Bruno Bosch

Bruno Bosch

Noch eine halbe Stunde bis der Wecker klingelt. Ich liege bereits eine ganze Weile wach und starre hässlich auf mein iPhone. Draußen liegt unberührter Schnee im orangefarbenen Licht der Laternen. Der Berliner Straßenverkehr knirscht schon wie eine rostige Maschine, als hätte er nie etwas anderes getan. Der Neuschnee und die übermüdete Berliner Seele hegen keinerlei Wertschätzung füreinander. Ich setze mich auf und durchbohre mit toten Augen den Dielenboden. Mir ist schlecht. Dennoch überrascht mich der druckvolle Schwall Kotze, den ich mir plötzlich zwischen die Füße brülle. 

Ach du Scheiße, denke ich und versuche mich zu beruhigen. Die Situation überfordert mich. Es ist nicht cool. Und ich kann mich heute nicht vor der Arbeit drücken. Das habe ich mir selbst eingebrockt.

Normalerweise verlasse ich erst um sieben meine Wohnung, damit ich eine Stunde später mit einem Kaffee an meinem Schreibtisch sitze, die erste Zigarette des Tages aus meiner Manteltasche ziehe und vor dem Monitor Nachrichten lese oder durch eine Bilderstrecke scrolle, auf der sich der kleine, dicke Kim Jong-un Dinge ansieht, während sich seine Generäle mit 3000 Orden an der Brust im Hintergrund unterwürfig in die Hände klatschen. So was macht mir Hoffnung. Aber bei diesen Witterungen bin ich im Prinzip jetzt schon zu spät dran. Im Normalfall muss ich jedoch auch keinen ungarischen Fleischeintopf und Magensäure vom Vorabend wegwischen. So was nervt mich.

Die Übelkeit ist noch latent da, aber ich atme durch den Mund, während ich diese erbärmliche Schweinerei entferne. Ich bin mir sicher, dass ich keinen Infekt habe. Unter der Dusche versuche ich es dann mit Wichsen, um diesem Tag noch einen helleren Anstrich zu geben. Aber ich bin zu abgelenkt von dem Gedanken, dass ich danach zurück in mein Schlafzimmer muss, in dem ich die Balkontüren aufgerissen und die eiskalte Januarluft reingelassen habe. Kein sehr Mut machendes Bild, wie ich in einem Bademantel ein schockgefrostetes Zimmer betrete, in dem es nach Kotze stinkt. An einem Montagmorgen, während der Bus vor meinen Fenstern hustende Menschen auf die spiegelglatten Bürgersteige ausspuckt. Ich breche es also ab, spüle meinen Mund unter dem dampfenden Duschkopf und schäme mich für diesen Versuch. Er war gut gemeint.

Der Weg ins Büro gestaltet sich beschissen. Ein Konzert aus dauerhupenden Missgeburten und Passanten, die sich auf dem Weg zum nächsten U-Bahnhof ein paar Mal auf die Fresse legen. Das Radio informiert mich, dass sogar Meteorologen diesen heftigen Wintereinbruch unterschätzt hätten, zählt dann ein paar Auffahrunfälle auf und welche Straßen man lieber meiden sollte. Ich nehme das leidenschaftslos zur Kenntnis. Irgendwann biege ich wie erwartet zu spät auf dem Firmenparkplatz ein. Kollege Immendorf hat sich ein neues, teures Auto gekauft und auf meinem Platz geparkt, obwohl sein eigener direkt neben meinem liegt und leer steht. Er will über seine Neuanschaffung reden, macht es aber auf die für mich demütigende Tour. Ein Spitzentyp, der eines Tages im Rollstuhl sitzt, weil jemand in einer billigen Tittenbar einen Barhocker auf seinem Körper zertrümmert hat.

Ich parke sehr nah an seiner Fahrerseite und beschließe das Gebäude später als Immendorf zu verlassen und mich direkt nach seinem Feierabend in ein anderes Büro zu setzen, damit er mit seinen matschigen Lederschuhen über den Beifahrersitz klettern muss.

