Archive for the 'Fernheit' Category

Schmu & Dün

Von Erklärungen geträumt. Keine Antworten bekommen. Lost Road. Vielleicht etwas Sonnenlicht dazwischen bringen. Den Schildern folgen. Wortlos. Traurigkeit hinter sich lassen. Schwierige Gedanken subtrahieren. Einfache Rechnungen jetzt. Jemand, der es weiß, sagt: “Dit Leben is eigntlich janz schön, wirste sehn.”

Ich verstehe Formeln, tanze alleine nach Augenmaß. Zwischendurch sanfte Worte. Jemand, der es weiß, sagt: “Du bist ein verwirrter, trauriger, junger Mann. Komm mal her.”

Ich erschaffe Räume, in denen ich suche. Vom Finden hat niemand gesprochen.

Tastende, tanzende Moleküle. Etwas, das bleibt und festgehalten wird.

Mond

Manche Dinge lasse ich unerledigt zurück. / Weil ich nicht weiß, was das soll. / Kater von den vielen Erinnerungen. / Mit einem Schweigen lächle ich tief in mich hinein. / Wir werden in Bewegung sein. / Alles wird sich drehen. / Orientierung am Mond. / Taschenwarm. / Und unerledigt.

Die Albtraum-Akte

Als ich mich aus dem Kofferraum befreit hatte, wurde mir klar, dass mein Leben irgendwie aus den Fugen geraten war“, sagte er. Wir fuhren in seinem weißen 1966er Fiat 124, den er sich vor ein paar Jahren für too much money – wie er sagte – aufmöbeln ließ. Er grinste mich von der Seite an. Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos beleuchteten uns. Seine Augen: weiße Glaskörper mit großen schwarzen Flecken. „Das ist die Neue Sachlichkeit, Mann.“ Er musste das Gespräch innerlich weiter gesponnen haben, sodass ich nicht wusste, was zwischen dieser und seiner vorigen Aussage lag und was er konkret meinte, aber das mit der Neuen Sachlichkeit, das ging schon in Ordnung. Pierre dachte, es sei eine gute Idee, das Gaspedal bis zum Anschlag durchzutreten und so schossen wir durch die Nacht. Denn nachdem wir auf dem Festland angelegt hatten und in seinen Wagen eingestiegen waren, bereitete Pierre mit ausgestreckten Armen seinen Sturz ins Ketamin-Loch vor. Ich fand das sehr zielorientiert. Überhaupt stellte sich während der Fahrt heraus, dass Pierre per se ein zielorientierter Mensch war, dessen Wirklichkeit irgendwann zu Bruch gegangen sein musste.

Alles, was ich weiß, ist, dass ich mein Leben lang nur ein Theoretiker war“, sagte er verkündend und drehte die Musik ein bisschen lauter. In diesem Augenblick kam mir die Zeit der Vergangenheit ein bisschen größer vor. Ein tiefer, inniger Wunsch die Realität zu destabilisieren, schwebte als unausgesprochener Kompromiss zwischen uns umher. Etwas, das nicht möglich war. „Irgendwann begriff ich, dass es so etwas wie eine theoretische Geste nicht gibt“, sprach Pierre durch die Frontscheibe, seine geweiteten Pupillen tasteten gierig die Straße ab, die sich Meter um Meter vor unseren Scheinwerfern nackt machte, „und ich begriff, dass meine Praxis das Destruktive war. Und nun bin ich hier, neu, als ich selbst.“ Hätte er es gekonnt, er wäre rückwärts gelaufen, um die Dinge umzukehren. „Ich habe einfach alles, Mann. Ich könnte alles haben, was ich will. Kannst du dir überhaupt vorstellen, was für verdammte Qual das ist.“ Ich schwieg.

