Archive for Mai, 2011

Dirt


Wir brauchen wirklich mehr davon.

Bisaz

(Manhattan, NYC; ein Geschenk von Castor und Pollux und der stromernden Crew)

Empor

Wir probten den Aufstand für den Ernstfall; saßen auf warmen Felsvorsprüngen an den Steilküsten am Rande der Welt und gestikulierten wild. Der Weg hierhin war beschwerlich und mit Zweifeln gepflastert. Auf den großen, grünen Weiden vor dem Nirgendwo, weit vor den Steilküsten, machten wir Rast und aßen ein paar Fragen, die wir zuvor sorgfältig in Butterbrotpapier eingewickelt hatten. Ich hatte die Idee, spazieren zu gehen; hier, wo das Gras hüfthoch wuchs; hier, wo man in Vergessenheit geriet, wenn man sich duckte und nichts mehr zu sehen war außer der Wellengang auf den Feldern. Es hätte uns nichts ausgemacht, wenn die Wege hier ihr Ende gefunden hätten. Unsere Füße wären still an den Grabsteinen einiger Antworten vorbei geschritten und hätten Spuren hinterlassen; Fährten, denen hier niemand mehr folgen würde.

Danach kam der Anstieg und das Wissen, dass wir uns bestimmt am Himmel stoßen würden. Es wurde Zeit loszulassen, und das taten wir auch. Als wir an den Steilküsten ankamen, sahen wir uns an. Wir hatten etwas zu sagen.

Du bist dort und ich bin hier

Das Mädchen auf dem kleinen Fahrrad, das rot lackiert die Sonne matt zu reflektieren versucht, trägt ein weißes Kleidchen mit gelben Punkten darauf. Sie ist eine Projektion meiner Tagträume, eine Fata Morgana, ein Hirngespinst. Ihre blond gelockten Haare werden durch eine dunkle Holzspange zusammengehalten. Ihr Pony wird durch die Brise nach links gepustet. Sie winkt mir ernst dreinblickend und bewegt ihre Lippen. Mit jedem Schritt, den ich auf sie zuwage, wird es ein bisschen heller und wärmer. Ich schreie aus lauter Kehle: “Wo bist du, wo bist du?”

Blind tappe ich orientierungslos in gleißend hellem Licht, der mich wie dicker Nebel umhüllt. Meine Hände machen Greifbewegungen, meine Augen beginnen zu brennen. Aus der Ferne höre ich eine Stimme etwas rufen; es ist nicht meine: “Du bist dort und ich bin hier.”

Ich hocke mich langsam hin und halte mir die Ohren zu.

Conquer your soul

An einem Morgen übergab man ihm kurz nach Sonnenaufgang drei Wünsche, die er sich selbst einteilen konnte. Es war einer dieser Morgen, die sich rätselhaft in die Länge zogen; etwas also, das ihm nicht unbekannt war. Zwischen frisch aufgebrühtem Kaffee und Weizenbrötchen dachte er nach. Sein Blick klebte am Horizont. Als er die Tasse vom Mund absetzte und die Augen zusammenkniff, wurde alles viel leiser als sonst. Im Namen aller Gehetzten sprang er wie von der Tarantel gestochen von seinem Stuhl hoch, ließ die halbvolle Tasse Kaffee aus seinen Händen gleiten, eilte schnurstraks aus dem Zimmer, stieß sich sein Knie am Türrahmen, humpelte mit dem Rest Energie, die ihm verblieb, zu seinem Notizbuch und schlug eine leere Seite auf. Er hatte Atemnot, schloss seinen Mund und lauschte aufmerksam dem Dröhnen der Stille. Das Notizbuch und der Stift ruhten fest umklammert in seinen Händen. Das Herz pochte laut und schnell in seiner Brust, der Puls wummerte sich auf leisen Sohlen durch seine Gehörgänge. Dass er schon schrieb, merkte er erst, als er seinen Blick senkte. In krakeliger Schrift stand da geschrieben: „Was macht ihr nur mit uns?

Lautlos tropfte Kaffee auf den Küchenboden.

Und so wie dieser Satz da stand, stoppte alles, was mit klebrig-süßer Existenz überzogen war. Nichts, was davor hätte stehen können, war von Bedeutung. Nichts, was hätte folgen können, war erschwinglich. Ein Raunen flutete alles, was in Sichtweite war, hier und da fiel ein Blatt vom Baum. Sein erster Wunsch ging in diesem Augenblick in Erfüllung. Noch bevor er ihn zu Ende hätte denken können, wurde dieser Planet aus seiner Laufbahn geschossen und flatterte nun mit einem gewaltigen Drall durchs All. Mit jeder Umdrehung ging etwas verloren, sausten die Dinge nur so davon bis nichts mehr übrig blieb und der Himmel sich erhellte.

