Archive for Oktober, 2011

Pierre & Ø

Pierre war das Kaliber Typ, das den eigenen Standpunkt mit freundschaftlichen, jovialen Ohrfeigen unterstreichen musste. Das war hart, denn jedes Mal wenn er seiner Ansicht nach den Nagel auf den Kopf traf, hatte man seine verschwitzten Griffel im Gesicht. Eine ziemlich merkwürdige und homoerotische Geste.

Pierre schüttete mir auf dem Ø festival seinen Drink in den Schritt. Es gibt sie ja, diese Menschen, die seltsame Dinge machen um in den Erinnerungen anderer einen Platz zu finden, um nicht vergessen zu werden: Im Prinzip der Gestus, wenn nach der Grenzüberschreitung nichts mehr da ist, was man erklären kann oder möchte.

Pierre nötigte mich zu einem Gespräch und erzählte mir, dass er bis heute nicht wisse, wem er aufs Maul hauen sollte. Es war nur klar, dass es passieren müsste und ich sagte „Okay“. Mich wundert in diesen Tagen ehrlich gesagt nichts mehr. Die Welt hat die verrücktesten Gestalten hervor gebracht. So schleicht die Apokalypse langsam in den Hinterhof. Eine ganz stille Invasion, awkward, aber nicht sonderlich schockierend. Vielleicht bin ich mit meiner Normalität, mit meinem Sinn für das Gewöhnliche einfach nur eine weitere Facette in der entkernten Welt der Creeps.

Seine französische Urgroßmutter hatte sich Mitte 1940 mit einem einfachen Soldaten der Wehrmacht eingelassen, fuhr Pierre fort, kniete sich vor mich, zog ein sorgfältig gefaltetes Stofftaschentuch aus seiner Tasche und rieb damit in meinem Schritt. Seine Urgroßmutter wurde schwanger. Es waren seine weichen Hände, die sie schwach machten. Ein junger Soldat mit weichen, sauberen Händen: Sie mochte dieses kleine Detail, denn es machte keinen Sinn in dieser schrecklichen Zeit. Sie verliebte sich in eine Fata Morgana, und so schwer es mir auch fiel ihm angesichts der Reiberei mit der notwendigen Aufmerksamkeit zuzuhören: Das machte Sinn.

Nach dem Krieg wurden die Dinge viel komplizierter und all die Ablehnung wurde von Generation zu Generation weiter vererbt. Pierre, der nach der Migration seiner Eltern in Mannheim geboren wurde und aufwuchs, begriff nach eigenen Aussagen nie, was er war: Deutscher oder Franzose, Geist oder Lebender, Mensch oder Monster. „Kosmopolit“, sagte er mit einem traurigen Augenzwinkern. Er zeigte auf sein Herz und gab mir die berüchtigte joviale Ohrfeige. Ich war hier, um zu tanzen. Schrecklich, wie schnell sich Augenblicke ins Reziproke stellen lassen.

Und so trifft sich die Welt auf den Ochseninseln“, sprach er verkündend und zerrte mich vom tanzenden Pulk weg. „Komm mit, ich zeig dir was“, fuhr er fort und zeigte mit seinem Arm ausbreitend in die Nacht. Ich dachte: Wenn du bis hier gegangen bist, dann gehe noch einen Schritt weiter. Nur einen einzigen. Weiter wärst du alleine nie gegangen.

Mir wurde flau.

Wir kamen zum Wasser, etwas abgelegen und ich sah ein Boot mit zwei Paddeln. Warum auch immer, aber ich war unfähig, ihm zu sagen, dass ich ihn für einen abgedrehten Spinner hielt, der sein Christian-Kracht-Faserland-Ende mal schön alleine durchziehen sollte. Aber es war unangebracht. Die Insel war zu klein für Heldenmut, die Musik zu gut, die Drinks zu flüssig und die Einsamkeit zu zweit.

Der Alkohol wirkte, Pierre ruderte ziemlich geschmeidig und wortlos zum dänischen Festland. Lille Okseø – Sønderhav: Flüssiger Traum in der Flensburger Förde unter sternenklarem Himmel, hinter uns die Soundkulisse des Ø. Ich rauchte eine Zigarette und starrte in die dunkle Kuppel, die uns umgab wie ein viel zu großes Kostüm. Pierre telefonierte auf Französisch. Jedes Wort versank unverstanden in meinen Ohren. In diesem Bild war irgendetwas verkehrt angeordnet. Und je länger man hinsah, desto weniger dachte man an den Fehler. Es war als hätte die Form den Inhalt besiegt.

Fix yourself

Durch Null geteilt werden und danach keine Gewissheit mehr. Harte Mathematik kollidiert in meiner Wüste. Die Druckwelle walzt alles nieder, alles platt, bis ich nur noch Oberfläche erkennen kann. Scheiße, ich bin ein Blender.“ – unbekannt

Wir landen in diesem ziemlich versifften Schuppen. Über dem Eingang leuchtet ein drei Meter hohes H glutrot. Uns ist klar, dass das hier nur ein Fluchtort ist, ein Versteck vor der Einsamkeit. Nur ein paar Meter weiter liegt ein Typ in seinem Erbrochenen auf dem Gehweg. Alles wirkt arrangiert.