Pierre erzählte mir davon, wie sein Leben danach verlief, wie er genau das Gegenteil zu tun versuchte, um irgendwas zu spüren, das sich nach echter Konsequenz anfühlte. Durch eine echte Laune des Schicksals, gab es nichts, das er verlieren konnte. Grauenhafte Nemesis. Das Glück klebte wie Pech an Pierre. Das Leben, eine endlos lange Zufahrt zum Nirgendwo, mit anderen Regeln, mit anderen Werten, anderen Augenblicken und Roulette nach Plan. „Die Neue Sachlichkeit, Mann“, wiederholte er sich. In der Platte musste irgendwo ein Sprung sein.

Mit einem Ruck zog es mich nach vorne. Pierre hatte vor einem Landhaus voll auf die Bremse getreten und so schlidderten wir über Kies und kamen vor einem Baum zum stehen. „Scheiße, Mann“, entfuhr es mir. „Ich weiß“, zwinkerte er mir verstohlen zu und öffnete die Fahrertür, „alles ist immer so kurz davor, oder?“ Ja, es ist immer alles kurz davor.

Aus dem Landhaus dröhnte laut UNKLE und auf der Terrasse davor standen unzählbar viele Menschen, in einem Meer aus Lachen, Vergnügen und Woanders-Sein. Pierre brüllte „Cheries“ und es dauerte nicht lange und ich hielt den nächsten Drink in meiner Hand. Auf einer Hollywood-Schaukel saß ein Junge, der mit sich selbst Stein-Schere-Papier spielte. Ich beobachtete ihn eine ganze Weile, bis mein Blick unbemerkt im Nichts verschwand. In einem Gespräch, das ich nicht verfolgte, sagte ich, dass es sowas wie eine theoretische Geste nicht gibt. Man stimmte mir verständnisvoll zu. Zeit glitt durch unsere Hände, schnell, drohend und unbegreiflich.

Mein Handy musste fast eine Minute geklingelt haben, bis ich abnahm. Nicolai rief an. „Alter, die Sterne! Hast du dir die Sterne angesehen.“ Ich blickte nach oben und auf einmal traf es mich bis ins Mark: „Ja, Mann. Ich sehe sie.“ Aus irgendeinem Grund schossen mir Tränen in die Augen. Ich schwieg. Ein langes Schweigen, das sich wie eine schützende Glaskuppel über mich stülpte. „Die Sterne lauter Noten. Der Himmel die Partitur. Der Mensch das Instrument.“ Irgendwas in meinem Kopf überlegte flüchtig, rotierte in einer Dauerschleife, wie ein Sprung auf einer Schallplatte. Redundant, verzerrt und unheimlich laut. „Du zitierst Christian Morgenstern?“, fragte ich Nico. „Wo bist du, Mann?“, fragte er mich lachend.

Ich wusste es nicht. Ich hatte überhaupt keine Antworten mehr in mir.

Das Richtig-Projekt

Der Swag ist weg. Meine Schläfe drückt sich an kaltes Glas, Landschaft zieht an meinem Gesicht vorbei, der Fahrkartenkontrolleur kontrolliert Fahrkarten und mir ist klar, dass ich etwas Destruktives tun muss. Irgendetwas, das nicht richtig ist. Nicht für mich, nicht für andere. Da, in meinem Richtig-Projekt, wo alles wieder an seinem Platz steht, Ruhe herrscht und ich mich begradigt habe. Dass zu verstehen, bedeutet, destruktiv zu sein. Denn ohne Destruktivität gibt es Regeln, Reparatur, Intervention. Es gibt vielleicht Voraussetzungen, Erklär- und/oder Verstehbares und es gibt Worte dafür. Etwas, das einen Rahmen hat, ein Muster, und berechenbar ist. Ich sage: Oh. Und ich habe es seufzend gemeint.

