Nicolai

Der Tod kam so plötzlich, so leise, dass es nichts darüber nachzudenken gab. Da war nichts. Für einen kurzen Augenblick hatte ich das Gefühl von Angst und ich sah, dass auch in Nicolai etwas vor sich ging, das man ein Leben lang hätte studieren können und trotzdem nicht verstehen würde. Egal wie ungeordnet oder chaotisch man als Persönlichkeit war, das spielt kurz vor dem Tod keine Rolle mehr. Höchst merkwürdig.

Ich wünschte, ich wäre vorbereitet gewesen, dann hätte ich es irgendwie erklären oder beschreiben können. Aber ich war es nicht und das ist verständlicher als alles, was man dazu sagen kann, glaube ich.

Hier wo ich jetzt bin, ist es seltsam. Man fühlt sich so schrecklich klar und überwältigt, ziemlich ungewohnt, weil man sich als absurdes Fragment in etwas Existenz- und Zeitlosem eingefügt hat. Wie ein vor langer Zeit verloren gegangenes Puzzleteil, ein Randstück, um genau zu sein, eine Kante. Ja, eine Kante passt ganz gut.

Ich besitze irgendwie noch immer ein Zeitgefühl, als läge es tief in mir, völlig unfähig darin, sich aufzulösen. Ich kann mir vorstellen wie bizarr und verwirrend das alles klingen mag, aber wie ich sagte: Ich bin selbst völlig überwältigt. Ich habe hier am Anfang, nachdem sich die Stille wie eine kalte, weite Wüste ausgebreitet hat, Nicolai gehört. Es klang wie ein Echo, das ewig dauert. Ich konnte einfach nicht verstehen, was er sagte. Ich rief immer wieder seinen Namen, aber es blieb still. So unendlich still. Ich dachte, die Stille hier, ist wie im Leben: Man weiß manchmal einfach gar nicht, was sie einem sagen will, was sie sagen soll. Sie kann einen aufsaugen, kann alles aufsaugen, absorbieren, und taub machen.

So ist das hier auch1.

Und sie hat Nicolai absorbiert und hätte ich etwas gesagt, wäre es mir auch so ergangen. Darüber musste ich ein bisschen und ganz alleine für mich lachen, weil das schon komisch ist: Ich habe mich die meiste Zeit meines Lebens viel zu selten zu Wort gemeldet und nachdem das Leben nun vorbei ist, wird man zum Schweigen verdonnert. Für eine ganze Weile schwieg ich und das hätte mich beinahe verrückt gemacht. Irgendwann hörte ich Nicolai sagen: „Ich verstehe dich.“ Es klang so glasklar und nah, dass ich zusammenfuhr und vor Schreck nur fragend hervorbrachte: „Akustisch oder generell?“ Das tat mir irgendwie leid, dass ich das gesagt habe. Nico musste aber lachen und das beruhigte uns beide2.

Ich sagte: „Nico, ich komme mir hier wie eine unnütze Erinnerung vor ….“

Er schwieg und ich spürte, dass ich ihm damit etwas bewusst machte, was schmerzhaft war. Und da er nichts sagte, sehr lange, merkte auch ich, dass das sehr schmerzhaft war. Vielleicht hätten wir hier weinen sollen, einfach weinen, das hätte etwas ausgesagt, aber wir taten es nicht und das brachte das ganze Tabula-Rasa sehr gut auf den Punkt. Etwas, das wir uns nicht ansehen, vor dem wir auf ewig die Augen verschließen wollten.

Anders als ich kam Nico mit einer Sache sehr gut klar: Er konnte den Augenblick vor dem Tod erklären, wie ich jetzt weiß, und das Gefühl, das ich an der bosnischen Landstraße an ihm beobachtet und als einen Ausdruck der Angst bezeichnet hatte. Das konnte er erklären. Ich war so voller Hoffnung und Ruhe und froh darüber, dass er hier bei mir war. Ganz ehrlich.

Broken Social Scene

Wenn man sich an den scharfen Kanten des Lebens schneidet, in der Sonne das Blut leckt und darüber nachdenkt, dass es schön so ist, dann hat man den richtigen Weg eingeschlagen; blindfuß.

________________Okay

Wir laufen schnell durch ein großes Maisfeld. Die Sonne scheint hell und heiß und ich habe Seitenstechen. Nicolai meint, er könne sein Mojo spüren und ich frage ihn, ob er sich auch wünscht, noch am Leben zu sein. Er schiebt sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht, seine Augen sind leicht zugekniffen und er lächelt. “Damit wir noch etwas Zeit haben?“, fragt er.

