Archive for März, 2011

Notizen im Mohnfeld (Nimroz)

Wenn man erst mal knapp 200 Tage tot ist, stellt sich innerlich ein stumpfes, schlauchendes Gefühl ein. Fast kräftezehrend. Obwohl alles sehr warm und hell zu sein scheint, verliert man den Glauben an die Trennung von Tag und Nacht. Die ersten 100 Tage waren sehr eigenartig. Wir haben uns lange darüber gestritten, ob es überhaupt noch Sinn macht über Zeit und ihr Verstreichen zu sprechen, geschweige denn darüber nachzudenken. Etwas, das aufhört, das endet, ja, das passiert einfach nicht mehr. Nach einem Ende gibt es für die Sache, die aufhört zu existieren, absolut nichts mehr. „Unvorstellbar“, sage ich dazu und du nickst kurz, lächelnd. Dieses Lächeln. Es ist ein Ornament, eine Verzierung auf müde gewordenen Mauern. Der Putz bröckelt.

Wie dem auch sei, betrifft einen das erst mal selber – und das wird es früher oder später ja jeden – findet man sich zu Füßen völlig absurder Gedanken wieder. Ich sage das jetzt so leicht, aber ich habe lange gebraucht, das alles zu verstehen. Wenn ich also von Tagen spreche – wie zu Beginn – meine ich eigentlich gar nichts. Nur etwas von dem man in unserem Zustand annehmen könnte, es sei etwas Langwieriges. Jedenfalls waren die ersten 100 Tage sehr eigenartig. Ihr Lächeln hat sich nicht verändert. Mir läuft es kalt den Rücken herunter.

Die Erinnerungen an Afghanistan und das Mohnfeld, die Granatäpfel, die sengende Hitze an einem Ort nahe der iranisch-afghanischen Grenze waren schnell aus unseren Köpfen verschwunden. Wir vergaßen das Schlafen, hatten aber permanent das Gefühl zu träumen. Mit jeder Erinnerung, die uns verließ, baute sich etwas um uns herum auf und nahm Gestalt an. Wir vergaßen auch das Gefühl von Wasser auf unserer Haut. In diesem sehr speziellen Augenblick schauten wir uns in die Augen und die Erinnerung löste sich lautlos auf. Wir merkten das. „Wasser“, dachte ich noch; „Haut“, sagte sie. Aber es war zu spät. Zu unseren Füßen erschien ein See, inkarnierte, ganz plötzlich. Es war wie eine Geburt und wir taten verwirrt. Mitten im Nichts. Einfach unfassbar.

Sie hatte Angst, verstand das alles nicht und weinte viel. Ich versteckte meine Angst und begann Blödsinn zu machen. Einfach was mir in den Kopf schoss, um sie aufzumuntern. Wir hatten hier schließlich nur einen See, grelles Licht, Hitze und schwachen, warmen Wind, der aus allen Richtungen zu kommen schien. Meine komischen Einlagen machten sie nicht sicherer mit dem Nichts um uns herum, aber es lenkte sie und auch mich ab. „Nach 53 Tagen“, wie es mir nach anscheinenden 53 Tagen entglitt, kam der Regen und hielt lange an. Das war an einem Punkt, als ich ihr alle Witze erzählt hatte, die ich kannte. Regen bedeutete Himmel. Himmel bedeutete irgendwo zu sein. Wir hatten kurz Hoffnung zu sein. Aber der Regen kam aus dem Nichts. Wie ihr Weinen. Ich hörte mit den Scherzen auf. Denn wie sagt man so schön: Mit dem Clown kommen die Tränen.

Happy Virus

Weil einem alles so verdammt laut unter die Haut kriechen kann. Und man vor Schreck und Starre alles vergisst, außer zuzuhören.


(Hundreds, Berlin)

Kondensat

Da ist noch was übrig geblieben. Von Erinnerung geschubst, fällt man lachend auf die Knie. Man wühlt sich gemeinsam durch Entwicklung und Veränderung.

Lass uns an dieser Stelle etwas tun“, sage ich und mein Gehirn ist glücklich dabei.

Und was?“, fragst du mich und lächelst auf deinen Monitor.

Ich höre sechs Hände fraktale Spiele auf Tastaturen tanzen.

Ich sage: „Lass uns so tun, als wäre das alles nur konserviert und nicht irgendwie passiert – die ganzen Erinnerungen. Lass uns so tun, als hätten wir nie darüber geredet oder es bewusst wahrgenommen.

Zigarettenqualm steigt in dein Auge und unter langem Blinzeln sagst du „Okay“ und grinst.

Als wäre nichts passiert, sitzen wir da, lügen Relikten unserer Erinnerung mit lautem Herz ins Gesicht. Es ist warm und das Licht ist gelb. Vier flimmernde Monitore, acht tanzende Hände auf Tastaturen. Zwischendurch wird zitiert und gelacht. Dann wird es Nacht, wir löschen das Licht und mindestens einer von uns fühlt sich für einen kurzen Augenblick erleuchtet.

American Animal

Weißt du, das schlimmste an der ganzen Nummer ist ja, dass ich jetzt immer mit dem bizarrsten Scheiß rechnen muss“, sage ich und wische mir den Schweiß von der Stirn. „Ich mein, da geht man ahnungslos, an nichts denkend durch die Straßen und plötzlich fällt eine Komposttonne um und eine höchst merkwürdige Gestalt springt dahinter hervor“, fahre ich fort. „Was zum…?“, sagst du entgeistert und bläst den letzten Zug deiner Zigarette zur Seite. „Ja, Mann, und dann reicht er mir seine Hand, die völlig mit Marmelade verschmiert ist und schüttelt meine als gäbe es keinen Morgen mehr. Ich sagte: ‚Alter, was machst du da? Wer bist du?‘ Und er zieht sein komisches, sonnengegerbtes Gesicht zusammen, zeigt mir seine Zahnlücke und haut einen total lauten Pfeiflaut raus“, sage ich und beginne mir meine geschüttelte Hand zu waschen. „Was zum…?“, sagst du. „Und dann lacht das dreckige Männlein, springt ins Gebüsch und bleibt so liegen, dass man seine Füße sehen kann und kichert.“ Du verschränkst deine Hände hinter deinem Kopf und sagst: „Bizarr.“ Und ich drehe mich zum Fenster, rieche misstrauisch an meiner gewaschenen Hand, blicke in den ersten warmen Frühlingstag durch das Fenster und führe eine Tasse heißen Kaffee an meinen Mund. „Ja“, sage ich, „bizarr und irgendwie auch tragisch.

Nimroz

Die Sonne brennt an einem späten Nachmittag im Juli. Nach einem langen Marsch unter afghanischem Himmel erreichen wir Felder bei Zaran irgendwo in der Provinz Nīmrūz. Uns brennen die Köpfe und die Füße. Auf einem Mohnfeld verstecken wir uns vor bewaffneten Männern. Nach langem Schweigen, setzt sie sich auf, öffnet ihren Rucksack und holt zwei Granatäpfel aus einer dreckigen Papiertüte. Unter Schmatzen werden wir schläfrig. Meine Leinenhose ist völlig durchgeschwitzt. Geduckt bauen wir uns einen provisorischen Sonnenschutz aus unseren Kleidern. Ich spüre einen heißen, langsamen Windstoß, das Feld zittert und wir lauschen der Einöde. Unsere Augen fallen zu. Dann sterben wir und die Unendlichkeit wird real. Ich habe keinen blassen Schimmer, was passiert ist.

Gigantor

Keine Dellen: Weil das Leben hart ist und man nicht davon ausgehen kann, aus Blech zu sein.

(via ITCH)