Ich muss diese Situation in mir irgendwo hinschaffen, wo man mich nach nichts fragt; wo mein Handeln im Verborgenen bleibt. Denn mir ist es unangenehm, dass da gerade eine Phase in mir ausbricht, in der meine Gefühle mich kalt lassen. Ich simuliere mich in einem Versteck, deswegen reiße ich aus und widme diese zarte, fragile Zeitspanne etwas Destruktivem. Vielleicht finde ich etwas Spürbares, das in meiner fehlerlosen Gegenwart ungreifbar geworden ist. Denn: Alles geschieht vor sich hin und mir fällt wieder ein, dass Skepsis angebracht ist.

Diese ständige Suche nach Extremen. Sie wirkt ziellos, egoistisch, unberechenbar und flüchtig. Ich weiß nicht so recht, was man mir vorwerfen kann. Von außen vermutlich eine ganze Menge. Innen ist da nicht viel: Kollidierte Panik davor, dass mich so wenig Dinge finden, die mir intensiv genug sind, um stehen zu bleiben. Stehen zu bleiben und dabei nicht zu warten.

Und so lasse ich mich ficken, mich zerkratzen, mich schlagen, grün und blau beißen und mir die Luft abschnüren. Ein kurzes Uns. Am Maximalpunkt lässt man mich dann los, gerade so bekomme ich noch Luft, sauge gierig alles in mich ein und lasse gleichzeitig alles raus.

Danach ist da etwas Friedliches. Obwohl ich Fehler mache, wird mir genau an diesem kurzen Punkt klar, was mir manchmal so sehr fehlt. Und wenn sich mein Atem langsam wieder beruhigt, verlangsamt sich auch mein Herzschlag.

Es ist so merkwürdig. Vieles ist leerer geworden. Als hätte mich etwas gerammt oder auf mein Gravitationsfeld eingewirkt. Irgendwas, das den Takt, den Rhythmus um eine Frequenz nach links verschoben hat. Für diesen kurzen Augenblick hat es mich voll umgehauen. Davon zehre ich. Ich habe alles versteckt.

Abends sind da wieder Gefühle. Gute Gefühle. Und ich denke nicht mehr so oft an die Momente, in denen mir die Luft abgeschnürt werden muss, damit ich atmen kann. Dann wenn ich nicht zerrissen bin. Und verschwunden.

Fix yourself

Durch Null geteilt werden und danach keine Gewissheit mehr. Harte Mathematik kollidiert in meiner Wüste. Die Druckwelle walzt alles nieder, alles platt, bis ich nur noch Oberfläche erkennen kann. Scheiße, ich bin ein Blender.“ – unbekannt

Wir landen in diesem ziemlich versifften Schuppen. Über dem Eingang leuchtet ein drei Meter hohes H glutrot. Uns ist klar, dass das hier nur ein Fluchtort ist, ein Versteck vor der Einsamkeit. Nur ein paar Meter weiter liegt ein Typ in seinem Erbrochenen auf dem Gehweg. Alles wirkt arrangiert.

Mir gelingt es nicht, mich von all dem hier abzugrenzen. So bizarr, grotesk und fern das hier auch wirken mag, ganz in meinem Inneren gehöre ich hier gerade hin. Scham. Neben den Türstehern, die reichlich voll sind, hängt auf Kopfhöhe an der Wand ein Schild: Keine Druckbetankung. Jemand war so ehrlich und hat das Keine zerkratzt. Was für ein beschissener Ort, um zu sein.

Ich werde abgetastet, bin zugedröhnt, unauffällig, abwesend, versuche mich noch mal abzugrenzen, scheitere daran.

Es ist wie mit dem Schreiben oder dem Leben: Ich denke nicht an den Schluss, eigentlich ist nichts durchdacht. Alles ist wunderbar unkontrolliert und auf seine Weise ein warmes Muster, das sich irgendwie zufällig zu einer ganz komischen Normalität zusammenfügt. Ein ganz dadaistisches Bild, irgendetwas, das man aus Versehen durch Null dividiert hat und dann eine nicht näher definierbare Form annimmt. Ich philosophiere mich so durch, im Verborgenen. Eigentlich ist kein einziger Ton zu hören.

