Irrwege

Auf dem Kleiderbasar in Herāt sprach Kaja einen Niederländer an, der uns für eintausend fünfhundert Dollar mit seinem 720er Datsun nach Kabul fahren sollte. Er sagte, dass sei ein schnapper, nicht nur für die Länge der Strecke, sondern vor allem für die Regionen, die wir durchqueren mussten.
Nachdem sich der etwas untersetzte Niederländer von uns überreden ließ, anstelle des Highways Richtung Süden, die direkte Route mitten durch das Land zu nehmen, schob er seine verspiegelte Sonnenbrille mit dem Mittelfinger ein Stück auf dem Nasenrücken nach oben und blickte sich suchend um. Er winkte eine alten Paschtunen zu uns, mit dem er sich kurz auf Darī unterhielt. Der alte Mann nickte gelegentlich und kratzte sich dabei an seinen buschigen, graumelierten Augenbrauen, die in der Mitte zu einer Monobraue zusammengewachsen waren.
Mir kam das alles nicht geheuer vor, wie dieser Niederländer auf den Paschtunen einredete, wild gestikulierend auf uns zeigte und sich in den Sprechpausen immer wieder die Haare aus seinem verschwitzten Gesicht wischte, so absolut cosmopolitan.
Es war entsetzlich heiß. Ich hatte Durst und Kaja meinte, sie könne ihr Mojo spüren.

Am nächsten Tag wurde ich durch das Rascheln von Tüten geweckt. Es dämmerte draußen und ich beobachtete Kaja von meiner Pritsche aus dabei, wie sie in ihrem Rucksack nach etwas suchte.
Wir hatten uns mit dem Niederländer gegen sechs Uhr am östlichen Stadtrand von Herāt verabredet und die Zeit wurde unerträglich knapp, da wir noch durch die halbe Stadt mussten.
Wie sich herausstellte, war der Paschtune ein persönlicher Wegweiser, den er bei seinen Reisen durch Afghanistan wie einen zusätzlichen Reisepass mit sich führte, wie ein Accessoire, eine Divergenz zu seinem Goldkettchen, das er am rechten Handgelenk trug. Mit einem kräftigen Schwung riss der Niederländer eine sandfarbene Plane von der Ladefläche des Pickups und hieß den alten Mann, unsere Rücksäcke und die Plane darauf zu verstauen.

Der Paschtune stieg auf der Beifahrerseite des Pickups ein und zog die Tür lautkrachend ins Schloss, auf der sich bereits großflächig Rostspuren an den beuligen Stellen abgesetzt hatten; da wo der weiße Lack bereits abgeblättert war. Kaja und ich nahmen auf der Ladefläche zwischen zwei Kanistern Diesel, einem Kanister Wasser und mehreren Stoffsäcken aus Baumwolle Platz. Der Paschtune war so freundlich und hatte ein paar Wolldecken auf der rostigen und dreckigen Ladefläche ausgebreitet, die Plane zusammen gerollt und an der Innenseite der Heckklappenverkleidung mit zwei provisorisch befestigten Ledergurten gefaltet festgezurrt. Ich griff in das vorderste Fach meines Rucksacks und holte ein Kuvert mit fünfhundert Dollar hervor. Der Niederländer stieß die Heckklappe mit einem Ruck zu und stieg auf der Fahrerseite ein. Durch das kleine Fenster in der Rückwand der Fahrerkabine konnte ich erkennen, wie er eine Karte ausfaltete und gemeinsam mit dem Paschtunen darüber schaute.
Ich steckte mir eine Zigarette an.
Nach ein paar Minuten stieg er wieder aus, blieb auf unserer Höhe an der Ladefläche stehen, setzte sich einen schrecklich peinlichen Safarihut auf und blickte mich aus zusammen gekniffenen Augen an.
„Fünfhundert. Cash.“
Sein Dialekt kam mir seltsam vertraut vor. Er musste aus der Nähe von Arnheim oder Utrecht stammen.
„Cash“, wiederholte ich und reichte ihm das Kuvert mit dem Geld, das als Anzahlung ausgemacht worden war. Er stützte seinen Arm auf der Bordwand ab, öffnete das Kuvert und steckte prüfend aber sehr lässig einen Finger hinein. Auf seinem Oberarm leuchtete ein weißer runder Fleck, vermutlich von einem Nikotinpflaster.
„Okay“, sagte er, stieg wieder in die Fahrerkabine und ließ den Motor aufheulen.

Der Tag wurde recht schnell hell und heiß. Kajas schwarze Haare wehten im Fahrtwind. Ich aß ein paar Pistazien und warf die Schalen in den leisen Mantel der Staubwolke, die der Datsun hinter uns auf der befestigten Landstraße aufwirbelte. Wir fuhren auf der A77 Richtung Chaghcharan, einem kleinen Dorf, das in der Provinz Ghor im Herzen Afghanistans still vor sich hin existierte. Als wir Herāt verlassen hatten und sich nach einiger Zeit in Fahrtrichtung am Horizont die Talmündung zwischen den Gebirgsketten Safed Koh und Siād Koh auftat, schweifte mein Blick durch das Nirgendwo, auf der Suche nach dem Ufer des Hari Rud, der schon bald zu unserer Rechten auftauchten sollte.
Über der Einöde flimmerte die Hitze unter dem drückenden Sonnenlicht wie über einem brennenden Holzkohlegrill und ich dachte plötzlich an das Videoportrait Chott el-Djerid, das Bill Viola 1979 im Süden von Tunesien fanatisch eingefangen hatte. Ich war mir nicht mehr sicher, was für Kaja und mich in dieser Zeit noch sichtbar und eine Rolle spielte. Es war weird.
Der Tag verglühte langsam, erlosch unter dem violett schimmernden Himmelsdach und ich sprach mit Kaja über die Möglichkeit einer Innenwelt, in der wir vorgaben, am Leben zu sein.

