Archive for April, 2011

Irgendwo

I’m so ready to be in a new world, city, whatever. Ready to fuck off all this that I’ve had, have become here, that I fantasized about, need and hate, am in love with, have just about done – lived out of love. Still a need to finish it off.” – Natacha Merritt

Er hatte sich dazu entschlossen, nicht direkt aus Deutschland nach Afghanistan zu fliegen, sondern von Zagreb aus. Während des Fluges von Berlin nach Zagreb befreite er sein schwarzes Notizbuch, das er vor drei Jahren in Bosnien auf einem Markt gekauft hatte, von der Klarsichthülle. Sein Blick schweifte durch das kleine Fenster auf die Wolkendecke und den blauen Horizont. Nichts anderes war zu sehen. Mit einem schwarzen, abgekauten Kugelschreiber begann er zu schreiben:

„Himmel bedeutet irgendwo zu sein. Ich erinnere mich, ihr das gesagt zu haben, als sie Angst hatte. Der Regen kam und wir verspürten beide kurz Hoffnung, dass es stimmt. Dass wir existierten. Nur kam der Regen aus dem Nichts. Wie ihre Angst, wie ihr Weinen. Damals hörte ich auf zu scherzen, hörte auf ihr Mut zu machen. Ich fühlte mich nicht gut. Wie ein Clown mit dem die Tränen kamen.“

Die Stewardess brachte ihm einen Whisky. Noch einen und noch einen. Er schlief ein, wachte während der Landung wieder auf und schlafwandelte mit seinem Handgepäck zum Ausgang. Das schwarze Notizbuch vergaß er. Es war ihm während er träumte aus den Händen geglitten und unter seinem Sitz liegen geblieben.

„So in zwei Wochen nach Kabul, ginge das?“, fragte er die Kleine am Terminal und sie lächelte ihn von unten an.

„Nach Kabul in zwei Wochen ist kein Problem“, antwortete sie. Ihr Lächeln war bittersüß. Er verließ die Flughafenhalle in Zagreb und trampte innerhalb von zwei Tagen bis südlich von Dubrovnik zu einer kleinen Hafenstadt namens Cavtat. Für 400 Kuna mietete er sich ein kleines Zimmer mit Blick auf den Hafen. Ein paar Jungs spielten Wasserball, die Sonne drückte und ein paar tote Fliegen lagen auf dem Fensterbrett. Er stieg aus der schäbigen Duschkabine und ließ sich klitschnass wie er war auf das Bett fallen. Staub wirbelte auf und trieb wie Pollen durch das Licht, das sich durch die Gardinen kämpfte. Das Geräusch eines Motorrollers dröhnte am Fenster vorbei, man hörte ein Kind schreien. Seine Blicke wanderten durch das Zimmer, berührten kurzweilig und schüchtern den Verfall. Er dachte an die Kleine vom Terminal, an Afghanistan und er fühlte sich wie eine Fotografie von Natacha Merritt: Neugierig beobachtet, kaum zu kategorisieren, alleine, digitalisiert, absolut entfernt und unglaublich fremd. Blicke, die ihm verrieten, dass es nicht für jedes Rätsel eine Auflösung geben konnte.

(via)

Die kroatische Gastfreundschaft kam ihm sehr gelegen. Zweimal täglich klopfte die alte Dame, die ihm das Zimmer überließ, an die verzierte Holztür und gab ihm Wasser, Tomaten, Brot, Travarica und einmal sogar einen slawonischen Fischeintopf, Slavonska riblja čorba. Ihre Gesten lehnten sein Geld stetig ab. Sie kniff ihm mit einem Lachen in die Wange, murmelte etwas auf Kroatisch und verschwand unter seinem Blick. Eine Katze sonnte sich auf der kleinen Steinterrasse, die direkt vor seiner Tür lag. Eine Woche lang lag er in seinem Bett, aß und trank und dachte daran, wie er sich langsam aber stetig verlor. In seiner letzten Nacht schlief er nicht ein und so begann er zu packen. Er legte weitere 500 Kuna auf das Kopfkissen, setzte sich ans Fenster, zündete sich eine Zigarette an und starrte in die warme, dunkle Nacht.