Es ist auch drinnen ziemlich versifft. Alles ist versifft. Auch der DJ, der brav seinen hipsteresken Elektro spielt, wenig experimentell, aber mit scharfen Kanten, damit die Form unbemerkt über den Inhalt siegt. Die Drinks sind auch versifft, die Beleuchtung ist versifft, die Leute auch. Scheiße, manchmal sind Leute einfach versifft und das merkt man erst, wenn man darüber näher nachdenkt oder länger genug hinsieht. Die Unterschiede zwischen diesen Fähigkeiten sind abhanden gekommen, stehen gelassen worden.

Wir haben Drinks in der Hand, der versiffte Barkeeper hat sogar verschissene schwarze, lange Strohhalme rein geschraubt. Nicolai schließt bei einem Dubstep-Remix von James Blake die Augen und ich denke Scheiße. Er macht zehn Minuten lang mit seinem Unterkörper Robodance, schwingt mit dem Oberkörper wie ein Pendel im Takt und drückt Whisky-Cola an seine Brust. Auf der Tanzfläche wird gebounct und oben an einem Balkon, der diesen versifften Raum flankiert und ausleuchtet, steht ein Fettwanst und versucht die Menge mit Pfeifen und auffordernden Handbewegungen zu animieren. Es ist so awkward, das jetzt auf der Stelle die Welt platzen müsste wie eine Seifenblase, eine glutrote Seifenblase irgendwo im Nirgendwo der Druckbetankung.
Nicolai hält den Takt, es wird gegrölt und ich weiß die ganze Zeit nicht warum. Hinter ihm sitzt ein Afrikaner auf einer Fensterbank, angelehnt an die beschlagene Fensterscheibe. Die Laternen funkeln warm und orange hinter kondensiertem Schweiß. Diese Fensterscheibe, nur eine hauchdünne Membran, die zwei Welten trennt. Die eine real, die andere noch realer, weil sich gerade hier, auf der wärmeren Seite der Membran, tanzende Menschen in die Augen blicken, balzen und nicht wissen, ob das, was man sich von der Nacht versprochen hat auch wirklich das ist, das irgendwie alles rechtfertigt: Die V-Ausschnitte, die bei den Typen tiefer sind als bei den Frauen, die schwitzfeste Schminke, die Goldkettchen und der misshandelte James Blake. Es ist so viel mehr Realität hier, als die Welt zu produzieren vermag. Ein einsames Bekenntnis hinter verschlossenen Lippen. Verschleierte Schönheit. Und so sehr ich das mit meiner Arroganz auch abstreiten will, ich fühle mich an diesem Ort irgendwie authentischer als sonst.

Der Afrikaner wischt sich mit seinem Unterarm den Schweiß von der Stirn, beobachtet Nicolais peinliche Performance und blinzelt langsam, verstört, glasig, gelangweilt und erschöpft. Eine ganze Spektralklasse an Eindrücken, die sich auf einmal auf seinem Gesicht zeigt. Ein weiteres arrangiertes Raumstatement, das selbstironisch alles mit einmal erfasst und wiedergibt. Wie er sich fühlen muss, am weißesten Ort des Universums, wo alles ganz flüchtig, dekorativ und hinter großen glutroten H’s im Takt abläuft. Der DJ switcht kompromisslos zu einem elektronifizierten RnB-Stück und die verschwitzte Menge grölt erneut auf, wie ein Hochleistungsofen, den man befeuert hat. Typen prosten sich glücklich zu, umarmen sich zu fünft oder sechst auf ihren kleinen, intimen Freundschaftsinseln und tanzen eigentlich so wie vorher zu James Blake, nur schneller und mit mehr Armeinsatz. An der Bar befingert ein Typ mit besagtem, hartem V-Ausschnitt ein Mädchen im Schritt, das schon halb im Koma liegt. Es ist einfach so grundehrlich hier.

Der Afrikaner schaut umher und trifft meinen Blick. Zwischen uns moonwalkt Nicolai umher. Es ist weird.