Und ich frage ihn: “Dürfen wir das?

Ja, Mann, lass uns die Zeit anhalten, hier, okay?

Okay.

Everything you do is a balloon

Sie stoppten uns auf einer maroden Landstraße in Bosnien. Nicolai lenkte unseren VW-Bus träge und müde durch die Morgendämmerung. Ich musste in Montenegro mit dem Kopf an der Beifahrerscheibe eingeschlafen sein, da war es noch nachts. „Alter“, rief er nervös und rüttelte mich an der Schulter, so dass ich zusammenfuhr. Unsere Windschutzscheibe war beschlagen und schwitze auf das Armaturenbrett. Sie waren zu fünft oder zu sechst und vermummt und sahen im Großen und Ganzen so aus, als würden sie am Ende der Welt patrouillieren. „Alter, was ist das denn? Was soll ich jetzt machen?“, sagte Nicolai und wurde panisch. Nicolai ging vom Gas und der Bus rollte immer langsamer werdend weiter. Noch 30 Meter. Ich sah, wie einer der Typen eine Waffe zog und mir schossen schlagartig ziemlich fremde Gefühle durch den Bauch. „Ach du Scheiße.
Nico und ich sahen uns an, keiner von uns traute sich, etwas zu denken, etwas zu sagen. Wir blieben stehen und dann ging alles eigentlich ziemlich schnell. Sie zerrten uns aus dem Bus und schmissen uns in den Dreck. Sie brüllten etwas, das wir nicht verstanden, vermutlich war es serbisch. Zwei von ihnen kletterten in den Bus und wühlten in unseren Sachen, ich hörte wie das Essbesteck und das Emaille-Geschirr am Straßenrand landete. Dann zogen sie Nicolai hoch und drückten ihn an den Bus und hielten ihm die Waffe ins Gesicht. Er musste den Mund öffnen, damit man ihm die Mündung zwischen die Zähne schieben konnte. Ich hörte wie er weinte und das machte, dass ich auch weinen musste. Dann zogen sie mich hoch und schubsten mich vor den Bus, traten mir ins Gesicht und zerrten mich wieder hoch. Meine Trommelfelle mussten bei den Tritten was abbekommen haben, denn ich hörte nur noch Knacklaute und ein dumpfes Zerrgeräusch. Nicolai musste sich mit dem Rücken zu mir stellen, sodass wir Rücken an Rücken standen. Dann setzte man mir die Pistole an die Stirn und drückte ab. Die Kugel trat aus Nico’s Schädel wieder aus und schlug durch die Frontscheibe in den Bus ein.

Die Nein’s, die Warte-doch’s und die Gib-mir-noch-kurz-Zeit’s

Als du gegangen bist und ich mich nach einer Ewigkeit aus dem Bett erhebe, ist es still in mir geworden. Wie ein Echolot hängt das Knallen der Tür in der Zeit fest. Es ist still in mir geworden. „Sag was dazu, du selbstgerechter Wichser.“ Fleischgewordene Flüstergewalt erstarrt zu einem Augenblick. „An deiner Fassade zerbrechen meine Bemühungen, zerbricht meine Gewissheit, zerberstet die ganze Irritation, die du mich fühlen lässt.“ Ich zähle die Neins, die Warte-dochs und die Gib-mir-noch-kurz-Zeits, die ich in mir festhalte, wie so ziemlich alles, wenn man versucht in meinen Orbit einzudringen. „Deine Schutzmauern beschützen dich nicht, sie sorgen nur dafür, dass du dich alleine fühlst.“ Ich versuche deinen Blicken den Mund zuzuhalten, aber ich warte was passiert. Wie eigentlich immer. Es ist still in mir geworden1.

Und irgendwann gehen sie alle. „Stehst dann alleine in deinen Gemäuern auf dem Gipfel der Welt, wo es nichts gibt, das deine Schreie übertönt. wo dich trotzdem niemand hört, weil es  e i n f a c h  zu weit weg ist. Da wo du das Echo bist und nur der Schall dich versteht.“ Ich wische Gewissheit über schmutzige Straßen, in denen ich betrunken randaliere. „Ich höre dich nicht. Vielleicht hast du nie was gesagt, was wirklich für dich von Bedeutung war.“ Es ist so still in mir geworden. „Oder für mich.“ Auf unserem Echolot kam nie etwas zurück. Vielleicht gab es einfach keine Zeit. Ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht, als echt zu sein, bei dir zu sein, all die Dinge zu sagen, die ich nicht sagen kann. Ich wünschte, ich könnte am Ende meiner abstrakten Gedanken stehen. Die Faust ballen, mich verdammt noch mal zusammenreißen und dir sagen, wer ich bin. Aber es ist still in mir geworden. „Wer bist du?“ Jetzt wo du gegangen bist, fällt es mir wieder ein. In der Stille.

