Der kosmische Schwarm – Kapitel 3

Science Fiction

»Der kosmische Schwarm« ist eine Science-Fiction-Erzählung über den Erstkontakt der Menschheit mit einer technologisch hochentwickelten, außerirdischen Spezies. Inhaltsangabe und Kapitelübersicht befinden sich hier.

Egal wie seltsam das klingen mochte, ich musste es formulieren. Je länger dieser Gedanke in mir reifte, desto größer wurdedas Risiko, dass ich ihn selbst nicht mehr ernst genug nehmen konnte. Ich brauchte Kontrolle.

– »Wir haben es hier möglicherweise mit einer Typ-II-Zivilisation zu tun.«
– »Können Sie mir das erklären?«
– »Sehen Sie, Mitte des 20. Jahrhunderts entstand eine Kategorisierung der Entwicklungsstufen extraterrestrischer Zivilisationen nach deren Energiegebrauch: Die Kardaschow-Skala mit drei Kategorien, drei Typen. Diese Skala wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts als gedankliches Experiment wieder verworfen.«
– »Weshalb?«
– »Man konnte die Skala nicht zielführend für die Klassifizierung von extraterrestrischen Zivilisationen anwenden, da wir Menschen etwas Fortschrittlicheres wie dieses Objekt hier möglicherweise nicht verstehen können. Das betrifft sowohl deren Technologien, als auch deren Verhalten und Kommunikation.«
– »Jede Kategorie dieser Skala beschreibt demnach eine Zivilisationsstufe, ist das korrekt?«
– »Das ist korrekt. Im Bezug auf den jeweiligen Energiegebrauch.«
– »Welche Zivilisationsstufe hat die Menschheit nach diesem Modell?«
– »Nach allem, was ich darüber weiß, haben wir Menschen noch nicht einmal die erste Stufe erreicht.«
– »Wenn man dieses Modell rein theoretisch auf unsere Situation blaupaust, was würde das grob gesagt bedeuten?«
– »Rein theoretisch würde es bedeuten, dass diese vor uns liegende Typ-II-Zivilisation – sofern es eine ist – nun, diese Zivilisation wäre bezogen auf den Energiegebrauch vergleichbar mit etwa zehn Milliarden Typ-I-Zivilisationen.«
– »Das Ding wäre uns Menschen im Bezug auf Energie also zehn Milliarden Mal überlegen?«
– »Theoretisch. Und sehr vereinfacht ausgedrückt. Sofern wir als Menschen die erste Stufe bereits erreicht hätten, was wir trotz der exponentiell wachsenden Fortschritte in Forschung, Energie und Technologie seit Beginn der Raumfahrt jedoch noch nicht geschafft haben. Zumindest nicht nach diesem Modell.«
– »Was heißt das konkret?«
– »Eine Typ-II-Zivilisation könnte in der Lage sein, die Gesamtleistung ihres Zentralsterns zu nutzen. Wir Menschen beherrschen noch nicht einmal die gesamte, energetische Leistung unseres eigenen Planeten. Wir müssen zunächst mehr wissen, um überhaupt einzugrenzen, wovon wir hier sprechen.«

– »Wie kann man sich die Leistungsnutzung eines Sterns an einem Beispiel vorstellen?«
– »Zum Beispiel die Konstruktion einer Sphäre, die einen Stern entweder vollständig oder durch einen Schwarm aus Einzelobjekten umschließt. Mit dem Zweck dessen Energie zu absorbieren oder abzulenken.«
– »Also wie eine Dyson-Sphäre?«
– »Exakt.«
– »Könnte man eine derartige Sphäre dazu verwenden, intergalaktische Objekte wie dieses Objekt hier zu beschleunigen?«
– »Möglich sind auch Dinge, die wir uns nicht vorstellen können.«
– »Es wäre aber theoretisch denkbar, dass man ein derartig großes Objekt auf Überlichtgeschwindigkeit beschleunigen könnte?«
– »Es wäre denkbar. Zum Beispiel mit einer mehrstufigen Gaußkanone oder einem vergleichbaren, elektromagnetischen Massenbeschleuniger? Wie es allerdings aus einem anderen Sternensystem gezielt hierher gefunden hat, kann ich mir bei bestem Willen nicht erklären. Ich bezweifle, dass das ein Zufall ist.«

Ich hatte mich während der Diskussion unbemerkt erhoben und hörte nun aus einigen Metern Entfernung weiter zu. Ich schloss meine Augen. In weniger als 24 Stunden sollte die Pecker-Sonde den Riss an IGO-1 erreicht haben. So sehr ich mich auch gegen die Spekulationen während der Diskussion aussprach, es war mir kaum möglich, nicht daran zu glauben. Zumindest mit einem wissenschaftlichen Maß an Aufmerksamkeit. Nach Ende der Sitzung beschloss ich trotz geistiger Erschöpfung das UN-Raumfahrt-Archiv aufzusuchen, um Variablen der gesammelten Überlegungen zu spezifizieren.