Papa

Es war ein Dienstag, es war Spätabend, ziemlich warm für eine Aprilnacht. Es roch nach Asphalt und hörte sich wie Stadtklänge an. So ein metallisches Rauschen vorbeiirrender Autos, die mit ihren roten Bremsleuchten wie kleine rote Blutkörperchen durch die beleuchteten Arterien dieser Stadt schossen.

Hinter einem großen, sperrigen Kunstwerk aus Metall hielt ich mich an verrosteten Flächen fest, versuchte die Verkrampfung in meiner Brust unter Kontrolle zu bringen und blickte auf meine Turnschuhe, die ich vollgekotzt hatte. Die Anstrengung hatte mir Tränen in die Augen gedrückt und meine Nase verschlossen.

Guck dir die Sau an“, polterte es seitlich in meine Ohren, „voll assi“, und ich hörte Gelächter und das Zusammenknallen zweier Bierflaschen.

Mein Kopf schmerzte von der Anstrengung, und als ich den drei Typen, die meine Hülle kommentierten, hinterher sah, verschwanden meine Blicke irgendwo in der Ferne. Irgendwo, wo es vielleicht ein paar Antworten auf meine Fragen gab, wo ich den ganzen Kummer einfach abstreifen konnte. Ich hatte seit Wochen kaum geschlafen, kaum gegessen. Ich war eine verstopfte Arterie voller Bremslichter und glühte knallrot durch Nacht meiner Zeit. Ich war einfach nicht mehr da.

Der Tod meines Vaters überforderte mich so sehr, dass ich nicht in der Lage war, in Würde zu trauern, nach helfenden Händen zu greifen, nach Auswegen zu suchen. Ich versank so sehr im Selbstmitleid, dass mir die einfachsten Dinge wie schwierige Irrwege vorkamen.

An der nächsten Straßenkreuzung übergab ich mich ein letztes Mal und ich dachte, mein Körper hat diesen ganzen Kummer satt. Ich war einfach, einfach nicht mehr da.

Der Zufall ist klebriger Kitsch1, denn mein Vater starb vor ein paar Jahren ebenfalls in einer Aprilnacht. Ich trug blasse Erinnerungen mit mir umher. Damals.

Mein Telefon klingelte mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf und meine Schwester heulte ganz aufgelöst ins Handy. Dass irgendwas passierte sein musste, fühlte ich schon, als ich aus meinem Traum gerissen wurde und hochschreckte. Irgendetwas nicht Sichtbares schwang mit dem Klingeln mit, etwas endgültig Verändertes; als hätte man einen Stuhl verrückt, ein Kandinsky-Gemälde verkehrt herum auf gehangen oder ein paar Moleküle im Raum heimlich ausgetauscht.

Papa ist… Papa ist gestorben“, brachte meine Schwester unter großer Kraftanstrengung winselnd hervor.

Mir wurde heiß-kalt im Gesicht; ein nicht definierbares Kribbeln entstand im emotionalen Zentrum meines Gehirns und schoss dann mit ungeahnter Geschwindigkeit durch meine Blutbahnen, drückte die roten und weißen Blutkörperchen zur Seite, verdrängte das Plasma wie eine Gewehrkugel, die im Wasser einschlug und schlagartig in einen sinkenden Schwebeflug überging, und machte sich im Körper breit. Selbst in meinen Fingerspitzen kam es an. In meinem Magen sammelte sich dieses Kribbeln dann wie ein großer Haufen Materie, den irgendetwas zusammenhielt.

Papa ist tot“, drang immer wieder in mein Ohr und Schluchzen.

