Archive for November, 2011

Hundreds

Hundreds sind mit das beste, was mir musikalisch 2010/2011 in die Hände gefallen ist. Das Neujahrskonzert in Berlin hat mich dann noch mal völlig weggeblasen, nachdem ich schon Monate davor unter Kopfhörern vor meinem Schallplattenspieler fast glücklich verhungert bin.

Mit ihrem gleichnamigen Erstlingswerk Hundreds hat die Hamburger Band wie Balsam einen musikalischen Nerv getroffen, der so lange Zeit weh getan, aber als vermisst gegolten hat. Ein phantomanes Gefühl, in etwa wie der innige Wunsch an einem Ja-Ort ganz knapp unter der Wasseroberfläche zu tauchen und sich trotzdem von der Sonne wärmen zu lassen. Anfang Dezember veröffentlichen Hundreds unter dem Dach des Berliner Musik-Labels Sinnbus eine Adaption ihres Debüt-Albums mit dem Titel Variations.

Ende Oktober erschien bereits das neue Video zu Wait For My Raccoon:

Und weil es immer noch so unglaublich schön ist, das erste Video zu Solace:

Die Musik von Hundreds ist einfach so nah, dass man sich wünscht, auf ewig in dieser Soundkulisse gefangen zu bleiben. Wer das live mal auf sich wirken lassen will, der darf unter so viel Awesomeness nicht den Blick der aktuellen Wintertour verpassen:

Hundreds. Jeder einzelne Buchstabe ist eine Wirklichkeit.

Festerhalten

Uns sind die Maßnahmen ausgegangen. / Weil es in der Zeit nur Wege nach vorne gibt, wird Gestern schwierig. Wir tricksen auf Zehenspitzen im Schleichgang. Irgendwer wird schon die Richtung vergessen. / Weil wir es nicht glauben können, streiten wir es ab. / Es hat nicht so geklungen als wäre etwas zu Bruch gegangen. Vielleicht haben wir nur einen Wackelkontakt. Können nicht mehr instabil sein. Wollen uns in eine Sprache übersetzen, die wir nicht verstehen. Eine Sprache, in der wir unverständlich bleiben. Wollen es in Sicherheit bringen. / Üben das Festerhalten wortlos. Damit es nicht abhandenkommt. / Wenn das schief geht, dann küssen wir uns noch einmal. Denn der Kontakt kann nicht lügen. / Vor den Wahrheiten verstecken wir uns dort drüben. Sie sind farbenblind. / Wir packen unsere Gründe in Fehlern aus Papier ein und verbieten unseren Worten den Mund. / Müdigkeit hält uns wach und wir sagen uns, dass wir etwas in Erinnerung behalten, an das wir geglaubt haben. / Wir lächeln. Zwischen unseren Fingerspitzen ist verwilderter Kreislauf. / Wir haben Mühe, uns nicht zu berühren. / Beruhigung strandet an unseren Füßen. / Herzschlag ist relativ. / Wir sind wunderschön. / Ich lasse das nicht vergehen. Nicht gestern. Nur weil es schwierig war. Nur weil der Takt schnell ist. Nur weil rückwärts nicht möglich ist. / Die Zeit ist chancenlos gegen unseren empörten Willen. / Revolte auf drei. / Und immer die Augen geschlossen halten. / Und die anderen sagen leise: Liebe.

Kosmokoital

Hast du es denn nicht satt, dass ich dich für deine unbekümmerte Leichtigkeit verachte und begehre und in jedem Wort deiner aufgesetzten Naivität, die Gründe deiner Traurigkeit erahne, aber nie zu greifen bekomme? Bist du es leid, dass ich mit Wut zu dir spreche, deinen Orbit mit meinen Satelliten beschieße und hoffnungslos auf Rücksignale in meiner Welt warte? Macht es dir Bauchkribbeln, mich in dem Glauben zu lassen ich sei der reifere Mensch von uns beiden, obwohl ich Statist in deiner Welt bin und nicht umgekehrt? Stimmst du mir zu, wenn ich still an deinem Rücken liege und in trauriger, klebriger Scheiße versinke während ich mich frage, ob das, was ich dir zu geben versuche, überhaupt einen lebenden Adressaten in dir findet? Schweigst du, weil du weißt, dass unsere Berührungen lauter sind als all die Schreie, die in mir schlummern und nur mit brachialer Gewalt vor dem Halt machen, das sie zerstören wollen? Um es danach an sich zu nehmen. Und um dir zu zeigen, dass dahinter der Wille des Liebens auf seinen großen Auftritt wartet. Um dir Glück zu bescheren. Und all das, das du vor lauter Ignorieren nie erlernt hast. Mich zum Beispiel. Derjenige, der dich über das Wort seiner Gedanken stellt. Während er still an deinem Rücken liegt und nichts versteht. Und sich fragt, woher diese lodernde Wärme kommt. Und warum er dieser hoffnungslos verfallen ist. Ohne den Hoffnungsschimmer am Horizont zu sehen. Oder ein Signal aus deinem Orbit zu bekommen, egal wie sehr er sich beim Lauschen bemüht. Egal wie leise es sein mag. Oder wie kurz.