Die Landstraße war in so einem schlechten Zustand, dass wir erst am nächsten Morgen in Chaghcharan ankamen. Der Niederländer war die ganze Strecke alleine durchgefahren und wollte nun ein paar Stunden ruhen. Wir kletterten vom Pickup und es fühlte sich schlagartig ungewohnt an, auf zwei Beinen zu stehen. Der Paschtune deckte schweigend die Plane über die Ladefläche und verschwand ungefähr fünfzig Meter weiter im Spalt einer Mauer, die man an einigen Stellen mit Lehm zu reparieren versucht hatte. Nur bei genauem Hinsehen konnte man die Konturen der Hütten erkennen und von der Wüste, sowie der umliegenden, toten Berglandschaft unterscheiden. Dies war ein ebenso trauriger Ort wie all die Dörfer, Siedlungen und vereinzelten Lehmhütten, die wir links und rechts auf der Landstraße hinter uns liegen ließen: Rakneh-ye Jamshidi, Marwah, Chesht-e Sharif, Sharhrak, Masjed Negar, Chagharān – winzig kleine, unbedeutende, vergessene Punkte auf unseren Landkarten, die uns hier jedoch wie scharfkantige Splitterteile einer zerbrochenen Sottise vorkamen, die jemand unachtsam über der Welt fallen ließ.

Wir schliefen auf der Ladefläche des Pickups unter der Plane, eingewickelt in die Wolldecken, die ein bisschen nach Diesel rochen. Es herrschte Totenstille unter dem Vollmond. Ein paar ausgemergelte, verwahrloste Owtscharkas streunten umher und stritten sich um etwas Weggeworfenes. Die Nacht war kühl und ich träume nichts.
Noch bevor es dämmerte, setzte sich der Pickup in Bewegung. Wir aßen etwas Brot, Kaja hustete stark und ich setzte mir das elfenbeinfarbene Chitrali Pakol auf, das ich in Herāt auf dem Kleiderbasar für sehr wenig Geld gekauft hatte. Wir schwiegen.
Als die Sonne langsam aufging, hielt der Niederlände für ein Pinkelpause und ich rauchte eine Zigarette. Den letzten Zug blies ich sehr langsam aus. Es war windstill und ich beobachtete den Rauch noch eine ganze Weile dabei, wie er von mir wegtrieb und schlussendlich verschwand. Man hatte hier das Gefühl am Rande einer Schlucht zu stehen, dort wo das Existierende langsam ausblich und verdampfte, wie ein Wassertropfen, der auf einer heißen Herdplatte tanzte.

Ich stellte mir vor, wie wir auf warmen Felsvorsprüngen an den Steilküsten am Rande der Welt saßen und wild gestikulierten. Der Weg dorthin war beschwerlich und mit Zweifeln gepflastert. Auf den großen, grünen Weiden vor dem Nirgendwo, weit vor den Steilküsten, machten wir Rast und aßen ein paar Fragen, die wir zuvor sorgfältig in Butterbrotpapier eingewickelten hatten. Ich hatte die Idee, spazieren zu gehen. Hier, wo das Gras hüfthoch wuchs. Hier, wo man in Vergessenheit geriet und aus dem Blickfeld verschwand, wenn man sich duckte und nichts mehr zu sehen war außer der Wellengang auf den Feldern. Es hätte uns nichts ausgemacht, wenn die Wege hier ihr Ende gefunden hätten. Unsere Füße wären still an den Grabsteinen einiger Antworten vorbei geschritten und hätten Spuren hinterlassen: Fährten, denen an diesem Ort niemand mehr folgen würde. Danach kam der Anstieg und das Wissen, dass wir uns bestimmt am Himmel stoßen würden. Es wurde Zeit loszulassen. Und das taten wir auch. Als wir an den Steilküsten ankamen, sahen Kaja und ich uns gegenseitig in die Augen. Wir hatten etwas zu sagen.

Mit einem Pfiff des Niederländers zerplatzten diese warmen Bilder. „Let’s roll“, rief er zu mir hinüber. Er kaute einen Kaugummi und trug noch immer diesen grässlichen Safarihut. Let’s roll. Ich starrte auf den Boden und trabte langsam zum Pickup zurück. Meine Schuhe hatten die Farbe des Staubes angenommen. Die Sonne hatte bereits den Zenit überschritten als wir südlich des Koh-i Baba-Gebirges über den strömenden Hilmend setzten und eine gewaltige Explosion den Datsun und uns zerfetzte.