Herzton

Advertising Holidays

Ich habe ein paar Worte gefunden.

Der Turm aus Werbeprospekten auf meinem Küchentisch wuchs von Tag zu Tag, von Woche zu Woche immer höher, und drückte auf die schwere Last des Briefes meiner Mutter. Mich beruhigte das irgendwie, es hielt die Worte von mir fern, die ich sowieso nicht begreifen konnte. Manchmal saß ich morgens, abends oder auch ganze Tage an den Wochenenden einfach nur an diesem quadratförmigen Holztisch, starrte den Papierstapel an, oder aus dem Fenster, trank Kaffee und genoss die Stille, die außerhalb meines Kopfes in diesen vier Wänden herrschte. Ich war dankbar für die Schwerkraft, für ihre Macht und ihre Möglichkeiten, Dinge unter anderen Dingen zu begraben, verschwinden zu lassen, gar vergessbar zu machen. Aus einem Grund, den ich nicht verstand, ging ich nicht so weit, den Brief ungelesen oder ungeöffnet wegzuwerfen. Ich war mir sicher, dass das ein Fehler gewesen wäre und mich endgültig in ein Chaos gestürzt hätte, dessen Kontrolle mir aus den Händen geglitten wäre.

Nachts, wenn ich wach lag, versuchte ich die Dinge zu ordnen, versuchte mich zu ordnen. War ich es, der mein Leben und meine Gefühle lenkte, oder hing ich selbst wie eine Marionette an den Fäden meiner Umgebung und meiner Konsequenz, und ließ mir lediglich einreden, ich hätte die Dinge im Griff? Ich fühlte mich wie eine Verpackung, deren Inhalt längst aufgebraucht war und einzig und allein wegen Antriebslosigkeit und Unachtsamkeit noch im Regal stand. Die Tristesse zog in mein Leben ein, ohne dass ich das überhaupt mitbekam. Irgendwann als ich meine Wohnungstür zögerlich schloss, musste sie durch den Türspalt hereingeschlüpft sein, kroch in mein Bett und meine Ohren, und wickelte mich in einen weißen, weichen, feinfasrigen Vorhang aus Routine, an dem meine Blicke in die Außenwelt und das, was mich umgab, abprallte und zu mir zurücklenkte. Ich beschäftigte mich im Grunde nur noch mit mir selbst, aber in einem Maße, welches zu keinerlei Antworten oder Erkenntnissen führte. Diese surrealistischen Episoden wurden lediglich von meinem Arbeitsalltag unterbrochen und den schier endlosen Nächten, in denen sich mein physiognomischer Verfall eine Pause gönnte. Hin und wieder träumte ich von meiner Arbeit, Werbeprospekten und dem Supermarkt; die einzigen Dinge, für die ich noch ein Minimum an Aufmerksamkeit aufbrachte. Ich gewöhnte mich psychisch so sehr ans Funktionieren, dass der Wunsch nach sonstiger Betätigung oder gar des angehört Werdens aus meinem peripheren Blickfeld verschwand. Über Wochen wirkte dieses Tabula-Rasa auf mich ein, bis ich schließlich keinerlei Erinnerung mehr produzierte.

Je mehr Nächte an mir vorbeizogen, desto weniger passierte in meinen Träumen. Sie wiederholten sich, so wie ich mich jeden Tag wiederholte. Das machte mich zunehmend nervöser; und so war es ein wahrer Glücksfall, als ich herausfand wie ich meinen Träumen mit falscher Realität begegnen konnte.

Während ich im Bett lag, ließ ich einfach die Glotze laufen bis ich einschlief und nahm die Bilder und Dialoge der Sitcoms, für die ich ab da an haufenweise Geld bei Amazon ausgab, mit in eine Welt, in der ich nicht wach war, die seit Wochen von monotoner Redundanz geprägt wurde: Friends, King of Queens, Seinfeld, Married… with Children, Everybody Hates Chris, Everybody Loves Raymond, The Big Bang Theory, Family Matters, Unhappily Ever After, The Fresh Prince of Bel-Air, Dharma & Greg, Dad Has Died, The Cosby Show, Drake & Josh, Two and a Half Men, Home Improvement, ALF, How I Met Your Mother, Malcom in the Middle, Who’s the Boss?, Roseanne, Spin City, The IT Crowd und Taxi.

Ich wurde Teil dieser Sitcoms, und die Sitcoms wurden zu einem Teil von mir; es entstand eine Symbiose zwischen uns, eine vertragslose und stillschweigende Vereinbarung, einen scheinbaren, fragilen Frieden, der in meinem Gehirn inkarnierte um den Up- und Download durch meine Augen am Laufen zu halten. Da war irgendetwas im Licht, das von meinem Fernseherbildschirm grell auf mein Gesicht geworfen wurde, irgendetwas zwischen den Atomen der Luft, das, anders als ich, keinen Schatten an die Wand hinter mir warf. Ich war mir nicht mal mehr im Klaren darüber, ob ich überhaupt noch einen Schatten besaß, oder ob ich selbst der Schatten war.

