Der kosmische Schwarm – Kapitel 2

Science Fiction

»Der kosmische Schwarm« ist eine Science-Fiction-Erzählung über den Erstkontakt der Menschheit mit einer technologisch hochentwickelten, außerirdischen Spezies. Inhaltsangabe und Kapitelübersicht befinden sich hier.

Die erste Maßnahme der Vereinten Nationen war die Zusammenstellung eines Gremiums, das sich gesondert vom Untersuchungsausschuss mit dem Objekt beschäftigen sollte. Man hatte es im Raumfahrtarchiv mittlerweile als IGO-1 (Intergalaktisches Objekt) eingetragen. Der Leiter der UN-Raumfahrtbehörde plädierte für eine breit gefächerte, interdisziplinäre Zusammensetzung des Sondergremiums. Innerhalb weniger Stunden wurde ein Konzept erarbeitet und ratifiziert, das neben den bisherigen Erkenntnissen auch die potentiellen Untersuchungsmissionen für IGO-1 abbildete. Als die einzelnen Arbeitsprofile und Expertisen für das Gremium daraus abgeleitet wurden, standen die potentiellen Kandidaten innerhalb der UN namentlich fest und wurden einzeln konsultiert. Ich sollte die Leitung übernehmen. Nicht einmal 24 Stunden später stellte der Untersuchungsausschuss sein IGO-1-Konzept dem versammelten Sondergremium detailliert vor, um die ersten Diskussionsgrundlagen untereinander zu schaffen, das weitere Vorgehen abzustimmen und sich auf gemeinsame Herangehensweisen zu einigen. Das Sondergremium nahm seine Arbeit auf.

Die Raumfahrtbehörde hatte nach dem stufenweisen Aufbau und Inbetriebnahme der planetaren Raumstationen ihren Fokus auf unbemannte Missionen mit Sonden vertieft, um erreichbare Himmelskörper näher untersuchen zu können. Die einzelnen Raumstationen wurden im Zuge eines breitgefächerten Sondenprogramms mit verschiedenen Arten ausgestattet. Eine davon war die Pecker-Sonde. Sie schien für eine Untersuchung von IGO-1 am besten geeignet, denn sie war umfassend mit den modernsten Messinstrumenten, feinster Sensorik und Kameras ausgestattet und bot in ihrer neusten Generation auch Transportmöglichkeiten für insgesamt drei Androiden oder Menschen. Im Kern war die Pecker die erste Generation Raumschiff, das mit einem eigenen Antriebssystem ausgestattet von den jeweiligen, bemannten Raumstationen aus starten konnte, automatisiert oder manuell.

Die Raumstation im Orbit des Neptuns war mit zwei Pecker-Sonden ausgerüstet worden, die nach bisheriger Planung Bohrungen auf dem Pluto vornehmen sollten. Eine davon sollte nun IGO-1 an dessen Riss direkt ansteuern. IGO-1 klaffte an dieser Stelle in einem spitzen Winkel von 25 Grad auseinander. In dieser gewaltigen Lücke konnte man sich demnach den inneren Aufbau ansehen, wenn man die Sonde direkt hinein manövrierte. Ihre Steuerungsmöglichkeiten und Justierungen der Fluggeschwindigkeit von Maximalgeschwindigkeit bis zum vollständigen Abbremsen waren optimale Voraussetzungen für einen ersten Blick darauf. Das Sondergremium entschied darüber hinaus, die Sonde mit drei Androiden für einen potentiellen Außeneinsatz zu besetzen. Man konnte von einem Lehrplan-Szenario sprechen. Innerhalb eines Tages sollte die Raumstation auf ihrer Umlaufbahn den kürzesten Abstand zur IGO-1 erreichen, um die Sonde starten zu lassen. Unter meiner Aufsicht und der Konstruktionsleitung wurden die vorbereitenden Maßnahmen getroffen und die Androiden auf der Neptun-Raumstation begannen damit, sämtlichen Außeneinsatzprotokolle zu berechnen.

