Der kosmische Schwarm – Kapitel 4

Science Fiction

»Der kosmische Schwarm« ist eine Science-Fiction-Erzählung über den Erstkontakt der Menschheit mit einer technologisch hochentwickelten, außerirdischen Spezies. Inhaltsangabe und Kapitelübersicht befinden sich hier.

Die Pecker mit der Androiden-Besatzung hatte IGO-1 wie geplant erreicht und wurde auf manuelle Steuerung umgeschaltet. Die Übertragung des Videostreams erfolgte ohne zeitliche Verzögerung. Wir hatten uns wieder vollständig im Plenarsaal versammelt und starrten gebannt auf das Wand-Display. Niemand der Anwesenden hatte erholsamen Schlaf gefunden. Die Gespräche beschränkten sich vorab lediglich auf kurze Banalitäten.

Da die Pecker mit zehn Kameras und einer separat angeschlossenen Raumdrohne ausgestatten war, teilte sich das Display in mehrere Stream-Quadranten auf. Ein unruhiges Raunen ging durch den Raum: Der erste Kontakt des Menschen mit etwas Artifiziellem, das nicht aus seiner Feder stammte. Wir erhoben uns. Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Was sich vor uns entfaltete, war zwar eindeutig, aber für sehr lange Minuten in keiner Weise mit Worten erklärbar. Und es zeigte sich, wieso etwas Ungeplantes in dieser Größenordnung mit den bisherigen menschlichen Errungenschaften nicht vergleichbar war. 

Im 20. Jahrhundert gab es drei fundamentale Meilensteine in der Raumfahrtgeschichte, welche uns den Weg bis zur Gegenwart ebneten: der erste Satellit, den die Sovjets 1957  in den Erdorbit schossen, Sputnik 1 – der Weggefährte; der erste Mensch im Weltraum 1961, der Sovjet Juri Gagarin; und als die Amerikaner acht Jahre später den ersten Fuß auf den Mond setzen, Apollo 11 – der Sonnenwagen. Wir hatten bewiesen, dass wir nicht nur unseren Planeten verlassen und messbare Signale zurücksenden, sondern auch extraterrestrisch landen und wieder zurückkehren konnten. Wir hatten das Tor zum Weltall aufgestoßen und durchschritten. Das war geplante Überwältigung.

Nach zwei Minuten des kollektiven Schweigens blickten wir uns an und ich fragte in den Raum, ob wir dasselbe sehen. Der Riss in IGO-1 war nicht wirklich ein Riss. Was wir erblickten, sah eher wie ein Schnitt aus. Kein chirurgisch-präziser, vielmehr ein grober Schnitt, der das Objekt zwar nicht zerteilen konnte, es aber gewollt hatte, so als wäre man beim Schneiden abgerutscht. Dennoch gab es keine freischwebenden Trümmer. Nichts dergleichen. Alles war steril. Die beiden Innenseiten waren anders als wir dachten geglättet, matt, im Gegensatz zur spiegelglatten Oberfläche der Außenhülle. In der Mitte der jeweiligen Innenseiten von IGO-1 erfassten die Pecker-Linsen einen eingelassenen Zylinder, dessen grob geschätzter Durchmesser etwa 100 Kilometer betrug. Ich dachte erneut an das Prinzip des O’Neill-Zylinders.

IGO-1 – so schien es – war hohl. Der Mantel drum herum war pechschwarz. Die gesamte Außenhülle des Objektes stellte eine weitere, sehr dünne Schicht dar. IGO-1 war also nach dem Zwiebelschalensystem aufgebaut: eine dünne Außenschale, eine weitere aber dickere Innenschale und ein Hohlkern, der sich vermutlich durch das gesamte Objekt erstreckte. Pecker schwebte zwischen den beiden Objektteilen und streamte die Aufnahmen. Unser Blick richtete sich zunächst auf die Öffnung des vorderen Objektteils. Irgendetwas verschleierte jedoch den Blick in den Zylinder wie eine straff gespannte, dünne Membran , welche die gigantische Öffnung wie die Blutgerinnung einer frischen Wunde verschloss. Diese Membran war weder organisch, noch biochemisch. Sie war technologischer Natur und zu einem Teil transparent. Damit stand zumindest fest, dass IGO-1 kein eigener Organismus war – eine Befürchtung, die mich in der letzten Nacht wach hielt und die ich nicht zu formulieren wagte – sondern ein Transportobjekt, ein Raumschiff. Dass es keinerlei Reaktion auf unsere Sonde zeigte, versetzte uns in weitere Anspannung, obwohl ein Teil von uns auch Erleichterung empfand. Die Pecker war dazu konstruiert worden, mit den Menschen zu kommunizieren und zu zeigen, was sie sieht und misst. Abgesehen von unserer bloßen Anwesenheit konnten wir uns also nicht verständlich machen. Was angesichts der Kommunikationsbarriere auch besser war. Es gab nicht mal die Möglichkeit, visuelle Signale über die Pecker zu senden.