Sein Blick senkte sich zu seiner linken Hand und er begann zu zittern. Es roch nach Müll und man hörte im Hintergrund leise das Tropfen eines Wasserhahns. Er und der Klang von auf alter Keramik aufschlagenden Wassertropfen:

Wie ein Bedürfnis etwas trocken und leer gesaugt zurückzulassen. So wie er ab und an seine kostbare Vorstellung davon definierte, was er als dunkel empfand. So wie er sich fragte, was es zu wollen gibt, wenn etwas verdorben ist. Eine kranke Fahrt in zufällige Zufriedenheit. Er starrte in den Zufall. Ohne Emotion, wie er sich einzureden versuchte. Ein Gefühl von Scham überkam ihn, das Alleinsein überrumpelte ihn und gleichzeitig keimte das Gefühl auf, diesen schwierigen Zeiten mit Liebe zu begegnen.1

Mit dem Clown kommen die Tränen und er erschrak.

Kreidebleich schnappte er sich seinen Reiserucksack, eine Tomate und bewegte sich zur Tür. Wo er seine Zigarette fallen ließ, konnte er im Nachhinein nicht mehr sagen. Irgendwo in den schmalen Gassen von Cavtat, unter Mond- und Laternenlicht verloren sich die Minuten. Er lief und lief, seine Beine wurden zittrig. Er ließ seinen Reiserucksack fallen und schaffte es gerade noch so, sich auf einen Stein zu setzen. In seiner Kehle schnürte sich alles zu. Wie ein Neugeborenes rang er nach Luft. Tränen liefen ihm über die Wangen. Er atmete dreimal ein, dreimal aus. Erst jetzt begann er zu schreien.

  1. Original, Natacha Merrit, Digital Diaries: “Needing to leave it sucked dry. As I defined once again my precious notion of what is dark. What there is to want when something is ruined. A sick drive into random. Random. Without emotion. Shameless, alone, and loving those times within it.”

Sabotage

Seine eigene Nähe zu spüren, ist einfach nicht drin. Aber vielleicht hilft es einem, zu wissen, dass Andere dazu in der Lage sind. Und sei es nur, wenn man ein Zimmer betritt und den ganz individuellen Geruch des Jeweiligen riecht und nicht beschreiben kann. Die wahre Tragödie des Abschieds und des Überwindends liegt in solchen Banalitäten.“ – anonym

Ich überwinde mich nicht. Ich kreise leise über den Dingen, die ich verlassen habe. Mein Tempo ist leise und nicht wahrnehmbar. Ich treibe das erste Mal auf der Spur, die meine Umlaufbahn ist. Wattewolken werden begehbar.

(via)

„Weißt du noch, als ich dich beschissen habe?“, begann ich. Danach folgte eine schwangere Stille. Iss deinen Herzschlag und schmecke das Gefühl des Stillwerdens:

Wir hatten den Song immer zusammen gehört. Er und ich. Meistens wenn wir uns so schlimm stritten, dass einer irgendwann aufstand, zum Bett ging und darauf rum sprang wie auf einem Trampolin. Das war unser stilles Abkommen. Sobald ein Streit drohte die Grenzen des Anderen vollkommen einzurennen, war es demjenigen gestattet das Schlachtfeld vorzeitig zu verlassen, ‚Sabotage‘ (Beastie Boys) anzumachen und einfach solange auf dem Bett rumzuspringen bis der andere bereit war dazu zustoßen und mitzumachen.

