Empor

Die See, die sich stolz vor unseren Blicken ins Unendliche auszubreiten schien, war aufgewühlt und hektisch. Fast hatte man den Eindruck, als würde man auf dem Rand eines gigantischen Emailletopfes sitzen, in dem sich kochendes Wasser bedrohlich aufschäumte. Zu unseren Füßen droschen die heran gedrückten Wassermassen ohrenbetäubend in hoher Frequenz in die Brandungshohlkehlen der Steilküste und schossen als gigantische Fontänen am Kliff empor. In weiter Ferne hatten die angeschwemmten Gesteinsbrocken der zerschmetterten Klippen einen Steilküsten-Abschnitt zum Einsturz gebracht. Wie in Zeitlupe sackten die felsigen Landoberflächen in sich zusammen und verschwanden in der sich aufbäumenden Gischt. Es schien, als würde sich das Wasser gewaltsam all das zurückholen zu wollen, was es vor Milliarden an Jahren selbst auf die Erde gebracht hatte.
Das Leben balancierte auf einem wackelndem Turm oder einem Kartenhaus, das durch eine Erschütterung dabei war, zusammen zu brechen. Eine Rückkehr zum Ausgangspunkt, dort wo alles seinen Anfang nahm, war unwiederbringlich, ja, irreversibel zerstört. Der Point of no Return zermalmte das Schicksal – und mit ihm all unsere Vorstellungen – mit einer erschreckenden Leichtigkeit.

Der Wind und der Regen peitschten schreiend ins Land hinter uns und kündigten das Ende an. Sie waren keine warnenden Freunde mehr, sondern Boten mit einer unmissverständlichen Mitteilung, die großflächig auf die Flächen der Existenz genagelt wurde.
Zwischen den Regenvorhängen, die wie panische Marionetten von dem wolkig verkleidetem Himmel zu einer Massenflucht gezwungen wurden, blitzten eigentümliche trockene Abschnitte hervor. Löcher, die sich willkürlich in den Wolkenteppich fraßen und so schnell verschwanden wie sie entstanden, zeigten violette und rote Abschnitte des Firmaments. In den trockenen Abschnitten zwischen den Regenvorhängen bildeten sich kurze schnelle Regenbögen. Ich hatte so etwas eindrucksvolles noch nie gesehen. Ein Schauspiel aus Farbe, Licht und Lärm. Ein surreales Orchester, das seinen letzten Akt auf einer Bühne inszenierte.

Die Horizontlinie wurde durch sich auftürmende Wellen zu einer schier endlosen Aneinanderreihung von Sinus-Kurven zusammengestaucht. Irgendwo ganz weit in der Ferne drückte die untergehende Sonne durch die Wolkendecke. Lia ergriff meine Hand. Ich sah sie von der Seite an, aber ihr Blick klebte ruhig am Horizont. Sie atmete ruhig. Ihre Hand war sehr warm. Sie rutschte etwas näher an mich heran und legte ihren Kopf seitlich auf meine Schulter. Ich zitterte etwas.

»Ich hatte einen Traum«, begann sie leise, »der mich verunsichert hat. Als ich aufwachte, war irgendetwas merkwürdig. Mein Traum kam mir seltsam real vor, so als wäre er eine Erinnerung, die ganz plötzlich abgespielt wurde. Ich habe immer noch alles ganz klar vor Augen; ich kann alles sehen. Jedes kleine Detail. Und ich vergesse es einfach nicht. Es löst sich einfach nicht auf. Es verblasst nicht. Ich fühle mich jeden Morgen so, als wäre es gestern passiert.«
Sie hielt inne und ich spürte, wie sie lächelte. Ich lehnte meinen Kopf an ihren und lauschte der kurzen Stille, die uns in diesem Augenblick ganz tief verband. Meine Augen hüpften von Welle zu Welle, streiften immer wieder die Regenbogen-Kulisse. Mein Herz schlug ruhig.