Revolte

Notizen im Mohnfeld

Wenn man erst mal knapp 200 Tage tot ist, stellt sich innerlich ein stumpfes, schlauchendes Gefühl ein. Fast kräftezehrend. Obwohl alles sehr warm und hell zu sein scheint, verliert man den Glauben an die Trennung von Tag und Nacht. Die ersten 100 Tage waren sehr eigenartig. Wir haben uns lange darüber gestritten, ob es überhaupt noch Sinn macht über Zeit und ihr Verstreichen zu sprechen, geschweige denn darüber nachzudenken. Etwas, das aufhört, das endet, ja, das passiert einfach nicht mehr. Nach einem Ende gibt es für die Sache, die aufhört zu existieren, absolut nichts mehr. »Unvorstellbar«, sage ich dazu und du nickst kurz, lächelnd. Dieses Lächeln. Es ist ein Ornament, eine Verzierung auf müde gewordenen Mauern. Der Putz bröckelt.

Wie dem auch sei, betrifft einen das erst mal selber – und das wird es früher oder später ja jeden – findet man sich zu Füßen völlig absurder Gedanken wieder. Ich sage das jetzt so leicht, aber ich habe lange gebraucht, das alles zu verstehen. Wenn ich also von Tagen spreche – wie zu Beginn – meine ich eigentlich gar nichts. Nur etwas von dem man in unserem Zustand annehmen könnte, es sei etwas Langwieriges. Jedenfalls waren die ersten 100 Tage sehr eigenartig. Ihr Lächeln hat sich nicht verändert. Mir läuft es kalt den Rücken herunter.

Die Erinnerungen an Afghanistan und das Mohnfeld, die Granatäpfel, die sengende Hitze an einem Ort nahe der iranisch-afghanischen Grenze waren schnell aus unseren Köpfen verschwunden. Wir vergaßen das Schlafen, hatten aber permanent das Gefühl zu träumen. Mit jeder Erinnerung, die uns verließ, baute sich etwas um uns herum auf und nahm Gestalt an. Wir vergaßen auch das Gefühl von Wasser auf unserer Haut. In diesem sehr speziellen Augenblick schauten wir uns in die Augen und die Erinnerung löste sich lautlos auf. Wir merkten das. »Wasser«, dachte ich noch; »Haut«, sagte sie. Aber es war zu spät. Zu unseren Füßen erschien ein See, inkarnierte, ganz plötzlich. Es war wie eine Geburt und wir taten verwirrt. Mitten im Nichts. Einfach unfassbar.

Sie hatte Angst, verstand das alles nicht und weinte viel. Ich versteckte meine Angst und begann Blödsinn zu machen. Einfach was mir in den Kopf schoss, um sie aufzumuntern. Wir hatten hier schließlich nur einen See, grelles Licht, Hitze und schwachen, warmen Wind, der aus allen Richtungen zu kommen schien. Meine komischen Einlagen machten sie nicht sicherer mit dem Nichts um uns herum, aber es lenkte sie und auch mich ab. »Nach 53 Tagen«, wie es mir nach anscheinenden 53 Tagen entglitt, kam der Regen und hielt lange an. Das war an einem Punkt, als ich ihr alle Witze erzählt hatte, die ich kannte. Regen bedeutete Himmel. Himmel bedeutete irgendwo zu sein. Wir hatten kurz Hoffnung zu sein. Aber der Regen kam aus dem Nichts. Wie ihr Weinen. Ich hörte mit den Scherzen auf. Denn wie sagt man so schön: Mit dem Clown kommen die Tränen.

2 Gedanken zu „Notizen im Mohnfeld“

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