Ich war wie lahm gelegt, konnte nicht mal mehr zuhören und dachte die ganze Zeit an das Kribbeln in meinem Bauch, und woher ich es kannte. In meinem Kopf erschienen Achterbahnfahrten, die ich mit meinem Vater im Freizeitpark Plänterwald machte. Ich sah mich schreiend den großen Looping meistern. Dort in diesem Looping, spürte ich bei meiner ersten Fahrt dieses Kribbeln das allererste Mal. Es war so intensiv, dass es sich sofort und auf ewig in meinem Gedächtnis festsetzen sollte. Ich sah Zuckerwatte und kandierte Äpfel, sah die schmutzigen Fingernägel des Mitarbeiters am Streichelzoo, der Tierfutter in kegelförmigen Papiertüten verkaufte, das irgendwie Ähnlichkeit mit Krümeltee hatte. Jedes Mal, wenn ich mir an heißen Sommertagen Krümeltee mit Zitronen- oder Pfirsichgeschmack machte, dachte ich an dieses Tierfutter und die schmutzigen Fingernägel. Ich wurde älter und älter, aber diese sonderbare Assoziation blieb irgendwie übrig und wuchs mit mir mit.

Papa ist tot“, wiederholte meine Schwester. Ich merkte ihrer Stimme an, wie fassungslos sie war und wie unfair plötzlich alles in ihren Augen auf dieser Welt erscheinen musste.

Dieser Satz donnerte in meinem Ohr, erschütterte das Bild der einfahrenden Achterbahn, und brachte ein neues Bild vor meinen Augen zutage, als hätte man auf einen alten Fernseher geschlagen um das graue Geriesel aus dem Bild zu bekommen, aber stattdessen wechselte nur lautknackend der Kanal.

Papa ist tot.

Wann immer dieses Kribbeln in der Magengegend kam, ich konzentrierte mich vollends darauf, es zu fühlen. Ich konnte nie einen Schritt davon zurücktreten und dieses Gefühl irgendwie erklärbar machen oder ergründen. Ich verpasste immer den Augenblick und wenn ich doch daran dachte, dann war das Zeitfenster bereits geschlossen und die Achterbahn fuhr in die Ein- und Ausstiegsgerade ein.

Papa“, rief ich in solchen Augenblicken immer. Es waren jedoch immer Augenblicke, in denen er mir nicht antworten konnte.

Papa ist tot.

Mir blieb alles im Halse stecken, ich fand keine Worte und schwieg meine Schwester an, die diesen Satz immer wieder apathisch wiederholte. Ich konnte sie förmlich vor mir sehen, wie sie mit ihrem Handy irgendwo zusammengekauert auf einem Stuhl, Hocker oder Sessel saß, die Beine an den Körper gezogen und mit einem Arm umklammert. Rotz und Tränen liefen über ihr mittlerweile völlig aufgedunsenes Gesicht und klebten an ihrem Arm, mit dem sie sich immer wieder durchs Gesicht wischte. Ihre Nasenlöcher waren vollkommen verstopft, so verstopft, dass das viele Hochziehen schon im Ansatz verreckte. Ihre Augen waren zugeschwollen; in ihrem Gesicht zeichneten sich der ganze Kummer, die Trauer und der Schmerz ab, hinterließen tiefe Furchen, die vermutlich bis an ihr Lebensende als kleine Fältchen zurückbleiben würden. Ich sah, wie ihr Kopf wackelte, verneinend, so als würde sie das Geschehene einfach leugnen und so umkehrbar machen; als würde sie das alles nicht so akzeptieren und nach Kompromissen suchen. Dieses latente, unkontrollierte Kopfschütteln, als wäre sie innerhalb von endlos langen Sekunden eine alte senil gewordene Frau geworden, als wäre sie bis tief ins Knochenmark traumatisiert worden, das tat mir weh, sehr weh.

Papa ist tot.

