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Bruchteil

Nein, daran liegt es nicht, denke ich mir, als sie mich zwingt, ihre Frage „Ist dir mein Arsch zu fett?“ ernsthaft zu beantworten. „Ich ficke dich doch“, sage ich und lege schnipsend die Glut frei. Die Asche fällt in den Aschenbecher, ich verfolge ihren Flug für den Bruchteil einer Sekunde. „Wenn mir dein Arsch zu fett wäre, dann würde ich dich nicht ficken, was soll also diese bescheuerte Frage, Mann“, frage ich ruhig, schaue in ihre großen Augen und ihre großen Augen schauen auf meine Worte. Sie sind jetzt gesagt. Wenn man jemanden das Gehirn raus pustet, ist es dasselbe: Hast du einmal abgedrückt, ist es zu spät. Diese Entscheidung ist nur einmal gültig. Worte sind wie Kugeln, können verwunden und können schützen. Also völlig unspektakulär.

Dann geht es dir nur ums Ficken… und hör auf ‚ficken‘ zu sagen, ich mag das nicht… geht’s dir nur ums Ficken, oder was?“, fragt sie.

“. Ich sage nichts, sie hat es eigentlich nicht verdient, dass ich so zu ihr bin. Sie ist dumm und unter anderen Umständen wäre ich der Dumme. Aber hier und jetzt ist sie dumm und ich sehe in ihr nichts anderes als zwei Löcher, die mir für ein Stück Zeit Augenblicke schenken, in denen es unwichtig ist wer ich denn bin.

Ich bin ein fickendes Rädchen in einem Uhrwerk, in dem das eine Rädchen ein anderes Rädchen fickt, weil das Rädchen davor ein anderes Rädchen fickt, das dann wiederum ein anderes Rädchen fickt. Das geht immer so weiter. Wir reichen unsere Probleme fickend weiter, die dann weiter wandern, immer fickend. Mein Problem wird also irgendwann über zehn andere Menschen weitergetragen. Irgendein armes Schwein wird sich also zwangsläufig mit meinen Problemen auseinandersetzen müssen. Er weiß es nur (noch) nicht. Und so ist das auch bei mir: Ich bade die zwischenmenschlichen Probleme eines anderen aus, der sie fickend an jemand herangetragen hat um denjenigen dann alleine mit seiner Verliebtheit sitzen zu lassen. Der Kreislauf wird sich niemals schließen. Dafür brauchen wir einfach die Anerkennung und die Hoffnung.

Ich will dir mehr geben als nur Sex. Hey, ICH will mehr als nur Sex“, sagt sie und bedeckt mit der linken Hand ihre zwei Löcher, in denen ich bis vor fünf Minuten noch glückselig und gedankenverloren bis zu den Eiern gesteckt habe.

Das erzählst du mir seit fast zwei Monaten und immer wieder sage ich dir, dass ich weder kann noch will. Was macht dich glauben, dass sich in diesen vier Wänden irgendwas seitdem geändert hat? Glaubst du im Ernst, ich verliebe mich in dich, wenn du nur lange genug die Beine breit machst und mich anflehst, diesen Anblick als ein Zeichen für mehr zu sehen? Erwartest du wirklich, dass diese Rechnung zu einem Ergebnis führt? Ich bin hier aus dem Grund, weil ich dich geil finde, weil ich mich scheiße fühle und es mir danach besser geht, wenn ich fertig bin. Das hab ich dir am Anfang gesagt, das habe ich dir nach jedem gottverdammten Fick erzählt. Wieso lässt du dich noch von mir benutzen, Mann?

Weil ich mehr will…“, sagt sie.

Als was?“, frage ich und bete darum, dass sie nicht ‚als zu ficken‘ sagt.

Als zu ficken“, antwortet sie.

Seit zwei Monaten sucht sie nach Gründen, warum sie von meinem Inneren nicht mehr als mein Sperma zu sehen oder zu spüren bekommt. Die einzige flüchtige Wärme, die ich ihr geben kann. Mit jedem Mal wurden ihre Fragen ratloser, immer trauriger. Heute sind wir bei ‚Ist dir mein Arsch zu fett‘ angekommen.