(via)

Benommen stand er auf, klopfte sich den Sand aus den Kleidern und sah sich um. Es war nichts zu erkennen, nichts da, das auf etwas zurückzuführen war. Seine Hand glitt durch sein Haar und er atmete tief durch. So stand er eine ganze Weile auf einem Fleck, die nackten Füße halb mit Sand bedeckt. Instinktiv setzte er ein Bein vor das andere, schloss seine Augen und erhob seine Arme langsam, als würde er zum Flug ansetzen. Es war ungewiss, wie viel Zeit jetzt noch verstreichen würde, wie viel verstrichen war und ob das der letzte Morgen der Menschheit gewesen sein sollte. Sein zweiter Wunsch ging in Erfüllung, und so erschrak er nicht, als drüben am greifbaren Horizont leise ein Telefon klingelte. Stundenlang bewegte er sich darauf zu, zählte seine Gedanken und überstieg abwesend kleine herkunftslose Sandburgen, die halbverweht in der Sonne glitzerten und einen Pfad markierten. Als er das immer noch klingelnde Telefon erreichte, setzte er sich daneben, sammelte sich kurz und nahm ab. Eine verzerrte Stimm lärmte undeutliche Gesprächsfetzen. Es war als säße am anderen Ende der Leitung im Nirgendwo ein Grammophon, auf dessen Teller eine vergessene Zink-Schallplatte vor sich hin eierte.

Ich möchte um Verzeihung bitten“, sagte er mit trauriger Stimme in den Apparat. Schweiß tropfte von seiner Nase auf das Kohlemikrofon des Telefonhörers in seiner Hand. Seine Augen pendelten zwischen seinen Füßen hin und her, die sich durch den Sand wühlten. Er ließ Sand durch die andere Hand auf sein Schienbein rieseln, der sich hilflos in den Beinhaaren verfing. Ihm war flau im Magen, Müdigkeit tränkte sein Gemüt in Kompromissbereitschaft. Es dauerte nicht lange, da nahm der dritte Wunsch in seinem Kopf Gestalt an. Am anderen Ende der Leitung knisterte es geduldig.

Neo

Als er die Zeit ausschaltete und das Licht löschte, erschrak er vor der einkehrenden Stille. Er verharrte in seiner Position, bewegte sich keinen Millimeter und hielt die Luft an. Seine Gedanken flossen durch einen Abfluss ab. Am Ende gluckerte es noch kurz. “Ja“, flüsterte er erleichtert und schloss seine Augen um dem Stillstand mit aller Aufmerksamkeit zuzuhören.

Gameboys

Es klappert in der Küche und die Monster tanzen im Schädel. „Doofer Tag“, sagt er und räuspert seine Stimme. Verkrustete Teller, Krümel, Tassen mit Kaffeeboden, verschmiertes Besteck türmen sich auf Tischen, Schränken, Regalen, Ablagen und Arbeitsflächen.

(via)

Sein Blick und seine Hände verlieren sich im Spülbecken unter Schaum:

Es muss 1996 gewesen, als er mit seiner und einer befreundeten Familie in der Slowakei Urlaub machte. In der Schwimmhalle des Hotels kämpfte er mit seinem Freund unter Wasser in Zeitlupe. Beide Jungs waren 11 Jahre alt und trugen schlimme Badeschlüpfer. Man einigte sich darauf, dass Figuren aus dem Arcade-Videospiel Street Fighter 2 angemessene Rollen seien, um die Situation in ein würdiges Spektakel zu verwandeln. Unter lautem Getöse und Chlorgeruch bekämpften sich hühnerbrüstige Versionen von Blanka und Sagat. Blanka, die grüne Kreatur aus Brasilien, ein Hybrid aus Mensch und Monster, dessen coolste Spezialattacke der Electric Thunder war. Sagat, der thailändische Riesenathlet und Nationalheld mit vernarbtem Oberkörper und Augenklappe, Meister des Thaiboxens, dessen Spezialattacke Tiger Uppercut den Gegnern und den beiden Jungs Angst einflößte. Niemand konnte gewinnen, Siege und Niederlagen wurden durch kindliche Vorträge ausdiskutiert. Steckte man einen vermeidlich heftigen Treffer oder die Andeutung eines Treffers ein, so hielten sich beide Jungs an die Regeln. Der Getroffene zollte Respekt vor der Kampfkunst des Anderen, ließ sich theatralisch durch das Wasser wegtreiben, plante einen Gegenangriff, während der Angreifer mit möglichst blumigen Geräuschen den Treffer verbalisierte. „Bamm“, „Dsch“ und „Brrrrch“ hallte das Echo durch die Schwimmhalle. Am Ende vergaß man den Kampf, widmete sich anderen Dingen, haderte man nicht mit sich selbst. Ihre Wege trennten sich einige Jahre später, als Gameboy-Spielen nicht mehr der Gipfel von Entdeckungsreisen war, das Onanieren den Willen nach Privatsphäre aus dem Nichts erschuf. Seitdem haben sich die Dinge verändert und jeden Tag kommen mehr Dinge dazu, die es zu regeln gilt.