Archive for Juli, 2011

Intermolekular


Die Zeiten, in denen wir uns wortlos verstanden, in denen die Schwerkraft von Gedanken aufgehoben war, alles außer uns zu Boden fiel, wir rücksichtslos aus unseren Quellen getrunken haben, waren wild und intermolekular. Wir waren eins, am anderen Ende der Zeit, wo wir unseren Seelen durch die Gegenwart gefolgt sind und unter freiem Himmel nach Hause blickten.

Du hast gesagt, dass man sich nur fest genug an den Händen halten muss damit es beim Anfang bleibt.

Wie ich hier an unserem Grab stehe und meine Blicke nach unten fassen, den Raum zwischen uns ertasten, das Reziproke unserer Träume verstehen, lasse ich sie los – all die Erinnerungen und Träume, die ohne deinen Herzschlag nur fossil verblassen würden. Ich fange zweimal denselben Satz an, meine Tonlage hält unsere Hände fest und ich friere immer wieder ein, weil ich nicht weiß, was ich mit all den Worten machen soll.

Vielleicht haben wir irgendwann noch mal die Möglichkeit mit der Wahrheit zu spielen. Irgendwo, wo wir nicht eins sein müssen um wieder glücklich zu sein. Einen Ort, an den wir glauben und an dem wir nicht vorsichtig sein müssen, mit uns.

„Ich habe losgelassen. Alles, was ich jetzt gerade fühle, ist, wie unsere Hände auseinandergleiten. Mein Kopf füllt sich mit Beat und den Dingen, die dir folgen müssen. Weil sie mir alleine nicht gehören können.“

Hier ist der Anfang und ich gehe fort.

Luciferin

Ich erfinde eine Erzählerstimme und kleide sie mit einer ordentlichen Garderobe ein. Sie macht einen vernünftigen und vertrauenserweckenden Eindruck und ich erzähle ihr, dass wir nach Sonnenuntergang über einen leuchtenden See aus Strom spazieren werden.

Meine Gedanken kondensieren in der Geduld des Zuhörers und ich stelle fest, dass man eigentlich nie dem zugehört hat, was ich nicht erzählen konnte. Keine Dinge, die ich in mir versteckt gehalten habe, vor anderen, aber vor allem vor mir, sondern Dinge, für die ich keine angemessen Worte gefunden habe. Worte, die in etwa das beschreiben, was mich zu einem Schweigegelübde verdammt hat. Die ganzen Enttäuschungen, die ein- und ausgestiegen sind, wie nicht zahlende Fahrgäste, die mich begleitet haben.

Ich erzähle der Erzählerstimme von der warmen Müdigkeit des Zuhörens, der unglaublichen Lautstärke des Schweigens, der lähmenden Stille bei der Suche nach Worten und der leuchtenden Farbe des angehört Werdens. Meine Schilderungen sinken leise zu Boden und legen einen dünnen Film auf allem, das meinen Schatten verdient hat. Die Erzählerstimme unterbricht mich vorsichtig und fragt, was die Erdmännchen-Armee soll, ob das nicht viel zu absurd sei, erzählt zu werden und ich muss lachen. Ich gratuliere ihr zu dieser Beobachtung und merke an, dass dieses Quent an Aufmerksamkeit und Kritik genau das Maß ist, an dem ich die Gegenwart messen werde.

Wir bahnen uns den Weg durch das Dickicht, dort hinten beim Waldrand, durch einen Schwarm Glühwürmchen; atmen Luciferin und Sauerstoff und die Erzählerstimme spricht von einer Idee, von einem Anfang, die mich erleuchten sollen. Auf dem See kitzelt und knistert es laut unter unseren Füßen. Vielleicht bleiben wir hier noch einen Moment, es gibt mehr zu bestaunen, als ich anfangs dachte.

Da

„Zum Nirgendwo, und bitte keine Umwege“, sprach ich und mir war, als hätte ich das gar nicht gesagt. Der Taxifahrer blickte mich etwas gelangweilt durch seinen Rückspiegel an, nickte und fuhr los. Er trug eine sandfarbige, speckige Lederweste über einem grünen Shirt und eine dunkelblaue Jeans. Ich sah aus dem Autofenster.

Meine Augen folgten den Dingen, die an uns vorbeizogen oder an denen wir vorbeizogen – Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was von beidem.

Von Baum zu Baum sprangen meine Blicke, tasteten kurz schemenhafte, verschwommene Umrisse ab, blieben hier und da an etwas rotem oder etwas blauem hängen und vergaßen. So sehr ich mich auch bemühte, ich blieb flüchtig. Da, meine Wahrheiten; da, meine Lügen; da, meine Erinnerungen; da, wo ich mal war; da, wo ich wünschte, zu sein; da, unendlich viele Augenblicke, in denen ich nicht gedacht habe. Ich schoss wie ein Komet durch den unendlichen Raum, der mir zu klein war und überall zwickte, wie etwas, das einem nicht mehr passte.

Meine Augen sprangen hin und her. Als ich noch ein Kind war, habe ich es geliebt, wenn ich mit dem Zug fuhr. Dieses Springen der Augen stellt sich immer ein, wenn man aus dem Zugfenster schaute und von Mast zu Mast oder Baum zu Baum hüpfte, die an einem vorbeizischten. Manchmal beobachtete ich auch die Augen der Menschen, die mir gegenübersaßen und aus dem Fenster starrten und der vorbeiziehenden Landschaft folgten und ich fragte mich, ob sie wirklich beobachteten oder ob sie auch Fragen hinter sich ließen.

Manchmal ist die Welt zu groß und zu laut um sich nach vorne zu trauen und für sich selbst ein Plädoyer zu halten, das bitter notwendig ist.

Wir verschwinden in den Straßen und meine Hand berührt die Fensterscheibe.

Wir schweigen große Luftblasen und lassen die Beine baumeln. Es tut nicht weh und wirkt lange an.

Danke an Wolke.