  1. Bild via to01

There is love in you


Auf warmer Haut reisen die Geister, legen ihre langsamen Hände an den Denkapparat und lesen die Unendlichkeit der Vorstellungskraft. Nur ein bisschen weiter noch1.

  1. Danke an nico für die Entdeckung von Four Tet.

Infléchissement

1. Da ist dieser Junge, der halb durchsichtig, halb unsichtbar in der Strömung seiner Melancholie nach Antworten auf dem Grund taucht und jedes Mal mit schwarzen Steinen nach der Brandung wirft, wenn er wieder auftaucht. Neugier reißt Breschen in seine Ängste. Über viele Jahre wurde bei ihm abgeladen, und kein Willen war heiß genug, das alles zu verbrennen.

2. Die ganze Wut, die er oben – am Anfang – fein säuberlich in seinem Gedächtnis ordnete und stapelte, war für seine Begriffe durchgestrichen. Er hatte die Linien gezogen.

Irgendwie finden Menschen immer die Trampelpfade, wo man an die Abkürzung glauben kann und sich nicht verloren fühlen muss. Wir glauben an die Richtung, wir sehnen uns die Radikalität nur ein kleines Stück näher. Da wo man nicht mehr den Kopf neigen muss, um den Herzschlag zu hören. Tauchen nach dem Kling-Klang, immer mit dem Mut und der Luft noch ein Stück tiefer zu tauchen und etwas zu ertasten, zu finden, das man nicht wegwerfen muss.

3. Es ist seine Geschichte, es sind seine Linien, es sind seine Umwege und es ist seine Angst. Seine Geschichte ist auch meine und vielleicht auch deine. Die Wut macht einen durchsichtig, macht, dass man langsam verblasst. Weil man nicht unterscheiden konnte, zwischen durchgestrichen und angeschnitten. Weil man  nicht darauf geachtet hat, dass sich nichts in Luft auflöste, wie man sich wünschte, sondern langsam unmerklich im Herz ausblutete und sich infizierte. Luftanhalten – als könnte es die Zeit irgendwo mit hin zerren, wo sie nicht mehr gültig ist, damit man wieder auftaucht und in den Augenblicken die Geduld mit sich selbst entschuldigen kann. Da, wo ich sagen kann „Es tut mir so Leid“ und trotzdem meine Augen nicht abwenden muss.

4. Da, wo man Richtungen justiert und nicht modifizieren muss, um plastisch und anfassbar zu sein.

5. Wo man mich antasten kann und nicht die Kälte merkt, die wie ein blauer Schleier über der Hitze ruht.

6. Weil: L****.

7. Weil: Ich selbst richtungsweisend bin.

8. Oder die Richtung weise.

9. Und atme.

10. Und ich glauben kann,  dass wir manchmal zu bequem sind, um unbequem zu sein. Wenn wir unten sind und nicht an das herankommen, was wir am liebsten bei Tageslicht begutachten wollen würden. Etwas, das man auch lieben kann, egal wie hässlich es sein mag.

Intermolekular


Die Zeiten, in denen wir uns wortlos verstanden, in denen die Schwerkraft von Gedanken aufgehoben war, alles außer uns zu Boden fiel, wir rücksichtslos aus unseren Quellen getrunken haben, waren wild und intermolekular. Wir waren eins, am anderen Ende der Zeit, wo wir unseren Seelen durch die Gegenwart gefolgt sind und unter freiem Himmel nach Hause blickten.

Du hast gesagt, dass man sich nur fest genug an den Händen halten muss damit es beim Anfang bleibt.

Wie ich hier an unserem Grab stehe und meine Blicke nach unten fassen, den Raum zwischen uns ertasten, das Reziproke unserer Träume verstehen, lasse ich sie los – all die Erinnerungen und Träume, die ohne deinen Herzschlag nur fossil verblassen würden. Ich fange zweimal denselben Satz an, meine Tonlage hält unsere Hände fest und ich friere immer wieder ein, weil ich nicht weiß, was ich mit all den Worten machen soll.

Vielleicht haben wir irgendwann noch mal die Möglichkeit mit der Wahrheit zu spielen. Irgendwo, wo wir nicht eins sein müssen um wieder glücklich zu sein. Einen Ort, an den wir glauben und an dem wir nicht vorsichtig sein müssen, mit uns.

