Archive for August, 2011

Broken Social Scene

Wenn man sich an den scharfen Kanten des Lebens schneidet, in der Sonne das Blut leckt und darüber nachdenkt, dass es schön so ist, dann hat man den richtigen Weg eingeschlagen; blindfuß.

________________Okay

Wir laufen schnell durch ein großes Maisfeld. Die Sonne scheint hell und heiß und ich habe Seitenstechen. Nicolai meint, er könne sein Mojo spüren und ich frage ihn, ob er sich auch wünscht, noch am Leben zu sein. Er schiebt sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht, seine Augen sind leicht zugekniffen und er lächelt. “Damit wir noch etwas Zeit haben?“, fragt er.

Und ich frage ihn: “Dürfen wir das?

Ja, Mann, lass uns die Zeit anhalten, hier, okay?

Okay.

Everything you do is a balloon

Sie stoppten uns auf einer maroden Landstraße in Bosnien. Nicolai lenkte unseren VW-Bus träge und müde durch die Morgendämmerung. Ich musste in Montenegro mit dem Kopf an der Beifahrerscheibe eingeschlafen sein, da war es noch nachts. „Alter“, rief er nervös und rüttelte mich an der Schulter, so dass ich zusammenfuhr. Unsere Windschutzscheibe war beschlagen und schwitze auf das Armaturenbrett. Sie waren zu fünft oder zu sechst und vermummt und sahen im Großen und Ganzen so aus, als würden sie am Ende der Welt patrouillieren. „Alter, was ist das denn? Was soll ich jetzt machen?“, sagte Nicolai und wurde panisch. Nicolai ging vom Gas und der Bus rollte immer langsamer werdend weiter. Noch 30 Meter. Ich sah, wie einer der Typen eine Waffe zog und mir schossen schlagartig ziemlich fremde Gefühle durch den Bauch. „Ach du Scheiße.
Nico und ich sahen uns an, keiner von uns traute sich, etwas zu denken, etwas zu sagen. Wir blieben stehen und dann ging alles eigentlich ziemlich schnell. Sie zerrten uns aus dem Bus und schmissen uns in den Dreck. Sie brüllten etwas, das wir nicht verstanden, vermutlich war es serbisch. Zwei von ihnen kletterten in den Bus und wühlten in unseren Sachen, ich hörte wie das Essbesteck und das Emaille-Geschirr am Straßenrand landete. Dann zogen sie Nicolai hoch und drückten ihn an den Bus und hielten ihm die Waffe ins Gesicht. Er musste den Mund öffnen, damit man ihm die Mündung zwischen die Zähne schieben konnte. Ich hörte wie er weinte und das machte, dass ich auch weinen musste. Dann zogen sie mich hoch und schubsten mich vor den Bus, traten mir ins Gesicht und zerrten mich wieder hoch. Meine Trommelfelle mussten bei den Tritten was abbekommen haben, denn ich hörte nur noch Knacklaute und ein dumpfes Zerrgeräusch. Nicolai musste sich mit dem Rücken zu mir stellen, sodass wir Rücken an Rücken standen. Dann setzte man mir die Pistole an die Stirn und drückte ab. Die Kugel trat aus Nico’s Schädel wieder aus und schlug durch die Frontscheibe in den Bus ein.

Die Nein’s, die Warte-doch’s und die Gib-mir-noch-kurz-Zeit’s

Als du gegangen bist und ich mich nach einer Ewigkeit aus dem Bett erhebe, ist es still in mir geworden. Wie ein Echolot hängt das Knallen der Tür in der Zeit fest. Es ist still in mir geworden. „Sag was dazu, du selbstgerechter Wichser.“ Fleischgewordene Flüstergewalt erstarrt zu einem Augenblick. „An deiner Fassade zerbrechen meine Bemühungen, zerbricht meine Gewissheit, zerberstet die ganze Irritation, die du mich fühlen lässt.“ Ich zähle die Neins, die Warte-dochs und die Gib-mir-noch-kurz-Zeits, die ich in mir festhalte, wie so ziemlich alles, wenn man versucht in meinen Orbit einzudringen. „Deine Schutzmauern beschützen dich nicht, sie sorgen nur dafür, dass du dich alleine fühlst.“ Ich versuche deinen Blicken den Mund zuzuhalten, aber ich warte was passiert. Wie eigentlich immer. Es ist still in mir geworden1.