Träumte ich tatsächlich von einer Sitcom – das war ganz davon abhängig, welche gerade neben meinem Bett lief – so saß ich meistens bei den Aufzeichnungen im Studiopublikum in einer der hinteren Reihen und verfolgte das Geschehen auf der Guckkasten-Bühne, das mir näher war, als alles andere. Ich war Teil des laugh track, dem Gelächter und Gejohle des Studiopublikums, das bei der Ausstrahlung im Fernsehen als canned laughter bei Gags und Pointen eingespielt wird, und immer irgendwie konserviert, alt und künstlich klingt. Ja, ich war ein Teil dieser diktierten, vermutlich schon verstorbenen Emotion, und würde bis zum Ende der Welt archiviert und abspielbar bleiben.

Manchmal hingen mir einige Nächte bis tief in den Tag nach, meist begleitet mit Kopfschmerzen und bizarren Vorstellungen. Wenn mich meine Konzentration auf Arbeit tatsächlich mal verließ, setzte dieses abwesende Starren auf den Monitor ein, die mager gewordenen Finger in der Zehnfinger-Stellung auf der Tastatur ruhend.

Meine eigene Sitcom würde den Titel Advertising Holidays tragen, dachte ich, und würde das tragische Leben eines selbstständigen Mediengestalters namens Ethan wunderbar überzeichnet, komisch und melancholisch thematisieren. Ein älterer Mann, vielleicht Ende Dreißig, mittelgroß, schwarze Haare, graumelierte Kotletten, immer glatt rasiert, und mit einer pathologischen Vorliebe für Typographien, T-Shirts, die verstorbene Wrestler abbildeten und Musik von Ryan Adams, als dieser noch Lead-Sänger bei The Cardinals war. Ethan ging in irgendwann in die Werbebranche und blieb schlussendlich bei Werbebroschüren und Prospekten hängen. Die Vorstellung, dass man seiner Arbeit mit Ignoranz begegnete, ihm Manipulation und Belästigung durch seine Arbeit vorwarf und die Tatsache, dass sich ein ganzer (und hochprofitabler) Industriezweig gebildet hatte, der die seit Jahren steigende Nachfrage nach Mülltonnen speziell für Briefkastenwerbung deckte, machte ihm zu schaffen und stürzte den guten Ethan in eine Midlife-Crisis. Wenn er nicht gerade in einer Bar mit Freunden abhing, die auch Mediengestalter waren, nur wesentlich erfolgreicher, so stellte er in seiner Freizeit Leuten nach, die seine Werbeprospekte noch am Briefkasten entsorgten. Nachts bastelte er dann an falschen Coupons, Gutscheinen und Rabattheftchen, die er diesen dann in die Briefkästen warf und sich in Fäustchen lachte bei dem Gedanken an die dummen Visagen, die an irgendwelchen Theken irgendwelcher Geschäfte standen, mit den Gutscheinen in den Händen, peinlich berührt rot anlaufen und von Kassieren ausgelacht werden. Ihm gefiel dieses Guerilla-Leben, er fühlte sich ein bisschen wie eine Figur aus einem Faldbakken-Roman.

Auch ich würde in dieser Sitcom eine kleine Nebenrolle spielen, oder einen Cameo-Auftritt haben, vielleicht in einer traurigen Episode. Vermutlich würde ich mich selbst spielen, einen Kerl, der sich tollpatschig in das Selbstmitleid trieb, sein Herz handlungsunfähig machte, sich öfter an öffentlichen Orten übergab als üblich und jeden Abend nach der Arbeit sehnsüchtig die Werbeprospekte aus dem Briefkasten fischte, um sie auf einem immer größer werdenden Küchentisch zu stapeln. Ich sah mich schon Preise und Auszeichnungen für den Erfolg meiner Sitcom entgegen nehmen, wie ich im schwarzen Frack mit Fliege und einer schwarzen Intellektuellen-Hornbrille vor irgendein Mikrofon trat und dem hingerissenen Publikum, das an meinen Lippen klebte, bedeutungsschwanger erklären würde, wie viel Autobiographie ich in dieser Serie verarbeitete, dass die zirkuläre Dramaturgie der Serie und die halbstündige Netto-Laufzeit der Staffelepisoden eine Hommage an mein Leben waren: Am Ende jeder Episode war man so schlau wie zu Beginn. Unter tosendem Applaus würde ich dann meine Auszeichnung in Gold triumphierend in die Luft recken, und in einem Meer aus Blitzlichtern Handküsse und Stinkefinger von meinem Podest in die Masse werfen. Lady Gaga hätte mir in irgendeinem ironischen Kleid aus Fleisch und Dickdarm den Preis überreichen müssen und ich hätte ihr beim notorischen Bussigeben ins Ohr geflüstert, wie furchtbar billig ich sie fand und die Kunstfigur, die sie verkörperte, noch mehr hasste, als die dämlichen Krawatten von Kai Ebel. Und Lady Gaga hätte schön brav weiterlächeln und winken müssen.

Irgendwie lebte ich in einem Albtraum, oder aber der Albtraum wurde mein Leben. Was auch immer in dem Brief meiner Mutter stand; ich wollte es nicht lesen. Ich konnte es nicht.

Ein Gedanke zu „Advertising Holidays“

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