– »Was ist das da?«, fragte jemand und zeigte auf einen der zehn Display-Quadranten.

– »Was? Wo?«

– »Kamera 5 der Pecker. Warten Sie, ich zoome es heran.«

– »Bestätige. Ich sehe es auch.«

– »Es sieht aus wie eine Öffnung.«

Tatsächlich schien die Membran in ihrer Mitte ein Loch zu haben, das von einem grau schimmernden Lichtkreis umschlossen wurde. Das ließ darauf schließen, dass IGO-1 noch über einen unbekannten Anteil ihrer Energie verfügen musste.

– »Ist das ein Loch? Das ist ein Loch!«

– »Können Sie Pecker näher heran steuern?«

– »Verstanden. Pecker nähert sich der Koordinate.«

– »Die Daten werden für diese Koordinate angezeigt. Sehr seltsam. Sie prallen wie an der Außenhülle ab. Aber es scheint ein leicht gekrümmter Tunnel zu sein, der in diesen Zylinder –«

– »Einen Moment«, unterbrach ich und machte eine Geste mit meiner Hand, die allen das Sprechen vorerst untersagte. Eine Minute verging.

– »Ich bestätige. Es handelt sich um etwas Tunnelförmiges, etwa 50 Meter im Durchmesser mit einer weiteren Öffnung zum Inneren.«

– »Ein Ein- und Ausgang…«

– »Wie tief ist der Tunnel durch diese Membran?«

– »Etwa 700 Meter.«

– »Mein Gott…«

– »Was schlagen Sie vor?«

– »Könnten wir die Pecker durch diesen Tunnel ins Innere steuern?«

– »Die Sonde misst sieben Meter im Maximaldurchmesser. Sofern der Tunnel frei von Hindernissen ist, dürfte das mit minimaler Geschwindigkeit und manueller Steuerung möglich sein. Die Sensorik funktioniert scheinbar störungsfrei. Ob das innerhalb des Tunnels genauso ist, kann ich zwar nicht garantieren, aber sofern die Übertragung der Kameras ohne Verzögerungen und Störungen abläuft, können wir notfalls auch auf die Sensorik verzichten und die Sonde auf Sicht fliegen.«

– »Keine sichtbaren Hindernisse beobachtbar. Die Tunnelkrümmung stellt ebenfalls keine Herausforderung für die manuelle Steuerung dar.«

– »Die Koordinaten der äußeren Öffnung sind berechnet.«

– »In Ordnung. Richten Sie die Sonde aus.«

– »Sonde ist ausgerichtet. Geschwindigkeitsreduzierung wird auf die Sensorik übertragen.«

Die Sonde näherte sich weiter der Membranöffnung an. Ich hatte den Eindruck, als sei dieser Zylinderverschluss eine Havarie-Maßnahme gewesen, nachdem IGO-1 Schaden nahm und das Innere des Zylinders vor dem Vakuum und der kosmischen Strahlung geschützt werden musste. Die Messinstrumente unserer Sonde waren nach wie vor nicht in der Lage, die sonderbare Zusammensetzung dieser möglichen Schutzmembran zu ermitteln, abgesehen davon, dass sie synthetisch aufgebaut war. Was sich auch dahinter verbarg, es war geschützt. Was diesen offenen Tunnelausgang weitestgehend unlogisch machte, da er eine direkte Verbindung zwischen dem Zylinder im Inneren und dem Vakuum im Äußeren darstellte. Wenn es denn keine Havarie-Maßnahme gewesen war, dann muss sie schon immer an dieser Stelle gewesen sein. Aber dass der – nun ja – Schnitt oder was auch immer durch IGO-1 zufällig genau längs dieser Membran erfolgt sein sollte, war äußerst unwahrscheinlich. Bei einer Länge von über 1.000 Kilometern im korrekten Winkel zu treffen? Unvorstellbar.