Ich würde ihr am liebsten sagen, dass ich mich schäme, sie meinen Freunden vorzustellen, meinen Eltern ganz zu schweigen. Sie ist bildschön, aber sie versteht keine Ironie, sie hat noch nie ein Buch gelesen, sie ist dumm, voller Probleme, hört beschissene und fragwürdige Musik, ist im alltäglichen Umgang mit Menschen hilfsbedürftig und oberflächlich, ist zu keiner vernünftigen Unterhaltung oder Entscheidung in der Lage, weil ihr Horizont so unendlich klein ist, sie läuft ausschließlich in Klamotten rum, bei der kein Typ dieser Welt auf anständige oder respektvolle Gedanken kommen würde. Sie mag keine Ausländer, einfach weil das ihre unterbelichteten Freunde aus ihrem Heimatdorf so sehen, genau wie ihre Eltern. Und last but not least, hat sie einen ultrahomophoben und Ausländer verabscheuenden Freund, seit sechs Jahren oder so, der am Wochenende nur X-Box spielend zuhause auf seinem Arsch sitzt, anstatt mit diesem Mädchen mal was zu unternehmen oder ihr Aufmerksamkeit zu schenken. Und der ist unter der Woche beim Bund, während ich sie Nacht um Nacht ficke und ihr Hoffnung mache. Hoffnung im Sinne, dass ich irgendwann mit einem Auto bei ihr aufkreuze und sie prinzmäßig zu einem neuen Leben entführe.

Aber wer bin ich schon? Wieso sollte ich ihr das sagen, wenn ich mich für diese behinderten Gedanken selbst in den Grund und Boden schämen müsste? Ich bin auf eine andere Weise dumm als sie. Vielleicht sogar dümmer. So ist das halt.

Lass uns nochmal ‚Liebe machen‘, vielleicht hör ich dann auf darüber nicht nachzudenken“, sage ich.

Und so wie ich das sage, ‚Liebe machen‘, hätte ich mir an ihrer Stelle sofort die Zähne eingeschlagen. Ich komme in dieser Nacht noch zweimal in ihr. Sie nur einmal. Aber das interessiert mich nicht.

6 Kommentare

  1. Erstellt am 7 Mai ’10 um 00:34 | Permanent-Link
  2. Erstellt am 7 Mai ’10 um 00:46 | Permanent-Link

    Guter Sound, Mann, gute Lyrics, gute Message. Botschaft angekommen. Danke dafür.

  3. Erstellt am 15 Mai ’10 um 19:09 | Permanent-Link

    “Vielleicht. Aber… beginnt Politik nicht im Bett? Und ist es nicht so, dass die Katastrophen der Geschichte nur Vergrößerungen zwischenmenschlicher Probleme sind? Und ist die Perversion der Banker nicht eigentlich unsere?

    So oder ähnlich könnte man sich verteidigen. Interessanter fände ich, über Dramaturgien nachzudenken, die den systemischen Zwängen – den Erfahrungen der Moderne – besser Rechnung tragen als die hergebrachten Geschichten.”

    http://parallelfilm.blogspot.com/2010/05/das-sichtbare.html

    • Erstellt am 20 Mai ’10 um 00:21 | Permanent-Link

      Die Möglichkeiten sind da, aber risikoreich. Und wir befinden uns in einem dermaßen Individualisierungsprogramm, in dem Risiken gleichermaßen gescheut und eingegangen werden. Ich glaube, dass man nur sehr schwer die Ausmaße erkennt, wenn man die Lupe über unseren Denkprozess hält. Dramaturgien in der Moderne laufen ad absurdum und das sehr oft: Erfahrung und die Tatsache und das Unvermögen mit den gewonnenen Erkenntnissen etwas schlaues oder gutes anzufangen.

      Unter der Geschichte steht keine Bilanz, nur ein Aha-Effekt und die Lähmung, dass man sich wiederholen wird. Nicht als Individuum, sondern als mensch im Ganzen.

  4. Erstellt am 22 Aug ’10 um 21:57 | Permanent-Link

    ein aufschlußreicher text, wenn gleichzeitig auch sehr drastisch. aber befindet man sich in einer ähnlichen lage und liest gleichzeitig einen text, von dem man glaubt, dieser nähme die eigene perspektive ein, ist man froh. denn, auch wenn ich für meinen teil die gefickte perspektive einnehme, half es mir doch den “mechanismus “, den du herausstellst und und vorführst, daraufhin auszuhebeln. nichts für ungut.

Ein Trackback

  1. Von meierrr - Brieffreunde am 28 Jul ’10 um 16:30

    [...] “Wenn man jemanden das Gehirn raus pustet, ist es dasselbe: Hast du einmal abgedrückt, ist es… [...]

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