Immendorf steht vor meinem Büro und flirtet vergeblich mit meiner Assistentin, auf deren Gesicht ich schon von weitem erkenne, dass sie ihn am liebsten erstechen würde. Auf der letzten Weihnachtsfeier erwischte er am Siedepunkt der Dekadenz ein paar Praktikanten auf seiner Bürocouch beim MDMA-Konsum. Immendorf, der in seinem Leben mit Amphetaminen noch nie etwas am Hut hatte, wollte sich als das große, lässige Alphatier aufspielen. Also setzte er sich dazu, stark angetrunken von drei Gläsern Whiskey-Cola, und ignorierte die Tatsache, dass seine plötzliche Anwesenheit peinliches Betreten und Fremdscham ausgelöst hatte. Während billiger House-Techno über die Büroflure donnerte und die Gesprächsfetzen von amüsierten Kollegen verschluckte, bröselte sich Immendorf ganz weltmännisch die Kristalle in seinen halbvolles Glas, ext es in einem Zug leer und reißt dann beide Arme in die Luft.

„Denkt dran: Nur mit Gummi. Bei dir würde ich aber eine Ausnahme machen“, sagte er schmierig grinsend und blinzelnd zu einer der Praktikantinnen. Zur Klarstellung: Immendorf versucht bei jeder, eine Ausnahme zu machen. Keiner der Anwesenden lachte.

Später versuchte er, meine Assistentin zum Ficken zu überreden, was diese aber angewidert abblitzen ließ. Danach bewegte er sich noch eine Stunde ungelenk auf der fast leer gefegten Tanzfläche vor dem DJ-Pult und versuchte durch rudernde Armbewegungen umstehende Kollegen zum Tanzen zu animieren. Anders als er selbst, hat das meine Assistentin auch einen knappen Monat später nicht vergessen. 

Während Immendorf sie also vor meinem Büro gleichzeitig langweilt und anekelt, erblickt sie mich und Hoffnung blitzt in ihrem müden Gesicht auf. Mich überrascht, wie abstoßend ein Gespräch mit Immendorf aus Sicht einer Frau sein muss, denn ich gehe selber nicht gerade zimperlich mit ihren Gefühlen um. Immendorf bemerkt nun auch, dass ich mich von hinten nähere. Er dreht seinen Körper, zeigt seine frisch gebleachten Zähne und prostet mir mit seiner Kaffeetasse zu, auf der das Unternehmenslogo bedrohlich prangt.

„Moin, Bruno. Wollte gerade herausfinden, ob dein Schneepflug einen Platten oder man dir die Schneeketten geklaut hat“, sagt er und versteckt sein fluoreszierendes Gebiss hinter einem kräftigen Schluck Kaffee.

„Guten Morgen, Paul“, erwidere ich, ohne ihn auch nur einmal anzusehen. Das elektronische Türschloss meines Büros knackt, als ich den Chip vor das Lesegerät halte. Ganz plötzlich überfällt mich wieder diese schockartige Übelkeit von heute morgen. Ich habe keine Lust zu sprechen, aber Immendorf legt mir jovial seine Hand auf die Schulter.

„Wie siehst du überhaupt aus? Hat eine fette Frau auf dir geschlafen?“, fragt er mich und lacht. Kaffee-Lachspucke im Genick und am rechten Ohrläppchen. Ich hasse mein Leben.

„Verpiss dich. Ich habe zu tun“, sage ich knapp.

„Bruno, einen Mann wie mich kann man nicht so leicht abwimmeln. Solltest mittlerweile auch dubegriffen haben.“

Ich blicke in seine Visage und träume mich für wenige Sekunden in ein Paralleluniversum, in dem Paul Immendorf lebenslang im Gefängnis sitzt und zwei- bis dreimal die Woche haarige und hängende Eier gegen sein Kinn klatschen, während ihm Rotze, Erbrochenes und Wichse aus der Nase spritzt. Er hat sich über die vergangene Woche den lauten Witz eines Schnurrbartes wachsen lassen und einen Barbier gezwungen, diesen solange auszurasieren, sodass am Ende nur noch eine sehr schmale Stoppellinie direkt auf der Oberlippe übrig geblieben ist. Er hält sich für Clark Gable.

