in meinem Ohr, erschütterte das Bild der einfahrenden Achterbahn, und brachte ein neues Bild vor meinen Augen zutage, als hätte man auf einen alten Fernseher geschlagen um das graue Geriesel aus dem Bild zu bekommen, aber stattdessen wechselte nur lautknackend der Kanal.

Papa ist tot.

Wann immer dieses Kribbeln in der Magengegend kam, ich konzentrierte mich vollends darauf, es zu fühlen. Ich konnte nie einen Schritt davon zurücktreten und dieses Gefühl irgendwie erklärbar machen oder ergründen. Ich verpasste immer den Augenblick und wenn ich doch daran dachte, dann war das Zeitfenster bereits geschlossen und die Achterbahn fuhr in die Ein- und Ausstiegsgerade ein.

Papa“, rief ich in solchen Augenblicken immer. Es waren jedoch immer Augenblicke, in denen er mir nicht antworten konnte.

Papa ist tot.

Mir blieb alles im Halse stecken, ich fand keine Worte und schwieg meine Schwester an, die diesen Satz immer wieder apathisch wiederholte. Ich konnte sie förmlich vor mir sehen, wie sie mit ihrem Handy irgendwo zusammengekauert auf einem Stuhl, Hocker oder Sessel saß, die Beine an den Körper gezogen und mit einem Arm umklammert. Rotz und Tränen liefen über ihr mittlerweile völlig aufgedunsenes Gesicht und klebten an ihrem Arm, mit dem sie sich immer wieder durchs Gesicht wischte. Ihre Nasenlöcher waren vollkommen verstopft, so verstopft, dass das viele Hochziehen schon im Ansatz verreckte. Ihre Augen waren zugeschwollen; in ihrem Gesicht zeichneten sich der ganze Kummer, die Trauer und der Schmerz ab, hinterließen tiefe Furchen, die vermutlich bis an ihr Lebensende als kleine Fältchen zurückbleiben würden. Ich sah, wie ihr Kopf wackelte, verneinend, so als würde sie das Geschehene einfach leugnen und so umkehrbar machen; als würde sie das alles nicht so akzeptieren und nach Kompromissen suchen. Dieses latente, unkontrollierte Kopfschütteln, als wäre sie innerhalb von endlos langen Sekunden eine alte senil gewordene Frau geworden, als wäre sie bis tief ins Knochenmark traumatisiert worden, das tat mir weh, sehr weh.

Papa ist tot.

Ich legte auf, zögerte kurz und schmiss das Telefon in einem Anfall von Angst von meinem Bett aus mit aller Kraft durch die Dunkelheit meines Schlafzimmers, durch die Finsternis der Nacht, durch die scheiß unendlichen Weiten des Universums, einfach nur weit, weit weg von mir. Vorbei an allem, das durch meinen Orbit trieb; vorbei an meiner Mutter, die kreidebleich am Totenbett meines Vaters saß, die Hände vor den Mund gefaltet, so als würde sie das Undenkbare, das Unaussprechbare mit der letzten Kraft, die ihr blieb, in sich gefangen halten, auf ewig einkerkern, ihre Augen weit aufgerissen, glasig und ruhend auf dem Gesicht meines toten Vaters; vorbei an meiner Schwester, die nicht mitbekommen hatte, dass ich das Telefonat längst beendet hatte, und die ihren Satz immer weiter aufsagte, vermutlich noch einige Stunden lang, das Tuten in der Leitung ignorierend, sich immer wieder mit zittriger Hand die Fingernägel ins Knie kneifend bis es blutete, bis es weh tat, um die Tür zur Realität noch einen kleinen Spalt offenzuhalten. Es knallte, die Tür krachte ins Schloss und Teile meines Handys, das an der Wand zerschellte, fielen in Zeitlupe zu Boden und verstummten. An der Wand blieb ein dunkler Fleck, ein Abrieb, ein Resultat der Wucht, mit der ich das Handy warf.

Ich ließ mich zurück ins Bett fallen. Mein Herz schlug so laut, dass ich mir die Ohren zuhielt. Das Kribbeln in meinem Magen stieg orgastisch an, ich krampfte kurz.

Papa ist tot“, verhallte es leise an den Wänden, kondensierte am Fenster.

Ich glaube, das war die letzte Nacht, in der ich wirklich schlief. Damals.

  1. Bild via to01

Ruhelos

„Unsere Abwehrmechanismen gegen die Informationsschwemme sind zusammengebrochen; unser Immunsystem gegen Informationen funktioniert nicht mehr. Wir leiden unter einer Art von kulturellem Aids.“ Neil Postman

Doch wir können ums Verrecken nicht aufhören.

