Du bist dort und ich bin hier

Die Erzählung »Du bist dort und ich bin hier« ist eine Sammlung digitaler Tagebuch-Einträge über die geistige Verbindung einer jungen, an schizoaffektiver Störung erkrankten Frau zu ihrem Bruder. Alle enthaltenen Texte der Beiden sind zwischen 2010 und 2012 auf verschiedenen Blogs publiziert worden.

(2017, 188 Seiten, erschienen im Eigenverlag)

Der Buchprolog:

»Der Tod meiner Schwester hat mich aus meiner persönlichen Umlaufbahn katapultiert. Ich bin im größten Chaos meines bisherigen Lebens auf einer einsamen Insel gestrandet und habe mich durch die Tage und Nächte gekämpft. Ich hatte viele Fragen, keine Antworten und niemanden, der meine persönliche Perspektive als allein gelassener Bruder verstehen vermochte. Ich war allein. Nicht nur in meiner Trauer der Gegenwart oder mit meinem Blick in die Vergangenheit, sondern vor allem mit meiner Sicht auf die Zukunft. Ich musste von vorne beginnen und lernen, was es bedeutet, einem Menschen wirklich nahe zu stehen. Und was für Gefühle dabei entstehen können. Diese einsame Insel war aus heutiger Sicht der Startpunkt einer mehrjährigen Reise für mich. Eine Reise, die mich über unbekannte Grenzen führte. Ohne Kompass und ohne Ziel. Ich schwieg, aber dachte viel. An meine geliebte Schwester, an mich, an alles.

Wer war sie? Woher weiß man, dass man einen Menschen wirklich kennt? Was muss man über ihn wissen und wie viel? Was gibt einem das Bewusstsein, dass man ihm nahe steht? Und was tut man, wenn dieser Mensch ganz plötzlich verschwindet und alles, was übrig bleibt, zu Erinnerungen wird und damit Vergangenheit?

Darüber habe ich lange nachgedacht. Irgendwann fand ich meine Antwort auf all diese Fragen.

Meine Schwester erkrankte Anfang 2010 an einer schizoaffektiven Störung. Um zu verstehen, wie es ihr damit erging, besuchte ich neben meinen eigenen Recherchen zum damaligen Zeitpunkt eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von psychisch Erkrankten in Jena. Diese Gruppe wurde begleitet vom medizinischen Psychiatrieleiter des Universitätsklinikums. In einem Gespräch mit ihm lernte ich dieses Krankheitsbild genauer kennen und baute die blinden Flecken und Berührungsängste zu diesem Thema nach und nach ab. Ich verstand, was diese Erkrankung für meine Schwester bedeutete und bekam eine Ahnung davon, wie es ihr damit erging.

Ich fand heraus, dass sie damit begonnen hatte, ihre Erinnerungen an diese Zeit in Form von Beobachtungen, Gedichten und Kurzgeschichten zu dokumentieren. Das Schreiben hat uns seit meinem Wegzug aus Berlin immer verbunden. Sie war es, die mir 2006 Mut gemacht hat, meine Geschichten auf einer öffentlichen Lesung vorzustellen. In meinem jungen Erwachsenenleben hat sie mir damit die wichtigste Weiche gestellt. Denn das Schreiben war ab diesem Zeitpunkt der wichtigste Begleiter meiner Seele. Durch das Schreiben begann ich, echte Initiative zu entwickeln und eine Vorstellung davon zu bekommen, was ich tief in mir drin wirklich wollte. Ich organisierte öffentliche Lesungen, Poetry Slams, brachte ein mehrteiliges Literaturprojekt heraus und veröffentlichte meine Prosa. Das Schreiben brachte mich zu meinem Beruf. Es brachte mir die erste Frau, die in mir wahre Gefühle und Liebe erweckte. Und es ist bis heute der einzige Weg, Dinge für mich greifbar zu machen, die ich nicht verstehe, aber verstehen will. Aufgeschriebene Worte sind das Echo eines Steins, den man in einen tiefen Brunnen fallen lässt und der irgendwann auf den Grund einschlägt. Genau wie bei mir spiegelte das Geschriebene eine tiefe Wahrheit wieder, egal wie abstrakt diese formuliert war.

Dieses Buch ist der Schlüssel in eine Welt, die meine Schwester und mich tief miteinander verbunden hat. Ihr literarisches Wirken ist in diesem Werk für die Ewigkeit festgehalten. Ungefiltert und unkorrigiert. Ihre Texte, die auf weißen Seiten tanzen, kreuzen meine Texte, die auf schwarzen Seiten tanzen. Chronologisch eingeteilt und nach Jahreszeiten bis zu ihrem Tod geordnet. Erinnerungen aus den wichtigsten zwei Jahren unserer Leben als Geschwister. Ein Bild von Gegenwart und Vergangenheit. Das Buch endet mit einem Epilog, bestehend aus einigen Kurzgeschichten von mir, die ich schrieb, als mich meine Sehnsucht nach ihr beherrschte und die mir dabei halfen, zu wachsen.

Es ist das Kostbarste, das ich jemals alleine erschaffen habe. Und wenn ich meiner Schwester heute noch etwas mitteilen könnte, dann, dass sie mir dabei geholfen hat, ein Mensch zu werden, der seinen Weg gefunden hat. Sie hätte gelacht und mich gefragt, wo sie denn auf diesem Weg stünde. Ich hätte kurz nachgedacht und gesagt: Du bist dort und ich bin hier.«