Damit begruben wir nicht die Debatte, wir vertagten sie bis zu einem Zeitpunkt an dem wir in der Lage waren, nicht wie Feinde voreinander zu stehen, sondern wie Verbündete nebeneinander zu liegen. Schließlich saßen wir im selben Boot, das Leben hieß, und manchmal schien man diesen Umstand schlichtweg zu vergessen.“ – Mirna Funk

Textur

Um neu anzufangen, bedarf es etwas Kapital um die Schulden auf seinem Karma-Konto zu tilgen. Niemand, der emotional pleite ist, bekommt eine neue Chance. So funktioniert und saniert sich die Welt.” – anonym

Meine Pechsträhne begann auf einer Party im Damenviertel. Während ich meine zweite Schachtel Gauloises anbrach, beobachtete ich einen Typen, der ein Camouflage-Shirt mit der Aufschrift No Rain No Pain trug. Wasserstoffblondgefärbte Locken hingen ihm ins Gesicht. Er trug eine goldene Kreole im rechten Ohrläppchen und hatte leichten Pflaum. Ein Bändchen an seinem linken Handgelenk verriet mir, dass er einer von der Sorte war, der sich das ganze Jahr auf das SonneMondSterne-Festival freut. Er stand etwas verloren in der vollgequalmten Küche zwischen diesen jungen, dynamischen Menschen rum und glotzte apathisch in seinen Wodka. Ich starrte ihn an und so langsam merkte er meine Blicke. Als ich 16 war, sah ich ihm ziemlich ähnlich. Damals stand ich aber nicht abgehalftert auf Partys herum, sondern buchte Pauschalreisen über Rainbow Tours an den Balaton, wo ich dann zwei Wochen lang jeden Abend gefühlte drei Liter Sangria trank, im Southside zu Offspring auf Tischen tanzte und Freunde dazu ermunterte an der Mr. Siofok Wahl teilzunehmen. Die Kontoauszüge meines Karma-Kontos machten mir deutlich, dass ich in letzter Zeit über meine Verhältnisse gelebt hatte und so beschloss ich den H.P. Baxxter Verschnitt anzusprechen.

(via)

„Ich glaube nicht, dass du morgen besser aussiehst, wenn du diesen Abend erstmal überstanden hast“, sagte ich zu ihm, zündete mir die nächste Zigarette an, erhob mein Glas und blickte ihm in die Augen. Ich hatte beschlossen, nicht übermäßig freundlich zu sein. „Bitte?“, fragte er und es bestätigte sich, was ich bereits vermutet hatte: Er war ein Spast. „Ist das Armbändchen vom SonneMondSterne-Festival?“, fragte ich ihn. „Ja. Total. Letztes Jahr waren Massive Attack da. Supergeil. Hörste hin und biste drauf, hehe“, entgegnete er mir. In meiner Brust machte sich ein dumpfer Schmerz breit, der Mond war blau und mir kam ein bisschen Kotze hoch. „Du magst Massive Attack?“, fragte ich ihn. „Ja, du auch, oder was?“ – „Nein, Mann. Jetzt nicht mehr“, sagte ich und war zu tiefst deprimiert, dass Massive Attack gerade in meiner Wertschätzung gefallen war. „Wie bist du denn heute drauf“, fragte mich der Gastgeber von der Seite, der wohl Wortfetzen mitbekommen haben muss. „Ich wollte eh gerade gehen“, sagte ich und trank den letzten Schluck Wodka in meinem Glas. Ich schlängelte mich halb angetrunken zur Tür durch, verließ das Haus und setzte mich auf mein Fahrrad. Es war eine halbwegs warme Nacht und ich radelte lichtlos und emotional pleite über den Campus von Jena. Als ich die Wall of Fame an der Leutra passierte, knackte es zu meinen Füßen und die Pedale erstarrten zu Stein. Ich dachte kurz, dass es mit mir gerade ähnlich war, fluchte dann kurz und versuchte bei Hochgeschwindigkeit mit Gewalt das Tretlager zu knechten. Ich kam vom Weg ab und raste plötzlich die Böschung zur Leutra runter. Kurz bevor ich Wasser fahren konnte, ließ ich mich seitlich vom Fahrrad fallen.