Chemosphere

Was Anaïs Nin in ihrer Literatur erschuf, Natacha Merritt in ihrer Fotografie bewirkte, Gaspar Noé in seinen Filmen inszenierte, brachte Sasha Grey1 in der Pornografie zum Ausdruck: Komplexe, schwierige Ästhetik, deren Tiefe an der Oberfläche nur ganz fragil zum Vorschein kam.

  1. Sasha Grey: Film Portrait von Richard Phillips, gedreht am John Lautner Chemosphere House, das man aus David Lynchs Mullholland Drive kennt

Des écrans

Ich spaziere auf warmen, weiten Flächen, auf einem leuchtenden See aus Strom. Ich amte aus dem Raum, ich zähle die Moleküle und ich weiß, dass ich nichts weiter brauche, außer Flächen. Flächen, auf denen meine Bilder passen. Große Flächen, auf denen alles Platz findet, wofür mein Kopf zu klein geworden ist. Ich brauche Flächen für die Sound-Kulisse, die ich züchte. Es sind unzählbare Flächen, an denen die Geometrie versagt, wo keine Formeln wirken und wo niemand sagen kann, dass er etwas verstanden hat.

Einen Ort, einen Platz, wo ich der verdammte Architekt bin und in die Grenzenlosigkeit bauen kann, wo ich Gesetze neu verkette und vielleicht selbst eine Fläche sein kann.

La Belle Jardinière

Bisaz: “D b d u i b h“, 09/2011 (57,5 x 45,7 cm), Dose auf Pressholz.

Die Figur ist ein Zitat aus dem Werk “Erschaffung der Eva oder belle Jardinière“, das der deutsche Surrealist Max Ernst nach mehrjähriger Vorarbeit 1923 in Paris malte. “Die Schöne Gärtnerin” – wie das Werk noch bezeichnet wird – ist eine der bedeutendsten Arbeiten im Œuvre von Ernst gewesen. Sie markiert den Übergang vom Dadaismus zum Surrealismus in seinem Schaffen und hat eine der wohl tragischsten Biographien der Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter dem Nazi-Terror.

1924 wird das Gemälde zum ersten Mal im Pariser Salon des Indépendants ausgestellt. Noch im selben Jahr verkauft Ernst La Belle Jardinière vor seiner Reise in den Fernen Osten an die Galerie von Johanna Ey in Düsseldorf. Daraufhin erscheint 1925 eine Abbildung des Werkes in der surrealistischen Zeitschrift La Révolution Surréaliste. Das Städtische Kunstmuseum Düsseldorf tauscht es um 1929/30 gegen Es lebe die Liebe ou Pays charmant ein. 1937 wird La Belle Jardinière von den Nationalsozialisten aus dem Städtischen Kunstmuseum Düsseldorf entwendet und beschlagnahmt. Im Zuge dieser Beschlagnahmung zeigt man das Bild in München auf der Wanderausstellung Entartete Kunst.

Die Schöne Gärtnerin befindet sich auf Seite 32 des Führers durch diese Ausstellung. Unter dem Motto Beschimpfung des deutschen Weibes wird das Gemälde zum Zwecke der Abschreckung denunziert. Es liegt nahe, dass dieses Gemälde zum festen Inventar der Ausstellung gehörte, da es sich unter den 56 Werken befand, welche in der Hetzschrift der Ausstellung abgebildet waren. Da diese Ausstellung im Juli 1939 endete, kann man eigentlich so gut wie ausschließen, dass Die Schöne Gärtnerin bei der Werkverbrennung durch die Nationalsozialisten am 20. März 1939 im Hof der Hauptfeuerwache in Berlin vernichtet und mit vielen anderen Werken im Feuer des Nazi-Bildersturms zerstört wurde.

Da sich das Werk ebenfalls nicht unter den versteigerten Bildern von Th. Fischer am 30. Juni 1939 in Luzern befand, gilt es seitdem als verschollen. Die Nationalsozialisten beauftragten vier Kunsthändler, die übrig gebliebenen beschlagnahmten Werke im Ausland zu verkaufen. Drei von ihnen (Dr. Hildebrand Gurlitt, Ferdinand Moeller und Bernhard A. Boehmer) sind bereits verstorben und der letzte Überlebende (Karl Buchholz) kann sich nicht daran erinnern, Die Schöne Gärtnerin je in seinem Angebotsinventar gehabt zu haben. Einige halten es für möglich, dass sich das Werk im Besitz eines unbekannten amerikanischen Privatsammlers befindet.

Max Ernst hat den Verlust dieses Werkes nie überwunden und hat La Belle Jardinière 1967 erneut gemalt, als Retour de la Belle Jardinière (Die Rückkehr der Schönen Gärtnerin) für die Neue Nationalgalerie in Berlin. Ernst hat in diesem Sinne nicht nur ein Bild, sondern einen Teil der eigenen Geschichte und Biografie rekonstruiert.

Die Figur balanciert zwischen dem Dies- und Jenseits. Irgendwo im Verschollenen. Das gefällt mir sehr.

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