„Gewöhn dich endlich dran, Bruno.“

Immendorf hat sich seit seiner letzten Beförderung andressiert, den Namen seiner Gesprächspartner inflationär in jedem Satz zu benutzen, der aus seinem Maul kleckert. Er spricht viel und ohne Punkt und Komma, weshalb man ihn auch zum europäischen Leiter des Vertriebs gemacht hat. Weil das seiner Ansicht nach aber behindert klingt, steht Vice President Sales Europeauf seiner Visitenkarte. Er berichtet nun direkt an die Unternehmensleitung und hat einen zweiten Assistenten bekommen, eine dicke Gehaltserhöhung, mehr Prozente für seine monatlichen Boni und unerreichbare Ziele. Eigentlich darf er keine Zeit haben und trotzdem steht er immer noch in meiner Tür und schaut mich an, als würde er etwas von mir erwarten. Blenden ist Gesetz im Sales. Ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, ihn auf sein neues Auto anzusprechen? Hat sich Immendorf diesen Moment genau so vorgestellt? Wird das letzte bisschen Würde, die schwach in ihrer leeren Hülle lodert, jetzt über Bord geworfen? Über die Reling eines Aida-Kreuzfahrtschiffes? Spät am Abend, wenn die Animateure in ihre Kojen gekrochen sind? Wenn der übriggebliebene Brite in seinen frühen Dreißigern auf dem Deck seine letzte Zigarette de Tages vor dem Einschlafen in den Nachthimmel pustet, mit rasselndem Atem, während das Mondlicht auf seiner Halbglatze leuchtet? Findet Immendorf das gut? Denn ich finde das gar nicht gut. Ich habe das absolute Gegenteil eines Ständers. Pure Weichmacherei.

„Paul, wenn du nur nerven willst, dann verpiss dich. Ich habe voll zu tun.“

Er lacht und sieht dabei aus wie ein Spast. Ich setze mich hinter meinen Schreibtisch und er sich auf meine Tischkante. Er stellt seine Tasse ab und starrt meiner Assistentin durch die Tür auf den Arsch.

„Bruno, heute ist das wichtige Meeting, daran will ich dich nicht erinnern, weil es ja wichtig ist und du das weißt, nicht wahr?“, sagt er gedankenverloren und wischt sich den kaffeeklammen Mini-Schnäuzer mit dem Handrücken. Ich antworte ihm nicht.

„Die Typen wollen in drei Wochen dein überarbeitetes Konzept, das ich mit deinem Pendant kurz vor dem Vertragsschluss diskutiert habe. Fleißiges Bienchen, dieser Typ. Schwuchtelstimme, aber fleißig. Wenn wir also nachher das Meeting haben, werde ich unserem Team noch ein paar Infos geben. Du weißt ja, zwei Augenpaare sehen mehr als eins.“

Er dreht sich zu mir und grinst immer noch das Zwei-Euro-Lächeln seines Zwei-Sterne-Lebens. Seine Kopfbewegungen sollen mich auf den Hintern meiner Assistentin aufmerksam machen. Ich fühle mich nicht wohl, denn das letzte, das ich will, ist seine Anwesenheit in diesem Meeting. Meine Assistentin hat seiner wahrscheinlich den Termin verraten, den ich heimlich aufgesetzt habe. Immendorf hat dieses Projekt an Land gezogen. Während er EU-Clowns seine belegte Zunge über zwei Jahre in die Ärsche geschoben hat, habe ich ein Konzept aus ihrer Ausschreibung erarbeiten müssen. Anweisung von oben. Er hat sich während dieser Akquise in die höheren Etagen gehandjobbt. Die Europäische Union plant seit Jahren die Einführung eines umfassenden sozialen Bonitätssystems für ihre Bevölkerung. Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt Minuspunkte und kommt mit diesem transparenten Konto schlechter an Wohnungen, an gute Jobs oder sonstige Privilegien. Die Regeln macht der der entsprechende EU-Staat. Wie das kontrolliert werden soll, ist streng geheim, oder so. Und wer sich an diese Regeln hält, bekommt im Umkehrschluss Pluspunkte auf sein Konto. Die EU hat sich dazu entschlossen, die Entwicklung dieses Systems der deutschen Digital-Wirtschaft zu überlassen. Da kamen mir fast die Tränen. Es gab genug Bewerber, wo man schon seit Äonen zu der Idee der totalen Überwachung onaniert. Ein Teil dieses Überwachungssystems – pardon – des sozialen Bonitätssystems soll durch unser Unternehmen entwickelt werden. Und irgendwie landete das bei Immendorf auf dem Tisch und weil ich den Bereich Digitale Innovationen leite auch auf meinem. Adolf Hitler war etwa in meinem Alter, als er sich im Knast daran machte, Mein Kampfzu verfassen. Und jetzt soll ich an der digitalen Adaption einer verwirrten Demokratie mitschreiben.

„Fette Boni“, brüllte Immendorf, als wir den Zuschlag bekamen. Er brüllte es wirklich. Die Zeit ist gekommen, mir einen Tesla zu kaufen und ihn auf die Parkplätze meiner Kollegen zu parken, dachte er sich.

„Verpiss dich, Immendorf“, sage ich noch mal, „und halte dich heute Nachmittag zurück. Die Programmierer und Projektleiter hassen Sales-Gelaber.“

„Du siehst scheiße aus“, wiederholt er, ohne mich anzusehen, steht von meinem Tisch auf und verlässt mein Büro.