Ich legte auf, zögerte kurz und schmiss das Telefon in einem Anfall von Angst von meinem Bett aus mit aller Kraft durch die Dunkelheit meines Schlafzimmers, durch die Finsternis der Nacht, durch die scheiß unendlichen Weiten des Universums, einfach nur weit, weit weg von mir. Vorbei an allem, das durch meinen Orbit trieb; vorbei an meiner Mutter, die kreidebleich am Totenbett meines Vaters saß, die Hände vor den Mund gefaltet, so als würde sie das Undenkbare, das Unaussprechbare mit der letzten Kraft, die ihr blieb, in sich gefangen halten, auf ewig einkerkern, ihre Augen weit aufgerissen, glasig und ruhend auf dem Gesicht meines toten Vaters; vorbei an meiner Schwester, die nicht mitbekommen hatte, dass ich das Telefonat längst beendet hatte, und die ihren Satz immer weiter aufsagte, vermutlich noch einige Stunden lang, das Tuten in der Leitung ignorierend, sich immer wieder mit zittriger Hand die Fingernägel ins Knie kneifend bis es blutete, bis es weh tat, um die Tür zur Realität noch einen kleinen Spalt offenzuhalten. Es knallte, die Tür krachte ins Schloss und Teile meines Handys, das an der Wand zerschellte, fielen in Zeitlupe zu Boden und verstummten. An der Wand blieb ein dunkler Fleck, ein Abrieb, ein Resultat der Wucht, mit der ich das Handy warf.

Ich ließ mich zurück ins Bett fallen. Mein Herz schlug so laut, dass ich mir die Ohren zuhielt. Das Kribbeln in meinem Magen stieg orgastisch an, ich krampfte kurz.

Papa ist tot“, verhallte es leise an den Wänden, kondensierte am Fenster.

Ich glaube, das war die letzte Nacht, in der ich wirklich schlief. Damals.

  1. Bild via to01

Chemosphere

Was Anaïs Nin in ihrer Literatur erschuf, Natacha Merritt in ihrer Fotografie bewirkte, Gaspar Noé in seinen Filmen inszenierte, brachte Sasha Grey1 in der Pornografie zum Ausdruck: Komplexe, schwierige Ästhetik, deren Tiefe an der Oberfläche nur ganz fragil zum Vorschein kam.

  1. Sasha Grey: Film Portrait von Richard Phillips, gedreht am John Lautner Chemosphere House, das man aus David Lynchs Mullholland Drive kennt

________________Okay

Wir laufen schnell durch ein großes Maisfeld. Die Sonne scheint hell und heiß und ich habe Seitenstechen. Nicolai meint, er könne sein Mojo spüren und ich frage ihn, ob er sich auch wünscht, noch am Leben zu sein. Er schiebt sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht, seine Augen sind leicht zugekniffen und er lächelt. “Damit wir noch etwas Zeit haben?“, fragt er.

Und ich frage ihn: “Dürfen wir das?

Ja, Mann, lass uns die Zeit anhalten, hier, okay?

Okay.