– »Sie wussten, dass dieser Tag irgendwann kommen musste. Das er nicht unwahrscheinlich war. Wir haben schon immer in die Sterne geblickt und uns Fragen gestellt. Noch bevor die Sovjets den ersten Satelliten Sputnik in den Orbit brachten, haben wir über Außerirdische nachgedacht. Der Schriftsteller Wells hatte bereits Ende des 19. Jahrhunderts – also 60 Jahre vor dem Sputnik – fiktiv über einen Erstkontakt sinniert.«
– »Wie ging seine Geschichte aus?«
– »Nun, ich möchte Ihnen nicht das Ende verraten, aber die Absichten der Marsianer waren in dieser Erzählung nicht unbedingt im Interesse der Menschheit.«
– »Sind Sie sicher, dass es sich bei diesem Objekt um eine zivilisatorische Errungenschaft handelt?«
– »Wir können es nicht noch nicht erklären und daher auch nicht ausschließen. Sehen Sie, unsere Natur und unsere Entwicklung als Mensch hat uns bis hierhin gebracht. Wir sind Teil des Universums. Wir waren nie allein. Und die Menschen haben diesen Gedanken mit dem Fortschritt kultiviert. Warum haben wir nach den Sternen gegriffen?«
– »Weil wir es konnten.«
– »Sicherlich. Aber auch, weil wir es mussten.«
– »Haben Sie keine Angst vor dem, was da vor uns liegt?«
– »Nein.«
– »Warum nicht?«
– »Weil die Gegenwart auch ohne den Blick in die Zukunft exisitiert.«
– »Das tröstet mich nicht.«
– »Das ist auch kein Trost. Es ist, was es ist.«
– »Ich habe nicht das Gefühl, dass ich zur Ruhe finden kann, bevor unsere Sonde die Bruchstelle dieses Objektes erreicht hat.«

– »Lassen Sie mich Ihnen noch eine kleine Anekdote erzählen, während ich Sie zu Ihrem Quartier begleite: Auf dem Weg zum Mittagessen fragte der italienische Kernphysiker Enrico Fermi während einer Diskussion mit Kollegen, warum es so still im Weltraum ist. Wo denn alle seien? Warum konnte man nie Raumschiffe oder Technologien anderer Weltraum-Zivilisationen beobachten? Er sprach mit Kollegen über angebliche Sichtungen von unbekannten Flugobjekten und über einen Alien-Cartoon, der damals im US-Magazin The New Yorker erschienen war. Fermi ging davon aus, dass es technisch hochentwickelte, außerirdische Zivilisationen über Millionen von Jahren geschafft haben müssen, ganze Galaxien zu kolonialisieren. Dass die Menschheit bis heute noch keine Spuren derartiger Zivilisationen gefunden hat, müsse daran liegen, dass ihre Annahmen und Beobachtungen falsch seien, das Fermi-Paradoxon.«
– »Das ist in der Tat paradox.«
– »Als ehemalige Leiterin des SETI-Programms habe ich mich ausschließlich mit der Frage beschäftigen müssen, ob wir alleine sind. Wir alle wissen instinktiv, dass wir es nicht sein können, aber wir haben keinen Beweis dafür. Das ist auch ein philosophisches Problem.«
– »Es klingt aber auch nach einem religiösen.«
– »Bei weitem nicht.«
– »Wieso?«
– »Haben Sie schon einmal etwas von der sogenannten Drake-Gleichung gehört?«
– »Gehört schon, aber ich kenne ihren Inhalt nicht.«
– »Ihr Zweck ist die Abschätzung, wie viele technologisch hoch entwickelte Zivilisationen in unserer eigenen Galaxie existieren könnten. Zumindest Leben, das wie unseres auf Schwefel und Kohlenstoff basiert. Die meisten Faktoren dieser Gleichung sind uns bis heute völlig unbekannt.«
– »Wie viele Zivilisationen dieser Art könnten es denn sein?«
– »Das kommt darauf an, ob man es konservativ oder enthusiastisch sehen möchte. Ein bekannter Exobiologe aus dem 20. Jahrhundert schätzte, dass ungefähr zehn Zivilisationen in der Milchstraße existieren, die technologisch so hoch entwickelt sind, dass sie Signale empfangen und senden können.«
– »Wieso sollte die Frage nach intelligentem Leben außerhalb unseres Sonnensystems dann ein philosophisches Problem sein?«
– »Weil das Wissen über die Existenz anderer Zivilisationen nur das Eine ist. Das Andere ist die daraus folgende Möglichkeit, mit ihnen in Kontakt zu treten. Und zu akzeptieren, dass es nicht nach unseren Vorstellungen sein muss. Wenn eine Vorstellung real geworden ist, dann gibt es neue Möglichkeiten, weiter zu verfahren. Alles spricht dafür, dass eine unserer tiefsten Vorstellungen vom Universum wahr geworden ist. Bevor wir Fragen formulieren, müssen wir mit unseren Mitteln alles tun, um eine Brücke von unserem Wissen zu unseren Vorstellungen zu bauen. Dieser Moment ist nun gekommen.«