Filterlos

Ich bin der Zwischenraum zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich nicht bin, zwischen dem, was ich träume, und dem, was das Leben aus mir gemacht hat […].“ – Fernando Pessoa

Ich habe alles versucht.

Das größte Problem war wohl immer, dass ich ein Kleinkind geblieben bin und dabei so getan habe, dass ich weiter wäre als jeder, der sich auf mich eingelassen hat. Ich habe mir nie große Mühe gegeben, das irgendwie zu verstehen, denn ich verstand das als einen Charakterzug, der zwar schwierig, aber auch faszinierend und infizierend war. Irgendwo auf der Oberfläche, die sich im Raum der Gegenwart gekrümmt hat. Wie ein Virus. Ich war der Wirt. Das war ein Geheimnis, das ich mit niemand teilen wollte.

Irgendwann wird das aber schwierig und kompliziert, wenn man in einer Lebensphase steckt, in der man sich selbst aufräumen, ordnen muss, damit nicht alles, was man sich erträumt, sinnlos und verschwendet ist. Und Dinge, in die man emotional investieren will und muss, immer mehr nach Präsenz und Platz suchen. Dieser Moment, wenn man realisiert, dass in einem kein Platz ist, tut irgendwie ein bisschen weh.

Ich mochte die Zeiträume des Anfangs. Lange bevor sie gegangen sind oder ich geflüchtet bin. Bevor wir aufgehört haben, wir zu sein. Da, wo ich angefangen habe, mich gegen Liebe zu wehren. Da, wo mein emotionales Immunsystem mich als Fremdkörper akzeptiert hat und mich handeln ließ.

Ich bin führungslos, deswegen waren es immer die Konsequenzen, die mir gezeigt haben, wie sich eine Richtung anfühlen kann. Es war das Intensive, das in mir Gefühle gemacht hat, die authentischer waren als mein Verständnis von Realität. Oder wie ich lebe, handle, spreche, weine, ficke und schweige. Dinge, die ich getan, aber nicht gedacht habe. Ein roter Faden auf meinem Weg, bei dem ich nicht sicher war, ob ich ihm folgte oder es nur mochte, an seine Wahrheiten zu glauben.

Die Wahrheit ist:

Ich mochte die Anfänge in den uns‘ weil es immer wieder Wiedergeburten waren, in denen die Karten neu gemischt wurden, man neu anfangen konnte. Mit sich selbst, mit dem, was man sein will und dem, was man in Wirklichkeit ist. Es hatte immer etwas sehr Einsames, das man geteilt hat. Es war wunderschön, warm und real.

Es war etwas, das friedlich zwischen den zwei Seiten existiert hat, eine Pufferzone zwischen den Konflikten, die man ansonsten mit sich geführt hat. Es war das Fühlen ohne Filter. So schön und vollkommen, das ich es irgendwann aufgeben musste, weil ich so viel Hässlichkeit in mir verborgen hielt und ich nie das Reziproke sein wollte, das man hätte erwischen können.

Ich kann nicht erklären, was in mir vorgegangen ist, als ich uns nicht mehr wollte. Ich dachte immer, vielleicht sind das die Augenblicke, wo ich etwas für mich richtig machen kann. Als ich verstand, dass nicht ich jemanden an der Hand hielt, sondern dass man mich an der Hand hielt.

Fühlen ohne Filter. Vielleicht ist das eine Bastion, die ich nie eingenommen habe, weil ich mich immer so authentisch gefühlt habe, wenn ich mich ins Chaos stürzte und uns aufgab. Das waren meine Chancen. Und ich habe nie zurückgeblickt, weil es so laut in mir geblieben ist.

Ich habe wirklich alles versucht. Aber.