Everything you do is a balloon

Sie stoppten uns auf einer maroden Landstraße in Bosnien. Nicolai lenkte unseren VW-Bus träge und müde durch die Morgendämmerung. Ich musste in Montenegro mit dem Kopf an der Beifahrerscheibe eingeschlafen sein, da war es noch nachts. „Alter“, rief er nervös und rüttelte mich an der Schulter, so dass ich zusammenfuhr. Unsere Windschutzscheibe war beschlagen und schwitze auf das Armaturenbrett. Sie waren zu fünft oder zu sechst und vermummt und sahen im Großen und Ganzen so aus, als würden sie am Ende der Welt patrouillieren. „Alter, was ist das denn? Was soll ich jetzt machen?“, sagte Nicolai und wurde panisch. Nicolai ging vom Gas und der Bus rollte immer langsamer werdend weiter. Noch 30 Meter. Ich sah, wie einer der Typen eine Waffe zog und mir schossen schlagartig ziemlich fremde Gefühle durch den Bauch. „Ach du Scheiße.
Nico und ich sahen uns an, keiner von uns traute sich, etwas zu denken, etwas zu sagen. Wir blieben stehen und dann ging alles eigentlich ziemlich schnell. Sie zerrten uns aus dem Bus und schmissen uns in den Dreck. Sie brüllten etwas, das wir nicht verstanden, vermutlich war es serbisch. Zwei von ihnen kletterten in den Bus und wühlten in unseren Sachen, ich hörte wie das Essbesteck und das Emaille-Geschirr am Straßenrand landete. Dann zogen sie Nicolai hoch und drückten ihn an den Bus und hielten ihm die Waffe ins Gesicht. Er musste den Mund öffnen, damit man ihm die Mündung zwischen die Zähne schieben konnte. Ich hörte wie er weinte und das machte, dass ich auch weinen musste. Dann zogen sie mich hoch und schubsten mich vor den Bus, traten mir ins Gesicht und zerrten mich wieder hoch. Meine Trommelfelle mussten bei den Tritten was abbekommen haben, denn ich hörte nur noch Knacklaute und ein dumpfes Zerrgeräusch. Nicolai musste sich mit dem Rücken zu mir stellen, sodass wir Rücken an Rücken standen. Dann setzte man mir die Pistole an die Stirn und drückte ab. Die Kugel trat aus Nico’s Schädel wieder aus und schlug durch die Frontscheibe in den Bus ein.

Infléchissement

1. Da ist dieser Junge, der halb durchsichtig, halb unsichtbar in der Strömung seiner Melancholie nach Antworten auf dem Grund taucht und jedes Mal mit schwarzen Steinen nach der Brandung wirft, wenn er wieder auftaucht. Neugier reißt Breschen in seine Ängste. Über viele Jahre wurde bei ihm abgeladen, und kein Willen war heiß genug, das alles zu verbrennen.

2. Die ganze Wut, die er oben – am Anfang – fein säuberlich in seinem Gedächtnis ordnete und stapelte, war für seine Begriffe durchgestrichen. Er hatte die Linien gezogen.

Irgendwie finden Menschen immer die Trampelpfade, wo man an die Abkürzung glauben kann und sich nicht verloren fühlen muss. Wir glauben an die Richtung, wir sehnen uns die Radikalität nur ein kleines Stück näher. Da wo man nicht mehr den Kopf neigen muss, um den Herzschlag zu hören. Tauchen nach dem Kling-Klang, immer mit dem Mut und der Luft noch ein Stück tiefer zu tauchen und etwas zu ertasten, zu finden, das man nicht wegwerfen muss.

3. Es ist seine Geschichte, es sind seine Linien, es sind seine Umwege und es ist seine Angst. Seine Geschichte ist auch meine und vielleicht auch deine. Die Wut macht einen durchsichtig, macht, dass man langsam verblasst. Weil man nicht unterscheiden konnte, zwischen durchgestrichen und angeschnitten. Weil man  nicht darauf geachtet hat, dass sich nichts in Luft auflöste, wie man sich wünschte, sondern langsam unmerklich im Herz ausblutete und sich infizierte. Luftanhalten – als könnte es die Zeit irgendwo mit hin zerren, wo sie nicht mehr gültig ist, damit man wieder auftaucht und in den Augenblicken die Geduld mit sich selbst entschuldigen kann. Da, wo ich sagen kann „Es tut mir so Leid“ und trotzdem meine Augen nicht abwenden muss.

4. Da, wo man Richtungen justiert und nicht modifizieren muss, um plastisch und anfassbar zu sein.

5. Wo man mich antasten kann und nicht die Kälte merkt, die wie ein blauer Schleier über der Hitze ruht.

6. Weil: L****.

7. Weil: Ich selbst richtungsweisend bin.

8. Oder die Richtung weise.

9. Und atme.

10. Und ich glauben kann,  dass wir manchmal zu bequem sind, um unbequem zu sein. Wenn wir unten sind und nicht an das herankommen, was wir am liebsten bei Tageslicht begutachten wollen würden. Etwas, das man auch lieben kann, egal wie hässlich es sein mag.

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