Erzählungen

Go

Diese Nacht wirkt frostig und herrschsüchtig. Ich liege an der Fähren-Anlegestelle bei Holwerd auf warmen niederländischem Asphalt und warte auf die Ankunft von Sophie, die mit ihrem Auto von Ameland übersetzen will. Letzte Nacht meinte mein guter Freund, ich solle es doch einfach tun. Er war sichtlich bemüht, mir zu erklären, dass ich es generell einfach nur tun sollte, egal was. Ein klares Gesetz, allgemeingültig. Keine Kenntnisse von seinen Vorstellungen zu haben, führt manchmal einfach dazu, eierlos alles unreflektiert liegen zu lassen. Ich hatte nie eigene Gesetze, die ich so verkünden konnte.

Und so wird aus einem Bewusstsein irgendwann ganz schnell ein verwildertes Stück Land, halb verkommen, so an die zehn Hektar groß, und man steht dann mit einer Gärtnerschürze und einem Unkrautstecher davor und verflucht sich selbst. Dann schaut man sich die Scheiße an und denkt sich: »Verfickte Scheiße nochmal.«

Und mit diesem Statement hat man es dann auch eigentlich ganz gut auf den Punkt gebracht, weil man einfach nur mongomäßig mit seiner hässlichen Schürze und dem Unkrautstecher dasteht, nichts bedeutet und einen Berg Arbeit vor sich hat, der schier nicht zu bewältigen zu sein scheint. Viele glauben nicht, dass es sich lohnt, die Bequemlichkeit abzulegen.

Meine Erinnerungen hängen in schlafsandverklebten Synapsen.

»Verfickte Scheiße nochmal«, flüstere ich auf dem Asphalt liegend zu mir selbst und schaue auf den Großen Wagen am Nachthimmel. Ich verspüre in diesem Augenblick keine Romantik in mir und das macht mich zufrieden. Die Stunden lösen sich irreversibel auf und ich bin die Sollbruchstelle des Unmöglichen.

Sophie kommt in ihrem kleinen azurblauen Nissan angefahren. Motorengeräusche pflügen die Stille um. Auf der linken Seite der Rückbank ist ein verpixelter, orangefarbener Drachen auf das Fenster geklebt. Ich denke an das wohlige Gefühl, das ich als kleines Kind hatte als ich meinen allerersten Gameboy aus der Geburtstagsgeschenkverpackung befreit und damit am nächsten Tag in der Grundschule tierisch auf den Putz gehauen hatte.

»Kann es losgehen?«, fragt sie mich und lächelt bittersüß. Ich nicke. Trotz der kühlen Nacht trägt sie das Sommerkleid, das sie auch bei unserem Kennenlernen vor vier Tagen am Strand bei Nes trug. Blauer-weißer Stoff endet knapp über ihren Knien. Ihre schwarzen Haare, kürzer noch als Schulterlänge, tanzen geheimnisvoll im Wageninneren. Der Geruch ihres Parfums und eines Duftbäumchens dringen zu mir. Sie sieht aus wie ein Song von Sigur Rós.

»Wohin fahren wir denn?«, frage ich sie und lächle.

»Komm schon, steig einfach ein, wir haben Zeit, nicht wahr?«, sagt Sophie und ihr Blick zieht mich magisch auf den Beifahrersitz. Sie startet den Motor und ich fühle ein unbekanntes Gefühl des Nichtserwartens in mir. Etwas, das mir, jetzt wo ich es fühle, irgendwie total gefehlt hat. Als hätte ich Blindheit überwunden, einfach so, mitten beim Frühstück auf dem Balkon kann ich plötzlich wieder sehen und schreie sofort wie ein Idiot von meinem Balkon: »Ach du Kacke, ich kann sehen, ich kann, verfickte Scheiße, sehen.« Und dann würde ich erst weinen vor Glück, dann lachen vor Glück und dann wieder weinen, aus Trauer vor dem, was ich ein Viertel Leben lang nicht sehen konnte. Und wie schön das alles jetzt ist und sein wird. Genauso fühlt sich dieses unbekannte Gefühl des Nichtserwartens an.

Nach zweieinhalb Stunden, kurz vor Bremen, erringt sich die Müdigkeit einen Platz in meiner Gegenwart. Sophie erzählt mir von ihrer kleinen Tochter, die sie vor zwei Jahren (sie war damals 23) bekommen hat und die nun bei Pflegeeltern aufwächst. Sie erzählt mir davon, wie naiv sie damals war und dass sie keine Schuld empfindet, ihr Kind weggegeben zu haben. Sie empfindet lediglich ein Gefühl der Leere. Ich sage Ja und wünschte, ich würde Nein damit meinen.

»Und dann hat man Angst davor, dass es mit einem schon vorbei ist, dass man nie mehr dazu kommen wird, sich selbst richtig kennenzulernen. Welches Kind braucht eine Mutter, die sich selbst nicht kennt?«, erzählt sie mir ganz ruhig.

»Und jetzt, Sophie?«, frage ich sie und meine damit, ob sie jetzt soweit wäre. Sie versteht es und ich bin darüber froh.

»Und jetzt ist es zu spät«, antwortet sie mir. Es folgt eine lange Pause. Wir starren auf die Autobahn, auf die Planken, auf die Spuren und ihre Markierungen. Wir folgen dem Licht, das wir aus großen Autoaugen vor uns schießen. Nichts suchend, nur zeigend, lediglich folgend.

Ich schlafe ein. Sophie fragt: »Bisaz?«

»Ich kann sehen«, murmle ich. Dann ist die Welt verschwunden und meine Träume gehören mir.