Archive for the 'Kollaboration' Category

Hundreds

Hundreds sind mit das beste, was mir musikalisch 2010/2011 in die Hände gefallen ist. Das Neujahrskonzert in Berlin hat mich dann noch mal völlig weggeblasen, nachdem ich schon Monate davor unter Kopfhörern vor meinem Schallplattenspieler fast glücklich verhungert bin.

Mit ihrem gleichnamigen Erstlingswerk Hundreds hat die Hamburger Band wie Balsam einen musikalischen Nerv getroffen, der so lange Zeit weh getan, aber als vermisst gegolten hat. Ein phantomanes Gefühl, in etwa wie der innige Wunsch an einem Ja-Ort ganz knapp unter der Wasseroberfläche zu tauchen und sich trotzdem von der Sonne wärmen zu lassen. Anfang Dezember veröffentlichen Hundreds unter dem Dach des Berliner Musik-Labels Sinnbus eine Adaption ihres Debüt-Albums mit dem Titel Variations.

Ende Oktober erschien bereits das neue Video zu Wait For My Raccoon:

Und weil es immer noch so unglaublich schön ist, das erste Video zu Solace:

Die Musik von Hundreds ist einfach so nah, dass man sich wünscht, auf ewig in dieser Soundkulisse gefangen zu bleiben. Wer das live mal auf sich wirken lassen will, der darf unter so viel Awesomeness nicht den Blick der aktuellen Wintertour verpassen:

Hundreds. Jeder einzelne Buchstabe ist eine Wirklichkeit.

La Belle Jardinière

Bisaz: “D b d u i b h“, 09/2011 (57,5 x 45,7 cm), Dose auf Pressholz.

Die Figur ist ein Zitat aus dem Werk “Erschaffung der Eva oder belle Jardinière“, das der deutsche Surrealist Max Ernst nach mehrjähriger Vorarbeit 1923 in Paris malte. “Die Schöne Gärtnerin” – wie das Werk noch bezeichnet wird – ist eine der bedeutendsten Arbeiten im Œuvre von Ernst gewesen. Sie markiert den Übergang vom Dadaismus zum Surrealismus in seinem Schaffen und hat eine der wohl tragischsten Biographien der Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter dem Nazi-Terror.

1924 wird das Gemälde zum ersten Mal im Pariser Salon des Indépendants ausgestellt. Noch im selben Jahr verkauft Ernst La Belle Jardinière vor seiner Reise in den Fernen Osten an die Galerie von Johanna Ey in Düsseldorf. Daraufhin erscheint 1925 eine Abbildung des Werkes in der surrealistischen Zeitschrift La Révolution Surréaliste. Das Städtische Kunstmuseum Düsseldorf tauscht es um 1929/30 gegen Es lebe die Liebe ou Pays charmant ein. 1937 wird La Belle Jardinière von den Nationalsozialisten aus dem Städtischen Kunstmuseum Düsseldorf entwendet und beschlagnahmt. Im Zuge dieser Beschlagnahmung zeigt man das Bild in München auf der Wanderausstellung Entartete Kunst.

Die Schöne Gärtnerin befindet sich auf Seite 32 des Führers durch diese Ausstellung. Unter dem Motto Beschimpfung des deutschen Weibes wird das Gemälde zum Zwecke der Abschreckung denunziert. Es liegt nahe, dass dieses Gemälde zum festen Inventar der Ausstellung gehörte, da es sich unter den 56 Werken befand, welche in der Hetzschrift der Ausstellung abgebildet waren. Da diese Ausstellung im Juli 1939 endete, kann man eigentlich so gut wie ausschließen, dass Die Schöne Gärtnerin bei der Werkverbrennung durch die Nationalsozialisten am 20. März 1939 im Hof der Hauptfeuerwache in Berlin vernichtet und mit vielen anderen Werken im Feuer des Nazi-Bildersturms zerstört wurde.

Da sich das Werk ebenfalls nicht unter den versteigerten Bildern von Th. Fischer am 30. Juni 1939 in Luzern befand, gilt es seitdem als verschollen. Die Nationalsozialisten beauftragten vier Kunsthändler, die übrig gebliebenen beschlagnahmten Werke im Ausland zu verkaufen. Drei von ihnen (Dr. Hildebrand Gurlitt, Ferdinand Moeller und Bernhard A. Boehmer) sind bereits verstorben und der letzte Überlebende (Karl Buchholz) kann sich nicht daran erinnern, Die Schöne Gärtnerin je in seinem Angebotsinventar gehabt zu haben. Einige halten es für möglich, dass sich das Werk im Besitz eines unbekannten amerikanischen Privatsammlers befindet.

Max Ernst hat den Verlust dieses Werkes nie überwunden und hat La Belle Jardinière 1967 erneut gemalt, als Retour de la Belle Jardinière (Die Rückkehr der Schönen Gärtnerin) für die Neue Nationalgalerie in Berlin. Ernst hat in diesem Sinne nicht nur ein Bild, sondern einen Teil der eigenen Geschichte und Biografie rekonstruiert.

Die Figur balanciert zwischen dem Dies- und Jenseits. Irgendwo im Verschollenen. Das gefällt mir sehr.

Bisaz

(Manhattan, NYC; ein Geschenk von Castor und Pollux und der stromernden Crew)