Und irgendwann gehen sie alle. „Stehst dann alleine in deinen Gemäuern auf dem Gipfel der Welt, wo es nichts gibt, das deine Schreie übertönt. wo dich trotzdem niemand hört, weil es  e i n f a c h  zu weit weg ist. Da wo du das Echo bist und nur der Schall dich versteht.“ Ich wische Gewissheit über schmutzige Straßen, in denen ich betrunken randaliere. „Ich höre dich nicht. Vielleicht hast du nie was gesagt, was wirklich für dich von Bedeutung war.“ Es ist so still in mir geworden. „Oder für mich.“ Auf unserem Echolot kam nie etwas zurück. Vielleicht gab es einfach keine Zeit. Ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht, als echt zu sein, bei dir zu sein, all die Dinge zu sagen, die ich nicht sagen kann. Ich wünschte, ich könnte am Ende meiner abstrakten Gedanken stehen. Die Faust ballen, mich verdammt noch mal zusammenreißen und dir sagen, wer ich bin. Aber es ist still in mir geworden. „Wer bist du?“ Jetzt wo du gegangen bist, fällt es mir wieder ein. In der Stille.

  1. Bild via to01

There is love in you


Auf warmer Haut reisen die Geister, legen ihre langsamen Hände an den Denkapparat und lesen die Unendlichkeit der Vorstellungskraft. Nur ein bisschen weiter noch1.

  1. Danke an nico für die Entdeckung von Four Tet.

Infléchissement

1. Da ist dieser Junge, der halb durchsichtig, halb unsichtbar in der Strömung seiner Melancholie nach Antworten auf dem Grund taucht und jedes Mal mit schwarzen Steinen nach der Brandung wirft, wenn er wieder auftaucht. Neugier reißt Breschen in seine Ängste. Über viele Jahre wurde bei ihm abgeladen, und kein Willen war heiß genug, das alles zu verbrennen.

2. Die ganze Wut, die er oben – am Anfang – fein säuberlich in seinem Gedächtnis ordnete und stapelte, war für seine Begriffe durchgestrichen. Er hatte die Linien gezogen.

Irgendwie finden Menschen immer die Trampelpfade, wo man an die Abkürzung glauben kann und sich nicht verloren fühlen muss. Wir glauben an die Richtung, wir sehnen uns die Radikalität nur ein kleines Stück näher. Da wo man nicht mehr den Kopf neigen muss, um den Herzschlag zu hören. Tauchen nach dem Kling-Klang, immer mit dem Mut und der Luft noch ein Stück tiefer zu tauchen und etwas zu ertasten, zu finden, das man nicht wegwerfen muss.

3. Es ist seine Geschichte, es sind seine Linien, es sind seine Umwege und es ist seine Angst. Seine Geschichte ist auch meine und vielleicht auch deine. Die Wut macht einen durchsichtig, macht, dass man langsam verblasst. Weil man nicht unterscheiden konnte, zwischen durchgestrichen und angeschnitten. Weil man  nicht darauf geachtet hat, dass sich nichts in Luft auflöste, wie man sich wünschte, sondern langsam unmerklich im Herz ausblutete und sich infizierte. Luftanhalten – als könnte es die Zeit irgendwo mit hin zerren, wo sie nicht mehr gültig ist, damit man wieder auftaucht und in den Augenblicken die Geduld mit sich selbst entschuldigen kann. Da, wo ich sagen kann „Es tut mir so Leid“ und trotzdem meine Augen nicht abwenden muss.

4. Da, wo man Richtungen justiert und nicht modifizieren muss, um plastisch und anfassbar zu sein.

5. Wo man mich antasten kann und nicht die Kälte merkt, die wie ein blauer Schleier über der Hitze ruht.

6. Weil: L****.

7. Weil: Ich selbst richtungsweisend bin.

8. Oder die Richtung weise.

9. Und atme.

10. Und ich glauben kann,  dass wir manchmal zu bequem sind, um unbequem zu sein. Wenn wir unten sind und nicht an das herankommen, was wir am liebsten bei Tageslicht begutachten wollen würden. Etwas, das man auch lieben kann, egal wie hässlich es sein mag.