Und so lag ich zwischen Gänseblumen, Löwenzahn und Brennnessel, dachte an nichts und wurde traurig. „Was zur Hölle ist denn nur los“, brabbelte ich vor mich hin. Ich blickte in blühende Baumkronen  und wollte mich nicht rühren. Ich fragte mich, ob es gut war, alles liegen zu lassen oder ob es nicht doch richtig war, die Dinge weiter mit sich herum zu tragen. Ich erhob mich und beobachte das Lichtspiel der Laternen in der Leutra. Ich beschloss eine Freundin anzurufen um mir sagen zu lassen, dass doch eigentlich alles okay war. „Ich habe eine Idee“, sagte sie am Telefon, „lass uns das einfach machen: Wir fahren nach Afghanistan und suchen.“ – „Okay“, sagte ich und legte auf. Ich rauchte noch eine Zigarette und beschloss mein Fahrrad zu zerstören. Wie ein Bekloppter sprang ich auf den Speichen herum, krabbelte die Böschung wieder hoch und ging nach Hause um meinen Rucksack zu packen. Ich trank noch ein Glas Wodka und legte mich schlafen. „Dann eben Afghanistan“, sagte ich halb einschlafend. Der Mond schien noch immer blau in mein Schlafzimmer und die Vögel begannen den Morgen zu feiern.

Geräuschkulissenmut

Ich sage: „Da drüben traue ich mich, neu anzufangen.

Du sagst: „Es sieht so aus, als wäre das der richtige Ort dafür. Tu es.

Ich habe vergessen, dass Normalität seine ganz eigene Geräuschkulisse hat.

Ich frage: „Woher soll ich wissen, was ich zuerst machen soll?

Du antwortest: „Indem du dir diese Frage stellst, machst du den Anfang.

Mir wird bewusst, dass ich eine eigene Vorstellung von einer Geräuschkulisse aufbauen muss.

Ich sage gespielt selbstbewusst: „Das Tempo werde ich selber bestimmen….

Du entgegnest mir charmant: „Es dreht sich immer um das eigene Tempo.

Laut und leise, mittelschwach und mittelstark – ein kleines Spektrum, das greifbar wird.

Ich frage: „Lege ich jetzt alles ab?

Du antwortest: „Nur die Hülle.

Ein greifbares Spektrum der Lautstärke, den Beat, den Takt und den Flow bestimmen.

Ich frage: „Okay, also da drüben?

Du antwortest: „Ja, tu es.

Ich höre ein Intro.

Ich frage ein letztes Mal: „Wann?

Du antwortest zum ersten Mal: „Jetzt.

Ich fühle mich zurückversetzt in Teenager-Tage, als alles winzig Kleine noch für unglaublich viel Welle gesorgt hat. Als ich mich noch schämte zu lächeln, weil ich eine hässliche Zahnspange getragen habe. Als ich meinen Bartpflaum noch so oft wie möglich heimlich mit dem Rasierer meines Vaters entfernte, in der Hoffnung er würde dadurch schneller wachsen. Als ich mit der Aussicht nach dem allerersten Kuss einen Pfefferminzbonbon nach dem anderen lutschte. Als die überzogene Angst vor Pein noch mein Leben bestimmt hat. Als ich 13 war und nicht 26. Als alles noch die Hälfte wog und neu war. Mit Aussicht auf Entwicklung. Die Hosentaschen gefüllt mit klackernden Murmeln und Hoffnung.

Foster the People

Wenn der Wurm drin ist. Wenn irgendwas nicht stimmt. Wenn irgendwie gar nichts mehr funktioniert. Wenn man es knacken gehört hat. Wenn die Dinge schief laufen. Richtungsänderung. Es gibt manchmal nichts, was sich nach Normalität anfühlt. Und das einzige, was einem bleibt, ist zu akzeptieren, dass die Bewegung aufgehört hat und man steht. An einer Stelle, wo man nicht stehen sollte.

Das mit dem Fühlen und richtig Handeln. Das ist komisch. Hör auf zu gehen und bleib einfach stehen. Nur einmal.