Der erste Sichtkontakt der Pecker mit IGO-1 sorgte für ein mulmiges Gefühl, das sich erhärtete, als die gesammelten Daten genauer analysiert wurden. Es waren Reflexionen der Pecker-Testsignale, mehr noch: ein Echo, das immer wieder zurück geworfen wurde. Die Abstände zwischen den gespiegelten Signalen waren exakt dieselben. Es stand unumstößlich fest, das IGO-1 äußerlich weder aus Gestein, noch aus anderen Mineralgemengen bestehen konnte. Mithilfe der vorderen Sondenkameras erhielt wir die ersten übertragenen Aufnahmen. Das projektilförmige IGO-1 hatte augenscheinlich ein Vorne und ein Hinten. Es war synthetischen Ursprungs. Aus was es tatsächlich bestand, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht verifizierbar, und die Frage, was es war, wurde zunehmend dringender. War es synthetisch, dann war es konstruiert worden.

Wenn es aus dem intergalaktischen Raum stammte, dann konnte es entweder eine Sonde oder eben ein für den intergalaktischen Raumflug konstruiertes Raumschiff exobiologischen Ursprungs gewesen sein. Letzteres war ein seltsamer, unbehaglicher Gedanke. Aber für eine Sonde war dieses Objekt mit seiner Länge einfach zu groß; immerhin fast die Hälfte des Pluto-Durchmessers. Die Form von IGO-1 erinnerte stark an die ersten hypothetischen Ansätze der menschlichen Weltraumkolonien, vergleichbar mit dem sogenannten O’Neill-Zylinder. Dieser wäre theoretisch so konstruiert worden, dass er einen dauerhaften Lebensraum für Menschen geboten hätte, inklusive einem eigenen Ökosystem im Inneren und einer künstlich erzeugten Gravitation, erzeugt durch Zentrifugalkräfte. In dieser Konzeptskizze wäre zwischen dem Lebenshabitat und der O’Neill-Außenhülle ein dicker Schutzmantel aus Mondgestein gewesen, um Schutz vor der Außenstrahlung zu ermöglichen. Aber die Vorstellungen gingen nie über eine Gesamtlänge von 30 Kilometern hinaus. Millionen von Menschen hätten dort – zumindest auf dem Papier – Platz gefunden. Und der O’Neill-Zylinder war in der Vorstellung ein Werkzeug zur Erschließung des Sonnensystems, ein interplanetares Raumschiff, kein interstellares und schon gar kein intergalaktisches wie es IGO-1 möglicherweise war.

Und derartig Großes hätte man weder von einer Basis im Weltraum aus konstruieren können, noch im Orbit eines Mondes oder eines Planeten. Mit seiner scheinbaren Masse müsste die Konstruktion von IGO-1 auf den Lagrange-Punkten eines Sterns und eines Planeten stattgefunden haben, um antriebslos dessen Gleichgewicht halten zu können und nicht zu kollidieren oder wegzutreiben. Das lag jenseits unserer Konstruktionsfähigkeiten. Die UN-Raumfahrt führte in den vergangenen zwanzig Jahren mehrere Untersuchungen und Experimente durch, wie man ein interstellares Generationsraumschiff für menschliche Kolonien hätte konstruieren können. Der O’Neill-Zylinder spielte dabei aber keine Rolle mehr. Vielmehr wurde eine alte Idee der ehemaligen NASA und SpaceX aufgegriffen: eine sich drehende, ringförmige Raumstation, die auf einer Seite mehrere Antriebsquellen besaß. Aufgrund des hohen Ressourcenbedarfs und der feststeckenden Forschung zu Antriebsformen, die interstellares Reisen überhaupt erst möglich gemacht hätten, blieben die Untersuchungsergebnisse und Experimente jedoch weiterhin das, was auch der O’Neill-Zylinder war: potentielle Zukunftsvisionen. Die Erschließung des Sonnensystems konnte wesentlich schneller und ressourcenschonender über den schrittweisen Aufbau der heutigen Raumstationen bis hin zum Neptun erfolgen. Der nächste und vorerst letzte Schritt wäre der Kuipergürtel gewesen, um einen breitgestreuten Ressourcenabbau zu ermöglichen und um neue Technologien – unter anderem auch neue Antriebsformen – außerhalb der Erde gezielt zu entwickeln und prototypisch einzusetzen. Aber das steckte bis zu diesem Zeitpunkt noch in seinen Kinderschuhen.

Wie kam IGO-1 also in unsere Galaxie und in das Sonnensystem? Nichts ließ auf einen messbaren Energieschild, eine Antriebsquelle schließen, kein Plasma und auch keine Magnetfelder. Die Menschen waren sprachlos, die Vereinten Nationen, das Sondergremium, alle waren schlichtweg sprachlos. Und ich sollte das Sprachrohr dieser Sprachlosigkeit sein.