Fernheit

Die Albtraum-Akte

Als ich mich aus dem Kofferraum befreit hatte, wurde mir klar, dass mein Leben irgendwie aus den Fugen geraten war“, sagte er. Wir fuhren in seinem weißen 1966er Fiat 124, den er sich vor ein paar Jahren für too much money – wie er sagte – aufmöbeln ließ. Er grinste mich von der Seite an. Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos beleuchteten uns. Seine Augen: weiße Glaskörper mit großen schwarzen Flecken. „Das ist die Neue Sachlichkeit, Mann.“ Er musste das Gespräch innerlich weiter gesponnen haben, sodass ich nicht wusste, was zwischen dieser und seiner vorigen Aussage lag und was er konkret meinte, aber das mit der Neuen Sachlichkeit, das ging schon in Ordnung. Pierre dachte, es sei eine gute Idee, das Gaspedal bis zum Anschlag durchzutreten und so schossen wir durch die Nacht. Denn nachdem wir auf dem Festland angelegt hatten und in seinen Wagen eingestiegen waren, bereitete Pierre mit ausgestreckten Armen seinen Sturz ins Ketamin-Loch vor. Ich fand das sehr zielorientiert. Überhaupt stellte sich während der Fahrt heraus, dass Pierre per se ein zielorientierter Mensch war, dessen Wirklichkeit irgendwann zu Bruch gegangen sein musste.

Alles, was ich weiß, ist, dass ich mein Leben lang nur ein Theoretiker war“, sagte er verkündend und drehte die Musik ein bisschen lauter. In diesem Augenblick kam mir die Zeit der Vergangenheit ein bisschen größer vor. Ein tiefer, inniger Wunsch die Realität zu destabilisieren, schwebte als unausgesprochener Kompromiss zwischen uns umher. Etwas, das nicht möglich war. „Irgendwann begriff ich, dass es so etwas wie eine theoretische Geste nicht gibt“, sprach Pierre durch die Frontscheibe, seine geweiteten Pupillen tasteten gierig die Straße ab, die sich Meter um Meter vor unseren Scheinwerfern nackt machte, „und ich begriff, dass meine Praxis das Destruktive war. Und nun bin ich hier, neu, als ich selbst.“ Hätte er es gekonnt, er wäre rückwärts gelaufen, um die Dinge umzukehren. „Ich habe einfach alles, Mann. Ich könnte alles haben, was ich will. Kannst du dir überhaupt vorstellen, was für verdammte Qual das ist.“ Ich schwieg.

Pierre erzählte mir davon, wie sein Leben danach verlief, wie er genau das Gegenteil zu tun versuchte, um irgendwas zu spüren, das sich nach echter Konsequenz anfühlte. Durch eine echte Laune des Schicksals, gab es nichts, das er verlieren konnte. Grauenhafte Nemesis. Das Glück klebte wie Pech an Pierre. Das Leben, eine endlos lange Zufahrt zum Nirgendwo, mit anderen Regeln, mit anderen Werten und anderen Augenblicken. „Die Neue Sachlichkeit, Mann“, wiederholte er sich. In der Platte musste irgendwo ein Sprung sein.

Mit einem Ruck zog es mich nach vorne. Pierre hatte vor einem Landhaus voll auf die Bremse getreten und so schlidderten wir über Kies und kamen vor einem Baum zum stehen. „Scheiße, Mann“, entfuhr es mir. „Ich weiß“, zwinkerte er mir verstohlen zu und öffnete die Fahrertür, „alles ist immer so kurz davor, oder?“ Ja, es ist immer alles kurz davor.

Aus dem Landhaus dröhnte laut UNKLE und auf der Terrasse davor standen unzählbar viele Menschen, in einem Meer aus Lachen, Vergnügen und Woanders-Sein. Pierre brüllte „Cheries“ und es dauerte nicht lange und ich hielt den nächsten Drink in meiner Hand. Auf einer Hollywood-Schaukel saß ein Junge, der mit sich selbst Stein-Schere-Papier spielte. Ich beobachtete ihn eine ganze Weile, bis mein Blick unbemerkt im Nichts verschwand. In einem Gespräch, das ich nicht verfolgte, sagte ich, dass es sowas wie eine theoretische Geste nicht gibt. Man stimmte mir verständnisvoll zu. Zeit glitt durch unsere Hände, schnell, drohend und unbegreiflich.

Mein Handy musste fast eine Minute geklingelt haben, bis ich abnahm. Nicolai rief an. „Alter, die Sterne! Hast du dir die Sterne angesehen.“ Ich blickte nach oben und auf einmal traf es mich bis ins Mark: „Ja, Mann. Ich sehe sie.“ Aus irgendeinem Grund schossen mir Tränen in die Augen. Ich schwieg. Ein langes Schweigen, das sich wie eine schützende Glaskuppel über mich stülpte. „Die Sterne lauter Noten. Der Himmel die Partitur. Der Mensch das Instrument.“ Irgendwas in meinem Kopf überlegte flüchtig, rotierte in einer Dauerschleife, wie ein Sprung auf einer Schallplatte. Redundant, verzerrt und unheimlich laut. „Du zitierst Christian Morgenstern?“, fragte ich Nico. „Wo bist du, Mann?“, fragte er mich lachend.

Ich wusste es nicht. Ich hatte überhaupt keine Antworten mehr in mir.