„Ich habe losgelassen. Alles, was ich jetzt gerade fühle, ist, wie unsere Hände auseinandergleiten. Mein Kopf füllt sich mit Beat und den Dingen, die dir folgen müssen. Weil sie mir alleine nicht gehören können.“

Hier ist der Anfang und ich gehe fort.

Luciferin

Ich erfinde eine Erzählerstimme und kleide sie mit einer ordentlichen Garderobe ein. Sie macht einen vernünftigen und vertrauenserweckenden Eindruck und ich erzähle ihr, dass wir nach Sonnenuntergang über einen leuchtenden See aus Strom spazieren werden.

Meine Gedanken kondensieren in der Geduld des Zuhörers und ich stelle fest, dass man eigentlich nie dem zugehört hat, was ich nicht erzählen konnte. Keine Dinge, die ich in mir versteckt gehalten habe, vor anderen, aber vor allem vor mir, sondern Dinge, für die ich keine angemessen Worte gefunden habe. Worte, die in etwa das beschreiben, was mich zu einem Schweigegelübde verdammt hat. Die ganzen Enttäuschungen, die ein- und ausgestiegen sind, wie nicht zahlende Fahrgäste, die mich begleitet haben.

Ich erzähle der Erzählerstimme von der warmen Müdigkeit des Zuhörens, der unglaublichen Lautstärke des Schweigens, der lähmenden Stille bei der Suche nach Worten und der leuchtenden Farbe des angehört Werdens. Meine Schilderungen sinken leise zu Boden und legen einen dünnen Film auf allem, das meinen Schatten verdient hat. Die Erzählerstimme unterbricht mich vorsichtig und fragt, was die Erdmännchen-Armee soll, ob das nicht viel zu absurd sei, erzählt zu werden und ich muss lachen. Ich gratuliere ihr zu dieser Beobachtung und merke an, dass dieses Quent an Aufmerksamkeit und Kritik genau das Maß ist, an dem ich die Gegenwart messen werde.

Wir bahnen uns den Weg durch das Dickicht, dort hinten beim Waldrand, durch einen Schwarm Glühwürmchen; atmen Luciferin und Sauerstoff und die Erzählerstimme spricht von einer Idee, von einem Anfang, die mich erleuchten sollen. Auf dem See kitzelt und knistert es laut unter unseren Füßen. Vielleicht bleiben wir hier noch einen Moment, es gibt mehr zu bestaunen, als ich anfangs dachte.

Da

„Zum Nirgendwo, und bitte keine Umwege“, sprach ich und mir war, als hätte ich das gar nicht gesagt. Der Taxifahrer blickte mich etwas gelangweilt durch seinen Rückspiegel an, nickte und fuhr los. Er trug eine sandfarbige, speckige Lederweste über einem grünen Shirt und eine dunkelblaue Jeans. Ich sah aus dem Autofenster.

Meine Augen folgten den Dingen, die an uns vorbeizogen oder an denen wir vorbeizogen – Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was von beidem.

Von Baum zu Baum sprangen meine Blicke, tasteten kurz schemenhafte, verschwommene Umrisse ab, blieben hier und da an etwas rotem oder etwas blauem hängen und vergaßen. So sehr ich mich auch bemühte, ich blieb flüchtig. Da, meine Wahrheiten; da, meine Lügen; da, meine Erinnerungen; da, wo ich mal war; da, wo ich wünschte, zu sein; da, unendlich viele Augenblicke, in denen ich nicht gedacht habe. Ich schoss wie ein Komet durch den unendlichen Raum, der mir zu klein war und überall zwickte, wie etwas, das einem nicht mehr passte.

Meine Augen sprangen hin und her. Als ich noch ein Kind war, habe ich es geliebt, wenn ich mit dem Zug fuhr. Dieses Springen der Augen stellt sich immer ein, wenn man aus dem Zugfenster schaute und von Mast zu Mast oder Baum zu Baum hüpfte, die an einem vorbeizischten. Manchmal beobachtete ich auch die Augen der Menschen, die mir gegenübersaßen und aus dem Fenster starrten und der vorbeiziehenden Landschaft folgten und ich fragte mich, ob sie wirklich beobachteten oder ob sie auch Fragen hinter sich ließen.

Manchmal ist die Welt zu groß und zu laut um sich nach vorne zu trauen und für sich selbst ein Plädoyer zu halten, das bitter notwendig ist.

Wir verschwinden in den Straßen und meine Hand berührt die Fensterscheibe.

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