Mir gelingt es nicht, mich von all dem hier abzugrenzen. So bizarr, grotesk und fern das hier auch wirken mag, ganz in meinem Inneren gehöre ich hier gerade hin. Scham. Neben den Türstehern, die reichlich voll sind, hängt auf Kopfhöhe an der Wand ein Schild: Keine Druckbetankung. Jemand war so ehrlich und hat das Keine zerkratzt. Was für ein beschissener Ort, um zu sein.

Ich werde abgetastet, bin zugedröhnt, unauffällig, abwesend, versuche mich noch mal abzugrenzen, scheitere daran.

Es ist wie mit dem Schreiben oder dem Leben: Ich denke nicht an den Schluss, eigentlich ist nichts durchdacht. Alles ist wunderbar unkontrolliert und auf seine Weise ein warmes Muster, das sich irgendwie zufällig zu einer ganz komischen Normalität zusammenfügt. Ein ganz dadaistisches Bild, irgendetwas, das man aus Versehen durch Null dividiert hat und dann eine nicht näher definierbare Form annimmt. Ich philosophiere mich so durch, im Verborgenen. Eigentlich ist kein einziger Ton zu hören.

Es ist auch drinnen ziemlich versifft. Alles ist versifft. Auch der DJ, der brav seinen hipsteresken Elektro spielt, wenig experimentell, aber mit scharfen Kanten, damit die Form unbemerkt über den Inhalt siegt. Die Drinks sind auch versifft, die Beleuchtung ist versifft, die Leute auch. Scheiße, manchmal sind Leute einfach versifft und das merkt man erst, wenn man darüber näher nachdenkt oder länger genug hinsieht. Die Unterschiede zwischen diesen Fähigkeiten sind abhanden gekommen, stehen gelassen worden.

Wir haben Drinks in der Hand, der versiffte Barkeeper hat sogar verschissene schwarze, lange Strohhalme rein geschraubt. Nicolai schließt bei einem Dubstep-Remix von James Blake die Augen und ich denke Scheiße. Er macht zehn Minuten lang mit seinem Unterkörper Robodance, schwingt mit dem Oberkörper wie ein Pendel im Takt und drückt Whisky-Cola an seine Brust. Auf der Tanzfläche wird gebounct und oben an einem Balkon, der diesen versifften Raum flankiert und ausleuchtet, steht ein Fettwanst und versucht die Menge mit Pfeifen und auffordernden Handbewegungen zu animieren. Es ist so awkward, das jetzt auf der Stelle die Welt platzen müsste wie eine Seifenblase, eine glutrote Seifenblase irgendwo im Nirgendwo der Druckbetankung.
Nicolai hält den Takt, es wird gegrölt und ich weiß die ganze Zeit nicht warum. Hinter ihm sitzt ein Afrikaner auf einer Fensterbank, angelehnt an die beschlagene Fensterscheibe. Die Laternen funkeln warm und orange hinter kondensiertem Schweiß. Diese Fensterscheibe, nur eine hauchdünne Membran, die zwei Welten trennt. Die eine real, die andere noch realer, weil sich gerade hier, auf der wärmeren Seite der Membran, tanzende Menschen in die Augen blicken, balzen und nicht wissen, ob das, was man sich von der Nacht versprochen hat auch wirklich das ist, das irgendwie alles rechtfertigt: Die V-Ausschnitte, die bei den Typen tiefer sind als bei den Frauen, die schwitzfeste Schminke, die Goldkettchen und der misshandelte James Blake. Es ist so viel mehr Realität hier, als die Welt zu produzieren vermag. Ein einsames Bekenntnis hinter verschlossenen Lippen. Verschleierte Schönheit. Und so sehr ich das mit meiner Arroganz auch abstreiten will, ich fühle mich an diesem Ort irgendwie authentischer als sonst.

Der Afrikaner wischt sich mit seinem Unterarm den Schweiß von der Stirn, beobachtet Nicolais peinliche Performance und blinzelt langsam, verstört, glasig, gelangweilt und erschöpft. Eine ganze Spektralklasse an Eindrücken, die sich auf einmal auf seinem Gesicht zeigt. Ein weiteres arrangiertes Raumstatement, das selbstironisch alles mit einmal erfasst und wiedergibt. Wie er sich fühlen muss, am weißesten Ort des Universums, wo alles ganz flüchtig, dekorativ und hinter großen glutroten H’s im Takt abläuft. Der DJ switcht kompromisslos zu einem elektronifizierten RnB-Stück und die verschwitzte Menge grölt erneut auf, wie ein Hochleistungsofen, den man befeuert hat. Typen prosten sich glücklich zu, umarmen sich zu fünft oder sechst auf ihren kleinen, intimen Freundschaftsinseln und tanzen eigentlich so wie vorher zu James Blake, nur schneller und mit mehr Armeinsatz. An der Bar befingert ein Typ mit besagtem, hartem V-Ausschnitt ein Mädchen im Schritt, das schon halb im Koma liegt. Es ist einfach so grundehrlich hier.

Der Afrikaner schaut umher und trifft meinen Blick. Zwischen uns moonwalkt Nicolai umher. Es ist weird.