Ich habe noch den halben Tag Zeit, irgendwie klar zu kommen und etwas abzuschütteln, das mich so durcheinander gebracht hat. Als ich meinen Kalender checke, sehe ich, dass meine kleine Schwester Amilia heute Abend zum Essen zu mir in die Wohnung kommen wird und das ist die beste Nachricht seit langem. Reiß dich zusammen, Bruno. Schluck Immendorfs Ladung runter und verkneif dir das Würgen.

Der Tag plätschert tatsächlich vor sich hin. Ich fühle mich zwar immer noch ungewohnt beschissen, aber das Kotzen vom Morgen scheint nur eine spontane Überraschung gewesen zu sein. Die Mittagspause lasse ich aus, da mir Immendorf über den Chat mitteilte, dass er heute unfassbar Bock auf indisches Essen hat. Er hat das mal angeregt, wegen den Programmierern. Die sollen sich heimisch fühlen. Immendorf ist ein mieser Typ.

Das große Meeting läuft erwartungsgemäß. Das Vertriebsgelaber ist mit Ami-Pathos gestrickt. Es wird motivierend gebrüllt. Die meiste Zeit starren alle auf den Boden. Auch die Geschäftsleitung ist da und stimmt in den Tenor ein. Eine Ära der Überstunden wird auf uns alle zurollen. Vorerst ein Umsatzvolumen in Höhe von 87 Millionen Euro. Viele schlagen sich die Taschen voll. Immendorf schnalzt mit der Zunge, als er diese Zahl auf dem digitalen Wanddisplay prangen sieht. In den kommenden Wochen werde ich im Fokus aller stehen. Man wird mir auf die Finger gucken. Ich muss abliefern und dabei gut aussehen. Meine Agenda für das Meeting wurde kurzerhand von Immendorf und der Geschäftsleitung über den Haufen geworfen. Deshalb ist diese Zusammenkunft nichts anderes, als ein rüpelhafter Gangbang in Zeitlupe, eine Bukkake-Party für business men. Nichts Konkretes, aber zwischendurch mal eine zünftige Pullerschelle. Keine Informationen von Wert. Als am Ende alle klatschen, aufstehen und den Raum verlassen, steht Immendorf noch breitbeinig wie Ronaldo beim Freistoß vor dem Wanddisplay, die Hände ganz weltmännisch in den Taschen.

„Eins noch“ ruft er in den Raum. Er dreht sich dabei nicht um, denn er weiß, dass er der Mann der Stunde ist. Alle bleiben stehen und starren ihn an. Ich sitze noch immer am round tableund seufze, weil er eine wirkungsvolle Pause einschiebt.

„Da wir in drei Wochen das überarbeitete Konzept pitchen sollen, habe ich mich dazu entschlossen, diesen Freitag den ersten dry run durchzuführen. Unter meiner Aufsicht. Heißt: Ich erwarte, dass Bruno mir bis Mitte der Woche die Rohfassung vorlegt. Bitte nicht als Mail, sondern ausgedruckt auf meinen Schreibtisch.“

Er dreht sich um und blickt mich an. Einige der Anwesenden, die noch nicht geschaltet haben, dass er eigentlich mit mir spricht, starren mich nun ebenfalls an. Unglücklicherweise ist auch die Unternehmensleitung darunter. Das hat Immendorf natürlich einkalkuliert.

„Bis Mitte der Woche?“, frage ich ruhig. Mein Kiefer könnte Metall zermalmen.

„Beruhig dich, Bruno“, antwortet er, „ich erwarte noch keine Perfektion –„

„Das wird bis Mittwoch noch nicht möglich sein“, unterbreche ich ihn. Mein Tonfall ist monoton.

„Sei nicht hysterisch“, sagt er. Und ein leichtes Grinsen huscht über sein Gesicht. 

„Ich bin nicht hysterisch, Paul. Ich sage nur, dass das bis Mittwoch nicht möglich sein wird. Ich habe auch noch andere Dinge zu tun und brauche dazu auch Input seitens der Projektleitung und der technischen Leitung.“

„Hast du begriffen, dass dieses Projekt Prio Eins ist?“, fragt er in den Raum.

„Ich schlage vor, dass Sie sich gleich dransetzen, Herr Bosch“, sagt nun einer der Geschäftsführer zu mir. Ein kleiner Mann mit Agenturbrille, Happy Socksund Zahnstein.

„Sehe ich auch so, Bruno“, sagt Immendorf.